09.11.2017 - Judith Stamm

Begegnung mit einem Philosophen

Die Maxon Motor AG in Sachseln lud am 7. November zu ihrem Fabrikgespräch mit dem Philosophen Ludwig Hasler.

Erstmals sei ein Philosoph zu Gast, sagte Jürgen Mayer, Vizepräsident des Verwaltungsrates, bei der Eröffnung des Abends im gutbesuchten Auditorium am Hauptsitz des Unternehmens in Sachseln. Das Gespräch mit dem viel versprechenden Titel „Wissen oder Denken? Pilot oder Passagier?“ moderierte Martin Zenhäusern, Inhaber einer Kommunikationsagentur in Zürich.

Eine Plattform für die Region Zentralschweiz

Maxon schafft mit den regelmässig stattfindenden Fabrikgesprächen eine Plattform für die Region Zentralschweiz. Und damit eine Möglichkeit, mit Mitarbeitenden, Kunden und Partnern in regen Gedankenaustausch zu treten und so die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit zu sichern.

Ich kann es nicht unterlassen, an dieser Stelle zu beschreiben, warum Maxon Motor für mich etwas Besonderes darstellt. Die Firma produziert Antriebssysteme, Mikromotoren, „die alles in Bewegung setzen, was sich präzis und zuverlässig drehen soll, sei es im Erdinnern, sei es im Weltraum!“ Letzteres hat eine ganz besondere Bewandtnis, weshalb ich „Maxon“ nie allein, sondern nur zusammen mit „Mars“ denken kann. Maxon war mit seinen Mikromotoren an der Landung von NASA-Fahrzeugen auf dem Mars beteiligt. Erstmals 1997 bei der NASA-Sonde „Pathfinder“, dann wieder im Januar 2004, als „Spirit“ und „Opportunity“ landeten. Für mich als Laie unvorstellbare Vorgänge wurden zu Ereignissen in der Geschichte eines Schweizer Industrieunternehmens!

Philosoph Ludwig Hasler, befragt von Martin Zenhäusern.

Und nun zum Gast des Abends, Ludwig Hasler, geb. 44, emeritierter Philosophieprofessor, der als Journalist auch Mitglied von Chefredaktionen war und mehrere Bücher verfasst hat. In der Einladung stand der Hinweis, dass Ludwig Hasler laut der deutschen Wochenzeitschrift „Die Zeit“ aktuell wohl der erfolgreichste Vortragsreisende der Schweiz sei.

Das Gespräch zwischen Hasler und Zenhäusern war ebenso anregend wie anspruchsvoll. Hasler wurde seiner eigenen Aussage gerecht, er halte es wie Sokrates, der Philosoph aus der griechischen Antike. Dieser hatte seine Gesprächstechnik mit der Hebammenkunst verglichen. Die Hebamme verhilft zur Geburt, der Dialogpartner durch seine Fragen und Beiträge zu Erkenntnis.

Werden wir zu Haustieren der Algorithmen?

Das Gespräch entwickelte sich entlang der heutigen Situation mit der „Digitalisierung“, mit der Aussicht auf „künstliche Intelligenz“, mit der allgemeinen Erscheinung der „Zeit als Mangelware“. Hasler ist aufgrund seines Geburtsdatums durchaus ein „Kind der analogen Welt“. Er konnte den Zuhörenden mit witzigen, einprägsamen Formulierungen das Auseinanderklaffen zwischen unserem aktuellen Menschsein und den Anforderungen, oder auch Versprechungen, einer digitalen Zukunft erfahrbar machen. So wurde rasch klar, dass seine Vorliebe keineswegs einem „smart home“ gilt. Da werden wir ja in Zukunft sicherer, vernünftiger, ökonomischer wohnen, als wir dies heute tun. Denn das „smart home“ basiert auf der Vernetzung von Haustechnik, Haushaltgeräten und Unterhaltungselektronik. Und löst damit Probleme, die wir gar nicht haben, wie Hasler unter dem zustimmenden Lachen des Publikums ausführte. Werden wir zu Haustieren der Algorithmen? Das war dann die provokative Frage.

"Rosten und resignieren" oder "rasten und reflektieren"? Eine Denkaufgabe für das Publikum. (Fotos: Maxon Motor AG).

Interessant war die fundamentale Kritik von Hasler an der heutigen Schweiz. Die Diagnose war, dass wir bequem und denkfaul seien, keinerlei Veränderung wünschten, nur interessiert seien an der „Fristerstreckung der Gegenwart“. Er rechnete vor, wie viele Chronischkranke wir in der Schweiz hätten, wie viele psychiatrische Fälle, und dass wir pro Kopf Fr. 750.-- Krankenversicherungsbeiträge bezahlen würden. Nach den Hintergründen dieser Sachverhalte zu forschen überliess er dem Publikum als Denkaufgabe! Und stellte es auch noch vor die Wahl, ob es lieber „rosten und resignieren“ oder „rasten und reflektieren“ wolle.

Warnend wies er auch darauf hin, dass wir uns, durch ständiges Abfragen unserer kleinen Apparätchen selbst einer permanenten Nervosität aussetzten. Und dass das sich konzentrieren können doch die Grundlage sei für das Denken, für das Wahrnehmen der Welt um uns herum.

Natürlich weiss auch Hasler um die Spitzenleistungen, die in unserem Lande erbracht werden und kann sie würdigen. Aber den Zwiespalt, in den die neuen Errungenschaften uns führen, konnte er nicht aus der Welt schaffen. Und entliess uns mit dem Vorschlag: „Wir müssen die neuen Technologien umarmen, damit sie uns nicht in den Rücken fallen“.

Bei „Käse und Wein“ wurden die Fragen in etwas lockererem Rahmen noch vertieft!

Fabrikgespraech.maxonmotor.ch

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