22.09.2016 - Sabina Zelnik

Die Welt hört nicht beim «Gartetörli» auf, sie fängt dort erst an.

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Verena Strausak (69) ist seit 2013 freiwillige Helferin im Pfuusbus. Die «unglaubliche Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit, zu helfen», hat sie damals überzeugt, sich zu engagieren. Uns erzählt sie, wie sie diese Arbeit als Seniorin erlebt.

 

Wie sieht Ihre Arbeit heute bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber aus?
Ich arbeite jeweils am Montag von 18.00 Uhr bis 9.00 Uhr am Dienstagmorgen als Hüttenwartin im Pfuusbus. Wir empfangen die Obdachlosen, geben ihnen Essen, bieten ihnen einen Schlafplatz an und sorgen für Ordnung im Pfuusbus, aber auch untereinander. Es liegt in unserer Verantwortung, wen wir reinlassen und wen nicht. Zusätzlich organisiere ich zusammen mit zwei weiteren freiwilligen Helferinnen zweimonatlich einen kreativen Tag.

Werden Sie Ihres Alters wegen anders wahrgenommen als Ihre jüngeren Kollegen?
In der Regel suchen sich Hilfsbedürftige ihre Bezugspersonen unter den freiwilligen Helfern aus. Doch gerade wegen meines Alters und meiner grossen Lebenserfahrung werde ich von den Pfuusbus-Besuchern eher wahrgenommen — insbesondere von den Älteren. Ich erlebe immer wieder grossen Respekt und Vertrauen mir gegenüber und kann ihnen auf einer anderen Ebene begegnen.

Welche Aufgaben können pensionierte Helfer übernehmen?
Unter den 70 freiwilligen Mitarbeitern im Pfuusbus gibt es rund einen Viertel, der pensioniert ist. Es gibt so viele Möglichkeiten, zu helfen, man muss keine spezifischen Berufsfelder abdecken.

Wie reagieren Ihre Enkel und Ihre Altersgenossen auf Ihre Tätigkeit im Pfuusbus?
Meine Enkel finden es mega-Cool! Sie möchten viel über die Obdachlosen wissen; wo sie leben, was sie essen, was sie machen. So entstehen immer wieder wertvolle Gespräche mit meinen Enkeln, während denen sie ihre Angst abbauen können. Sie setzen sich früh damit auseinander, dass es viele Menschen gibt, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Altersgenossen reagieren eher skeptisch auf meine Arbeit. Viele sagen, dass sie das niemals machen könnten. Ich erlebe eine grosse Hilflosigkeit, eine Schwellenangst, man weiss nicht, wie man diesen Menschen begegnen soll.

Was kann man gegen diese Hemmschwelle tun?
Grundsätzlich muss man keine Angst vor den Obdachlosen haben; sie haben auch keine Angst vor uns. Wenn man sich entscheidet, ein kurzes Stück Weg mit Hilfsbedürftigen zu gehen, dann soll man ihnen in die Augen schauen und sie als Menschen wahrnehmen. Man darf kein Helfersyndrom haben, muss sich abgrenzen können und realistisch bleiben.

Warum machen Sie das alles und geniessen nicht einfach Ihren Garten?
Es gibt viele Senioren, die noch sehr viel Kraft haben und mitten im Leben stehen. Es ist eine tolle Gelegenheit, diese Kraft weiterzugeben – denn es gibt viel mehr zurück, als es Probleme schafft. Für mich ist es ein Stück Leben. Wenn ich nur in meinem Garten sässe, würde ich aufhören zu leben. Wir Pensionierte bleiben so am Puls des Lebens und flexibel in alle Richtungen. Solange ich kann, werde ich mich für diese Menschen einsetzen. Ich habe ein wunderbares persönliches Umfeld, das mir jeden Tag Kraft dafür gibt.

Gastauthor: 
Sabina Zelnik

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