22.09.2016 - SeniorIn

Wer rechnet, stärkt die AHV

Kategorie: 

Pro: Sieben Fragen an Tamara Funiciello, Präsidentin der Juso Schweiz

 

Sie kämpfen für die Initiative «AHVplus» der Gewerkschaften. Das wichtigste Argument dafür?
Wer ein Leben lang hart gearbeitet hat, der soll von seiner Rente aus erster und zweiter Säule anständig leben können, ohne Wenn und Aber. Das sind wir unseren Eltern und Grosseltern schuldig. Für jede dritte Rentnerin ist die AHV die einzige Einkommensquelle. Bei den Männern ist es jeder fünfte. Angesichts der AHV-Maximalrente von 2'350 CHF/Monat leben diese Menschen sehr bescheiden oder brauchen Ergänzungsleistungen (EL). Doch das Leben wird teurer. 1975 reichten für die Miete einer 2-Zimmer-Wohnung und die Krankenkassenprämie die Hälfte einer Maximalrente. Heute gehen dafür bereits 70 Prozent drauf. Allein deshalb braucht es eine Erhöhung der AHV um 10 Prozent.

Sie wollen die AHV auf solide Füsse stellen. Wie?
Die AHV ist sicher. Denn die Beiträge fliessen direkt in Renten und sind viel weniger den Risiken der Finanzmärkte ausgesetzt als unsere Pensionskassengelder. Und entgegen der Panikmache der bürgerlichen Politikerinnen und Politiker ist die AHV grundsätzlich solide. Obwohl seit 1975 die Lohnbeiträge an die AHV nie erhöht wurden und nur einmal ein zusätzliches Mehrwertsteuerprozent dazukam, zahlt die AHV nämlich heute mehr als doppelt so viele und erst noch höhere Renten als damals aus. Klar ist, dass es für die Renten der Babyboomer vorübergehend etwas mehr Geld braucht. Ein Mehrwertsteuerprozent reicht aber. Und für die AHVplus-Erhöhung reichen je 0,4 Lohnprozente für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Ein 30-Jähriger mit einem Bruttolohn von 5000 CHF zahlt dafür bloss etwas mehr als 20 CHF/Monat. Später erhält er dafür aber pro Monat 200 CHF mehr AHV. Das lohnt sich.

Sie sind gegen eine Schuldenbremse bei der AHV. Warum?
Dahinter steckt der Plan von Arbeitgebern und bürgerlichen Parteien, das Rentenalter zu erhöhen, obwohl Leute über 50 schon heute Mühe haben, bis zum ordentlichen Rentenalter überhaupt ihre Stelle zu halten. Die Strategie ist zweigleisig. Einerseits wollen sie die AHV knapphalten und kaum mehr Geld zuführen. Auf der anderen Seite soll das Rentenalter automatisch heraufgesetzt werden, wenn die AHV-Finanzen wegen der Babyboomer aus dem Lot geraten. Das Volk soll dann aber nichts mehr zu sagen haben.

Bundesrat Alain Berset will mit seinem Projekt «Vorsorge 2020» das 3-Säulen-Prinzip neu ausgestalten, eine Balance zwischen der 1. und der 2. Säule herstellen. Der Ständerat ging gar weiter, er will die Kürzung des Umwandlungssatzes in der 2. Säule mit einer Erhöhung der AHV für Neurentner von 70 CHF kompensieren. Warum sind sie dafür, warum sollen die aktuellen Rentner davon ausgenommen werden?
Nein, sie sollen nicht ausgenommen werden. Die Erhöhung der AHV-Renten für Neurentner ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Sie reicht aber nicht. Einerseits ist sie zu tief. Viele heutige Rentner/innen müssen eng rechnen und sind auf eine höhere AHV angewiesen. Deshalb lege ich mich für AHVplus ins Zeug. Denn dies ist die einzige Lösung, mit der die heutigen Rentnerinnen in Zukunft etwas mehr bekommen.

Bürgerliche Gegner der Initiative legen dar, dass alle Mitglieder der aktiven Bevölkerung die Rentner mit über 1000 CHF jährlich finanzieren würden. Können Sie diese Darstellung widerlegen?
Es ist nicht klar, was da genau berechnet wird. Klar ist, dass seit Menschengedenken die aktive Generation für die Älteren schauen muss. Dank der AHV und auch der Pensionskassen konnte die Altersarmut stark eingedämmt werden. Die Jungen müssen so nicht mehr direkt für ihre betagten Eltern aufkommen. Sinken jedoch die Renten — etwa die Pensionskassenzahlungen für die künftigen Rentner/innen — müssen die Kinder wieder mehr direkt unterstützen. Deshalb braucht es mehr AHV. Gerade für Junge ist das finanziell interessant. Pro Beitragsfranken erhalten sie nämlich viel mehr Rentenfranken als in der zweiten oder dritten Säule.

Sie priorisieren in der Altersvorsorge die 1. Säule, damit das Umlageverfahren. Sie übernehmen dadurch die Position des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Warum?
Weil dieses Verfahren sehr gut funktioniert, es gerecht ist, für den Grossteil der Bevölkerung am meisten bringt, Ungleichheiten in der Gesellschaft ausgleicht, nicht den Launen der Finanzmärkte ausgesetzt ist, die Banken und Versicherungen sich damit keine goldene Nase verdienen und dieses Verfahren im Vergleich zu den Pensionskassen das bessere Preis- Leistungs-Verhältnis bietet.

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre eigene Vorsorge? Rechnen Sie mit einer Rente, die Ihre Existenz sichert und den bisherigen Lebensstandard weiterhin garantieren wird oder nicht?
Natürlich, das ist der verfassungsmässige Auftrag der AHV. Und ich bin überzeugt, wenn wir uns am 25.9. für eine starke AHV aussprechen, wird auch meine Generation von dieser sozialen Errungenschaft profitieren. Denn, wer rechnet, stärkt die AHV.

 Teilen
Nach Oben