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31.12.2016 - Judith Stamm

„Das habe ich gerne gemacht“

„Ich glaube, mir sei eine lesenswerte Nicht-Autobiographie gelungen", meint Helmut Hubacher zu seinem neuesten Buch, das kürzlich erschienen ist.

Im letzten Frühling hat der Autor seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert. Und wer über seine Gedanken zur Politik auf dem Laufenden bleiben will, lese jeden Samstag die Basler Zeitung. Dort erscheinen seine Überlegungen in einer Kolumne, mal witzig, mal kritisch, mal einfach in Form von hintergründig naiven Fragen!

Ja, es stimmt, Helmut Hubacher ist eine lesenswerte Nicht-Autobiographie gelungen. Von der schweizerischen Politik sagt er einmal, sie sei eine „Wundertüte“. Das kann man von seinem Buch auch behaupten. Es ist originell aufgebaut. In einem ersten Teil begleiten wir ihn auf den Stationen seines Lebens als Redaktor, Gewerkschafter, Parteipräsident, Nationalrat. Für die Einzelheiten verweise ich auf den Text im Buchumschlag.

Begegnungen mit Menschen

Der zweite Teil ist eine wahre Fundgrube. Da lässt er uns an seinem Leben teilhaben in Form von kurzen Texten über Begegnungen. Er schreibt über seine Auswahl: „Das Spannendste in der Politik sind die Menschen. Im Laufe der Jahrzehnte sind mir Tausende begegnet. Ich habe diejenigen herausgegriffen und kurz porträtiert, die mir auf irgendeine besondere Art interessant erscheinen“. Interessant ist nicht nur das Sammelsurium, durch das sich der Leser „hindurcharbeitet“. Die Menschen aus der Schweiz, aus Europa sind nämlich im Inhaltsverzeichnis nicht etwa mit ihren Namen aufgelistet. Nein, da heisst es etwa: „Der miese Kerl aus Rom“, und wir lesen am Schluss dieser Beschreibung: „Was wir mit ihm in Basel erlebt hatten, war Craxi live: rücksichtslos und korrupt“. Das ist auch ein Müsterchen für das Schreiben von Klartext, das Hubacher auszeichnet.

Wir wollen unbedingt wissen, was es mit „Ein Russe im Berner Warenhaus Loeb“ für eine Bewandtnis hat. Dimitri, der 1988 eine SP-Delegation auf einer Moskaureise betreut hatte, wollte auf einer Reise in die Schweiz für seine Tochter Tanja ein Hochzeitskleid kaufen. Nur reichte sein Geld überhaupt nicht. Er hatte Fr 150.-- bei sich, die Kleider kosteten ab Fr. 1200.--.

Dimitri, ein Russe, der perfekt Deutsch sprach, fiel im Loeb in Bern auf. Er konnte ein Kleid statt für Fr. 1350-- für Fr. 150.—erstehen und glücklich damit abziehen. Und weil auch Francois Loeb im Nationalrat sass, erfuhr Helmut Hubacher von der entsprechenden Geschäftsmaxime: „Wenn die Abteilungsleiterin findet, sie könne ein solches Geschäft verantworten, darf sie das, sie hat dafür die Kompetenz.“ Hübsche Geschichte, die uns allen wohl tut. Sie ist wirklich in der Schweiz passiert!

Hubacher, wie er leibt und lebt

Ebenso überraschend ist natürlich, dass mit: „Der Deutsche von Gelterkinden“ der Politiker und Anwalt Gregor Gysi gemeint ist. Seine Vorfahren stammen aus Gelterkinden, das „n“ sei auf dem Weg nach Deutschland verloren gegangen.

Keine Angst, dass ich zuviel verrate, es stehen ungefähr sechzig solch kleine, kritisch, witzig, gemüthaft beschriebene Episoden zur Verfügung.

Was für mich dieses Buch so ausserordentlich lesenswert macht, ist schwer zu beschreiben. Natürlich treffe ich als ehemalige Nationalrätin Bekannte an. Natürlich komme ich zu Informationen, die mir gewisse politische Geschäfte plötzlich durchsichtiger machen. Denn es schafft keine Gruppierung allein, sich im Parlament in Bern durchzusetzen. Also sind Absprachen, Überzeugungsarbeit, auch verbündete „Abweichler“ gefragt, die bereit sind, sich der Sache willen auch mal die Ungnade ihrer eigenen Fraktion zuzuziehen. Ich bin im Buch auf das eine oder andere Puzzleteil gestossen, das mir noch fehlte.

Aber das Allerwichtigste und Faszinierende ist, dass der Autor auf jeder Seite des Buches ganz präsent ist. Natürlich gibt es Gliederungen und Struktur. Das ist nicht so wichtig. In jedem Lebensabschnitt, vor allem in jeder Begegnung, erscheint Helmut Hubacher, wie er leibt und lebt, mit seiner Auffassung vom Leben, mit seiner politischen Haltung. Das erlaubt ihm auch, anderen Menschen gegenüber sehr kritisch zu sein. Auch seinen eigenen Pappenheimern gegenüber, bis in die höchsten Ränge! Aber eine weise, aus unzähligen Erfahrungen gespiesene Menschlichkeit dem politischen Geschehen und seinen Akteuren gegenüber drückt überall durch!

So kann der Verleger zufrieden sein. Er hätte gerne eine Autobiographie gehabt, Hubacher wollte nicht. Aber er liess sich dazu bewegen „mehr Persönliches als sonst preiszugeben“. Das ist dem spannenden Buch des „grand old man“ der Schweizer Politik sehr gut bekommen!

Helmut Hubacher: „Das habe ich gerne gemacht. Politische und persönliche Erinnerungen“. Zytglogge-Verlag 2016. ISBN 978-3-72960932-7.

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