Rüeblistamm
20.11.2017 - Peter Strub

Besuch der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg

 

 

Der Rüeblistamm besuchte am 16.11.17 die Strafanstalt Lenzburg

Punkt 13.30 Uhr standen 23 Mitglieder des Rüeblistamms vor den Toren der JVA zur Eintrittskontrolle bereit (wer zu spät kam, blieb draussen). Es sollte eine der interessantesten, aber auch anspruchsvollsten Veranstaltungen des Jahres werden. Bereits die Eintrittskontrolle zeigte eindrücklich, wie seriös und professionell hier gearbeitet wird (wobei ein Teil der Kontrolle bestimmt auf Grund der eingereichten Meldeliste vorgängig erfolgt war).

Herr Andreas Ramseier, Leiter Bildung und Freizeit, geleitete uns in einen Vortragsraum, wo er uns mittels Referat, Dias, Film, Erfahrungsberichten über das Leben in der Strafanstalt aus Sicht der Angestellten, als auch der Insassen, detailliert informierte. Wichtige Themen sind Sicherheitsauftrag, Resozialisierung, Aufteilung der Strafbestände, Anforderungen ans Personal, Beschäftigungsmöglichkeiten, Jugend- und Altersinsassen etc. Herr Ramseier verstand es, die rund 1 ½ stündige Information derart intensiv, spannend, voller Engagement, aber immer mit nötigem Respekt und grosser Sorgfalt vorzubringen, dass ihm alle Gäste von der ersten Minute an gespannt zuhörten. Ich wünschte, alle Strafanstalten der Welt hätten einen derart interessierten, kompetenten und engagierten Mitarbeiter.

Einen grossen Teil der Infos bildeten natürlich auch die Zahlen. Ein kurzen Auszug: Eröffnung 1864 mit Direktor J. R. Müller, als damals modernstes Gefängnis der Schweiz, ohne Prügel- und Kettenstrafen. Haftanstalt mit ca. 216 Plätzen (seit 1995 Hochsicherheitsabteilung für gefährliche Straftäter) 12 Plätze für Langzeitgefangene 60 +, Zentralgefängnis 84 Plätze (ca. 300 m neben der Haftanstalt), Total ca. 200 Mitarbeiter, seit einigen Jahren biometrische Kontrolle, ab 2006 erste Handy-Störanlage, elektronische Hagsicherung, Augenkontrolle per Iris-Leser, ca. 30 % Schweizer und ca. 70 % Ausländeranteil aus 47 Ländern, ca. 18 Arbeitsabteilungen, wie Buchbinderei, Druckerei, Schlosserei, Korberei, Bauernhof, Wisa-Gloria-Klinik, etc. Arbeitende Gefangene erhalten ein Salär von ca. Fr. 300.--/Monat, wovon 1/3 für sofortige Ausgaben wie Zigaretten, Schokolade etc. ausbezahlt wird.

Wichtiger als die Zahlen waren bei unserem Besuch allerdings die Emotionen. Hiezu kann ich mich natürlich nur zu meiner Person äussern (glaube aber den Gefühlen der Mehrheit zu entsprechen). Vom Eintritt in die Haftanstalt bis zum Verlassen fühlte ich eine gewisse Beklommenheit. Wir konnten (entgegen den Erwartungen) die meist unterirdischen, endlosen Gänge abschreiten, wanderten den Zellen entlang, bestaunten den Kontrollturm im Zentrum, gingen an freundlichen oder auch eher stillen Gefangenen vorbei, konnten die Arbeitsräume besichtigen, ebenso eine leer Zelle. Beim Rundgang kam mir die Bemerkung eines Angestellten der JVA Pöschwies vor Jahren in den Sinn: Die Bevölkerung tobt jeweils bei der Verurteilung von groben Straftätern: “Urteil viel zu mild – man sollte sie……“ (dann kommen mittelalterliche Strafmassnahmen aufs Tapet!!!). Wenn die gleichen Täter später über ungerechte Behandlung oder ungenügendes Essen klagen, wenden sich dieselben Leute gegen die Justiz und verlangen Verbesserungen. Der Strafvollzug ist ein heikles Thema in unserer Gesellschaft. Den Spagat zwischen Sühnemassnahme und humanitärer Zivilisation meistern die Mitarbeiter der JVA Lenzburg soweit ich das beurteilen kann, beachtenswert souverän und professionell.

Trotzdem atmeten wir vor der Anstalt anschliessend erstmal tief durch.

 

Angebot im 5-Sterneladen

Übrigens: Der öffentlich zugängliche Laden an der Ecke Ammerswilerstrasse / Ziegeleiweg, neben der JVA, ist einen Besuch wert. Verkauft werden qualitativ hochwertige Waren von Haus- und Landwirtschaft, aus den Aterliers und Werkstätten. Nebst Brot und Backwaren, Joghurt, Konfitüren, Gemüse, Früchte, Körbe, Holzwaren etc., können auch Weine aus dem eigenen Rebberg (Goffersberger) gekauft werden.

 

Zur Stärkung im Museum

Da es aus dem Gefängnis keine Aufnahmen gibt, kann ich für weitere Bilder / Videos und Informationen folgende Webseite empfehlen.

Bericht: Peter Strub

Organisation und Fotos: Köbi Zimmermann

Gastautor: 
Peter Strub

Kommentare

Lieber Peter,

dieser Bericht ist erste Sahne, damit hast du unsere Eindrücke ausgezeichnet wiedergegeben. Es war einer der besten Events, die wir miterleben durften.

Dir Peter, Köbi und Beatrice herzlichen Dank für Organisation und Bericht.

Mambo mit Greth

Auch ich möchte mich bei allen Verantwortlichen herzlich bedanken. Es war ein hochinteressanter Nachmittag. Das Gehörte blieb noch lange in meinem Kopf.

Erika

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