28.09.2017 - Dieter Schupp

Auswendig? So gehörte es sich einst!

Es tut doch so gut, ab und zu mal sein Licht unter dem Scheffel herausholen zu dürfen und Auswendiggelerntes zu rezitieren. 

Einst gehörte es zu den Gepflogenheiten (kennt jemand noch dieses Wort?) älterer Menschen, Bildungsbürger, uns - damals noch Jugendlichen - bei fast jeder passenden Gelegenheit vorzuhalten, "was wir zu unserer Zeit alles auswendig lernen mussten: Das „Lied von der Glocke“ sowieso, Teile aus „Antigone" des Sophokles („Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheuerer als der Mensch“, "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit"), Szenen aus „Macbeth“, Gottfried Kellers Gedichte.

Zuvor hatten sie sich nämlich mit breiter Brust zu Wort gemeldet, stehend in Szene gesetzt und begonnen zu rezitieren: „Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch...“, [Pause] "...und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern ..." [Pause] "...bereit zum Abschied sein und Neubeginne. Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen..." (Pause) "...so droht Erschlaffen."

Ein mildes Lächeln und ein zaghaftes Beifallklatschen der Zuhörer. Meistens folgt darauf eine kleine "Rechtfertigung: "Leider hat mich der Weltgeist soeben verlassen. Aber ich versichere euch: Nur einmal wieder das Hesse-Gedicht gelesen, und schon habe ich es wieder drauf. Zu hundert Prozent."

Gepflogenheit. DWDS etymologisch: Gewohnheit. Die Weise, wie man bisher den Brauch pflegte. Das Wort "Gepflogenheit" ist schon lange kaum mehr zu hören, zu lesen. Wie das so ist: Verschwindet ein Wort, heisst das, es ist verwelkt; wird nicht mehr gebraucht.

So nahm man den älteren Leuten und den Gebildeten unter ihnen die passende Gelegenheit, den Jungen zu zeigen, was man einmal vor Jahr und Tag auswendig lernte und immer noch "drauf" habe. Es tut doch so gut, ab und zu mal sein Licht unter dem Scheffel herausholen zu dürfen.

Zumal wenn man danach gefragt wird, was man aus dem Matheunterricht noch behalten habe. Da fällt dem einen oder der anderen ein: a² + b² + c². Der Satz des Pythagoras. Wird man aber gefragt, was man damit anfangen kann und wer dieser Pythagoras war, lautet heutzutage die Antwort: "Keine Ahnung. Dafür habe ich das Internet."

Und wie war das noch mal mit dem Höhensatz des Euklid? Den muss man auch nicht mehr auswendig lernen. Wikipedia weiss es ja: „Die Summe aller Quadrate über den Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks gleicht dem Quadrat der beiden Hypotenusen. Aha! Nur weiss man nicht mehr, wozu uns einfallen sollte, die Fläche eines Quadrates zu berechnen."

Über Euklids Leben ist wenig bekannt. Man nimmt an, er habe um 300 v. Chr. in Ägypten gelebt. Und erzählt sich: Als Euklid vom Pharao aufgefordert wurde, ihm die Geometrie in ein paar Stunden beizubringen, antwortete er: "Es gibt keinen königlichen Weg zur Mathematik." Erwiesen ist, dass Euklids "Elemente", auch bezogen auf die Philosophie, eines der grössten Werke der griechischen Wissenschaft darstellt.

Und Pythagoras? Er war der erste Philosoph der Geschichte, der sich damit einen Namen machte. Er wurde 582 v.Chr. auf Samos geboren und starb 497 in Italien. Er gründete die erste, streng geregelte, religiöse Gütergemeinschaft mit einem Kult, den sie Orgien nannten. Er hatte viele Anhänger, die mit ihm ihre Vorliebe für ein geordnetes Zahlenverhältnis teilten.

Er lehrte: Nicht nur die Zahlen sind unsterblich, sondern auch die Seele, die in verschiedenartigen Lebewesen Station macht. Durch gute Lebensführung kann man Einfluss auf sie nehmen mit dem Ziel, sie zu verbessern für die nächste Inkarnation. Nach dem Tod wandert die Seele in eine höhere oder in eine niedere Sphäre, je nach dem Verhalten und dem Mass der Reinigung, was in jenem Leben vorausgegangen ist.

Sind Pythagoras oder Euklid argumentative Philosophen? Mit der Antwort tut sich die Forschung schwer. "Alles in allem: Das Beste abendländischen Denkens geht auf die Ahnherrn im Denken Griechenlands zurück." (B. Russell)

Abonnieren Sie den neuen Newsletter von Seniorweb: 

 Teilen
Nach Oben