20.03.2017 - Andreas Honegger

Der Garten: ein Stück gestaltete Welt

Kategorie: 

Gartenarbeit

 

Pflanzen beim Wachsen und Blühen zuzusehen, ist eine der befriedigendsten Sachen in unserem Leben. Wir können das bei Wanderungen in den Bergen tun, beim Spaziergang im Wald, im Garten vor dem Haus oder auch nur auf unserem Balkon oder auf der Fensterbank. Denn jede Pflanze verbindet uns mit unendlich vielem, schreibt Andreas Honegger.

Ja, für die Freunde der Pflanzen ist ein Garten ein Privileg – auch wenn viele Leute darin leider nur die Arbeit sehen – aber es reichen nur wenige Töpfe auf dem Fenstersims oder auf dem Balkon, um sich der Natur nahe zu fühlen. Pflanzen geben uns ein Gefühl für den Wechsel der Jahreszeiten, das urbane Menschen oft kaum mehr wirklich spüren.
Irgendwann kommt der Moment, wo das Gärtnern ins Philosophieren umschlägt: Soll ich wirklich ein prächtiges Blumenbeet anlegen, oder möchte ich eine Trockenwiese oder gar einen Naturgarten, in dem ich der arg strapazierten Natur mitten im Siedlungsgebiet wieder eine Chance gebe? Statt ordentlicher Beete gewissermassen ein Robinsonspielplatz für Pflanzen und Tiere. Und bald ist man konfrontiert mit der Frage, ob man seine Rosen spritzen soll oder sie der Umwelt zuliebe mit fleckigen Blättern und gierigen Blattläusen akzeptiert. Zum Glück gibt es heute organische Dünger und biologische Spritzmittel, sodass man sich für einen Kompromiss entscheiden kann.
Vielleicht aber packt einen auch der Ehrgeiz und man will einen wirklich schönen Garten gestalten, einen mit eleganten Hecken und architektonisch angeordneten Bäumen und Pflanzen. Und bald wird man sich mit Gleichgesinnten finden und sich austauschen: Erfahrungen werden weitergegeben und Stecklinge, Fotografien herumgezeigt. Bald lernt man, dass die Welt der Pflanzen eine gewaltig grosse ist: praktisch unsere ganze Welt mit wenigen Ausnahmen ist voller Pflanzen, welche sich mit der Evolution so wunderbar entwickelt haben, dass sie sich immer wieder an wechselnde Standorte und Lebensbedingungen angepasst haben. Genau das können wir bei uns im Garten nachmachen: Ist es nicht wunderbar, dass eine Pflanzenfamilie wie die Wolfsmilchgewächse (Euphorbia) sich in kalten Wäldern, in steinigen Felshängen, in Wüsten, aber auch im Wasser von Teichen wohlfühlt? Natürlich immer wieder in anderen Arten.
Gärtnerinnen und Gärtner staunen über die Natur und sie können nie genug davon bekommen, zu beobachten, wie klug und wie differenziert sich das Leben in den letzten paar Hundert Millionen Jahren entwickelt hat. Aber es wächst auch die Besorgtheit angesichts der Bedrohung vieler Arten durch die ungebremste Ausdehnung der menschlichen Zivilisation. Viele Arten gibt es nur noch in zoologischen oder botanischen Gärten. Ihre natürlichen Biotope müssen dem Raubbau der Menschen weichen, die, von ihrem Hunger gezwungen, immer mehr Urwälder abholzen. Ob die Spezies Mensch ihr rasantes Wachstum noch in den Griff bekommt, bevor die Schäden an der Natur irreversibel sind, weiss zur Zeit niemand. Aber da wir vielleicht doch nicht in der besten aller Welten leben, sollte man sich nicht allzu sehr über Dinge das Hirn zermartern, wenn keine Lösung der Probleme absehbar ist, sondern wir wie Voltaires Candide finden: «il faut cultiver notre jardin». Wir bestellen also unseren Garten und gestalten ein Stück Welt, so, wie wir es für richtig halten.
Der Besuch von gepflegten Gärten ist heute ein wichtiges Standbein des Tourismus. England ist in dieser Hinsicht immer noch ein grosses Vorbild. Hier haben schon vor Jahrhunderten Gartengestalter prächtige Anwesen für die Aristokratie geschaffen, deren Vorbild im 19. und im 20. Jahrhundert viele begeisterte Gartenliebhaber von bürgerlichem Stande gefolgt sind. Langsam hat sich auch auf dem europäischen Festland die Begeisterung für Gärten ausgebreitet. Und schliesslich hat man auch in der Schweiz begonnen, die Pforten der Gärten an Quartiergartentagen zu öffnen.
Der Garten, das muss hier festgehalten werden, ist für viele Menschen auch eine Art zusätzliches Zimmer im Freien. Man lebt mit seinen Pflanzen fast rund um die Uhr und eine jede von ihnen erzählt uns eine Geschichte: Einzelne Pflanzen sind Ableger von Stöcken, die einst im Garten der längst verstorbenen Grosseltern wuchsen – Erinnerungen an die Kindheit. Andere wurden von einer Reise mitgebracht, und repräsentieren eine Vielfalt von Erinnerungen. Vielleicht aber war eine Pflanze das Geschenk guter Freunde und verkörperte eine frühere Epoche des eigenen Lebens, oder sie ist eine Rarität, die man sich von einer spezialisierten Gärtnerei von weit her zuschicken liess.

Gastauthor: 
Andreas Honegger

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