22.09.2016 - SeniorIn

Vom Trainer zum Geschichtenerzähler

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Seine Karriere ist schillernd und brillant zugleich. Junior beim FC Thun, Laborantenlehre, Goalie beim FC Thun und bei den Berner Young Boys, Korporal bei der Schweizer Armee, Laborleiter bei den Rüstungsbetrieben der Schweiz, Fussball-Trainer bis hinauf in die 1. deutsche Bundesliga, eloquenter Fernsehkommentator, Motivator und Buchautor und jetzt: begnadeter Geschichtenerzähler und ein stets auf der Lauer sitzender Fotograf. Sein bevorzugtes Motiv: Vögel aller Art.

 

«Das isch doch e Schwalbe», so heisst bezeichnenderweise sein neuestes Buch und so ist gleich auch die erste von 47 Kurzgeschichten überschrieben. Kurzgeschichten, die er mit starken — seinen — Bildern belegt. Hanspeter Latour (68) erzählt:
«Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Aber sie erzeugt Emotionen. Frust im Fussballstadion und Lust in der Natur. Während der Arbeit an diesem Buch sorgte eine Schwalbe im Match zwischen YB und Sion für einen riesigen Wirbel in den Schweizer Medien. Ein YB-Spieler hatte sich unbehelligt perfekt hingeworfen: eine Schwalbe. Nicht zum ersten und leider bestimmt auch nicht zum letzten Mal rückte eine Strafraumaktion in den Fokus der hiesigen Fussballwelt. Nun, im vorliegenden Buch und in meinem neuen Lebensabschnitt stellt sich für mich als ehemaliger Spieler, Trainer und Fussballexperte nicht mehr die Frage, ob Foul oder Schwalbe, sondern ob Mehl- oder Rauchschwalbe.
Stellen sie sich einmal vor, die Schiedsrichter müssten nicht nur entscheiden, ob Schwalbe oder nicht, sondern auch welche Art der Schwalbe. Und wie verdutzt die Spieler und Ligaverantwortlichen schauen würden, wenn es im Schiedsrichterrapport heissen würde: «Gelbe Karte» wegen Mehlschwalbe oder Gelb-Rot und somit Ausschluss wegen wiederholter Rauchschwalbe im gegnerischen Strafraum»! Absurd? Klar. Aber es schadet auch nicht, wenn man sich leidenschaftlich am Sport erfreut — und dabei die Natur nicht ganz vergisst...»

Hanspeter Latour, Sie haben Abschied genommen vom Fussballtrainer, Sie haben Abschied genommen vom Fernsehkommentator. Sie haben sich pensioniert, ziehen sich in ihr Reich zurück. Beim Lesen Ihres Buches habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie genauso engagiert, ja, genauso ungestüm jetzt den Vögeln nachstellen? Selbst Ihre Frau Thilde ist manchmal überrascht davon.
Hanspeter Latour: Durch die Pensionierung hat nur das Stadion gewechselt. Die Leidenschaft ist, wie Sie richtig festgestellt haben, geblieben. Dies nicht immer nur zur Freude meiner Frau Thilde. Jedenfalls nicht, wenn ich beim Autofahren überraschend aussteige, ohne etwas zu sagen, und einen überraschend gesichteten Vogel unbedingt fotografieren will.

Dennoch: wie gelingt es Ihnen immer wieder, zu warten, stillzuhalten, auf der Lauer zu liegen, bis sich ein Vogel von der besten Seite zeigt, bis Sie ihn facettenreich fotografieren können?
Da haben Sie recht. Das ist nicht so einfach. Ich sagte mir, ein neuer Lebensabschnitt soll und darf auch einen neuen Lebensinhalt erhalten. Eine Veränderung, die mir gefällt, obwohl ich dabei — schmunzelt — immer wieder vom Fussball eingeholt werde. Immer wieder dann, wenn ich unterwegs als Fussball-Versteher angesprochen werde.

Als Fernsehkommentator machten Sie mit Ihrer Eloquenz Furore. Sie schafften sich eine Fan-Gemeinde. Die rauen Sitten in den Fussball-Stadien erschrecken bisweilen. Ein riesiger Unterschied zu Ihrem jetzt beschaulichen Wirken?
Tatsächlich. Ich lerne im Alter ruhiger zu sein und bei Bedarf zu schweigen. Oft werde ich von Kollegen gehänselt. Sie sagen mir, in meiner neuen Leidenschaft werde wohl kein allzu hohes Niveau erreicht. Aber: Tiere in der Natur zu beobachten, ist etwas sehr Spannendes. Sie dabei zu fotografieren, eine grosse Herausforderung. Genau so wie damals. Nur ohne Lärm, dafür wohltuende Stille.

Sind Sie nun dort angekommen, wo Sie immer hinwollten, sind Sie am Ziel Ihrer Träume, in der Natur? Oder war es damals, als Sie zum Cheftrainer des 1. FC Köln, in der deutschen Bundesliga, einer der besten Ligen der Welt, berufen wurden?
Die beiden Einschnitte in meinem Leben sind nicht zu vergleichen. Mit meinem Leben darf ich — Gott sei Dank — bisher zufrieden sein. Einige Träume haben sich erfüllt und mit dem neuen Buch geht ein weiterer, für die Pensionierung aufgesparter Traum in Erfüllung.

Sie sind begehrt als Motivator in Unternehmungen, sie sind ein Referent, der Säle zu füllen vermag. Und jetzt ist Schluss. Oder was folgt auf das Buch «Es isch doch e Schwalbe!»?
Meine Referenten- und Kommentatorentätigkeiten habe ich tatsächlich abgeschlossen. In nächster Zeit werde ich für die Buchvorstellung und den Buchverkauf unterwegs sein. Darauf freue ich mich. In der letzten Geschichte meines Buches habe ich Giovanni Trapattoni mit «Ich habe fertig» zitiert. Ihre Frage beantwortend, sage ich sicherheitshalber: Ich habe vorläufig fertig!

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