14.09.2017 - Corina Preiswerk

Das Prestige-Symbol am Männerhals

Kategorie: 
Eine Welt ohne Krawatten wäre schlicht undenkbar. Krawattenträger begegnen uns täglich: Von den Politikern und Wirtschaftsführern im Fernsehen und in der Presse bis hin zu den Kollegen im Büro, im Tram oder im Zug, von denen es keiner wagen würde, ohne Krawatte zur Arbeit zu erscheinen. Zaghafte Lockerungen sind allerdings zu verzeichnen. Doch wie erklärt sich die Dominanz dieses kleinen Stücks Stoff am Hals? Jedenfalls stammt es aus dem militärischen Bereich.
 

Schon die römischen Legionäre kannten eine Halsbinde, die den Kragen geordnet zusammenhalten sollte. Das sogenannte focale ist die erste von unzähligen Varianten dieses Elements der Uniform. Über die Jahrhunderte hinweg hat es sich mit dem Stil der ­Uniformen weiterentwickelt – von Land zu Land, von Heer zu Heer. Die bekannte Legende vom Hof des französischen Königs Louis XIV. berichtet, dass dieser bei einer Truppenparade ein kroatisches Regiment erblickte, dessen Uniformkragen mit einem besonders auffälligen farbigen Band geschmückt war – à la croate. Die Nähe zu cravate ist offensichtlich; der König soll so begeistert gewesen sein, dass er sofort einen cravatier beauftragte, ihn täglich bei der Wahl der passendsten Halsbinde zu beraten. Der gesamte Adel tat es ihm anschliessend gleich.

Macht, Eleganz, Einfluss, Elite

So ist es bis heute geblieben. Wer eine Führungsposition innehat, trägt Anzug und Krawatte. Von den Entscheidungsträgern bis in die untersten Chargen wird diese Vorschrift noch weitgehend eingehalten. Ob in Business- oder Politikerkreisen, ob in der Welt der Reichen und Schönen: Die Globalisierung der Männermode funktioniert. Abweichler, die bewusst auf die Krawatte verzichten (wie etwa der griechische Regierungschef Alexis Tsipras, Minister aus Iran oder Parlamentarier aus unterschiedlichsten Parteien), wecken Misstrauen. An britischen Eliteschulen und in Clubs ist die einheitliche Krawatte eine Selbstverständlichkeit. Schulkinder tragen in vielen Ländern Schuluniform – meist mit Krawatte. In zahlreichen ­Unternehmen ist die Firmenkrawatte als Zeichen der Zugehörigkeit erwünscht.

Wo bleibt die Individualität?

Mancher Bankangestellte mag sich über den sturen Anzugzwang ärgern. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, sein persönliches Profil zu betonen. Ein Mittel ist die Wahl der Krawatte; mit gewissen Farben und Mustern kann man Kreativität signalisieren und sich auf der Skala des Geschmacks, der ja bekanntlich viel über den Charakter aussagt, im gewünschten ­Bereich positionieren. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich der neue amerikanische Präsident so oft für provozierendes Rot entscheidet. Oder dass andere Prominente lieber bei diskreten Grau- und Schwarz­tönen bleiben. Ein Schattendasein führt der Seidenschal, der anstelle der streng gebundenen Krawatte locker im ­offenen Hemdkragen getragen wird. Auch er übermittelt eine Botschaft: Der Träger legt zwar Wert auf Eleganz, hat aber einen Hang zum Künstlerischen oder ist ein bekennender Dandy.

Kunst am Knoten

Für Krawattenfans ist ein korrekt gebundener ­Knoten wichtig. Ob Windsor-, Kent-, Four-in-Hand- oder Grantchester-Knoten ist Ansichtssache. Anleitungen ­aller Art findet man auf Google. Schon im Jahr 1827 erschien dazu das Buch «L’art de mettre sa cravatte» von einem adeligen Verfasser namens Saint Hilaire – mit

32 verschiedenen Bindetechniken. Ein Tipp an unsere Leser: Probieren Sie doch wieder mal etwas Neues!

 

 

«Ein Mann ist so viel wert wie seine Krawatte, durch sie enthüllt sich sein Wesen, in ihr zeigt sich sein Geist.» Honoré de Balzac, französischer Dichter (1799 – 1850)

 

 

Gastautor: 
Corina Preiswerk

 Teilen
Nach Oben