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12.01.2017 - Andreas Iten

Über die Eliten

Ein fiktives Gespräch zwischen Sokrates und Alkibiades. Das Wort Elite war in Verruf gekommen. Alkibiades benutzte es, um seine Gegner schlecht zu machen.

Sokrates suchte in Athen Alkibiades auf, den Politiker und späteren Feldherrn. Er ärgerte sich, weil der einflussreiche Alkibiades die führenden Männer der Polis unfair attackierte. Er nannte sie verächtlich die Elite. Dem skeptischen Sokrates war im Laufe des Streites klar geworden, dass es Alkibiades um Einfluss und Macht ging. Er ahmte reiche Bürger nach, die zu Ämtern kamen, weil es ihnen gelungen war, die politische Elite schlecht zu reden. In Alkibiades Saal, wo sich die beiden trafen, herrschte Kampfstimmung. 

Sokrates zu Alkibiades: „Du kämpfst gegen die Elite im Staat. Wen zählst Du zur Elite?“

„Das sind die führenden Köpfe in Athen. Sie bestimmen, was gilt.“

„Gibt es aber nicht bedeutende Persönlichkeiten wie Handwerker, Baumeister, Schiffsbauer, Priester, Gelehrte, Lehrer, die zur Elite gehören?“

„Nein, ich zähle nur diejenigen dazu, die das Regiment der Stadt bilden. Philosophen, verzeih mir Sokrates, haben nichts zu sagen. Die Dichter schwafeln etwas. Darum ist Platon, Dein Freund, gegen jegliche Dichtkunst, vor allem verachtet er die Komödien. Er misstraut der Kultur. Dichter reden und schwatzen, und tun, als ob sie die Weisen wären.“

„Diese Aussagen entsprechen auch dem Vorwurf, den Du gegen weitere führende Kreise erhebst. Du beleidigst sie mit Deinem Zynismus.“

„Sie verdienen meine Verachtung.“

„Verdienen sie diese wirklich? Wer schafft denn in unserer Polis die materiellen und geistigen Werte, die Grundlagen, ohne die ein Staat nicht bestehen kann?“

„Diejenigen, die Du meinst, gehören, mein kluger Sokrates, nicht zur Elite.“

Sokrates fragte hartnäckig nach, ob sich die Eliten nur aus jenen zusammensetzen würden, die das Volk regieren. Eine solche Ansicht könne er nicht teilen, denn es unterliege keinem Zweifel, dass auch diejenigen, die Handel treiben, Geld leihen, Tempel planen und Schiffe entwerfen, zur Elite gehörten. Es sei eine breite Schicht von vernünftigen Bürgern, die er als solche anerkenne. Alkibiades aber widersprach energisch. Sokrates entgegnete, mit seiner Haltung marginalisiere er viele tüchtige und erfolgreiche Athener und stufe sie in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft herab.

Überheblich antwortete Alkibiades: „Sie regieren nicht, also gehören sie nicht zur Elite."

„Verwechselst Du nicht den Begriff „Elite“ mit Clique?“

„Sokrates, Du verwirrst mich. Ja, ich kämpfe gegen eine Clique. Das sind jene, die die Macht innehaben, aber Versager sind und die womöglich zu Verrätern am Volk werden.“

„Du kämpfst um Macht und Einfluss. Wäre es nicht ehrlicher, wenn Du zugeben würdest, dass es Dir um die Clique geht?“

„Das kann ich nicht bestreiten.“

„Aber, glaubst Du nicht, dass Deine Gegner Dich nicht laut verunglimpfen werden, wenn Du einmal selbst an der Macht bist? Sie werden Dich und Deine Mitstreiter als eine unfähige Elite ablehnen. Siehst Du, dass Elite nicht als Kampfbegriff taugt? So diffamierst Du zweifellos die kreativen Köpfe im Volk. Nenne Deine Gegner doch einfach die politische Klasse oder Kaste.“

„Das ist zweifellos die bessere Bezeichnung!“, gab Alkibiades zu.

„Begreifst Du nicht, dass Du als Angreifer schon jetzt zu einer politischen Clique zählst und erst recht, wenn Du am Hebel der Macht sitzen wirst?“

Endlich verstand Alkibiades, dass er sich in eine dialektische Zwickmühle manövriert hatte. Er sah ein, dass der abwertende Bergriff „Elite“ oder politische Klasse bei einem Machtwechsel auf ihn zurückfallen würde. Der edle Eliten-Begriff musste ersetzt werden. Clique, gab er zu, werde vom einfachen Volk verstanden. Der Ausdruck eigne sich sogar besser für die politische Agitation. Nach dem Gespräch war Alkibiades bereit, seinen Kampfbegriff zu ändern. Sokrates wiederum freute sich, dass der Stand der Philosophen sich unbescholten zur Elite zählen durfte.

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