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01.05.2017 - Ingeborg Rotach

Bergamo – eine Reise wert

Bergamo liegt nicht unbedingt am Wege, wenn die bekannteren und berühmteren lombardischen Städte aufgesucht werden. Aber Bergamo ist unbedingt eine Reise wert.

Die kleine, alte lombardische Stadt, umgeben von hohen, dicken, römischen Mauern, liegt hoch über dem modernen, geschäftigen Bergamo. Die beiden Stadtteile sind mit einem ehrwürdigen Funicolare verbunden.

Die Altstadt hat den Charme eines kleinen Provinzortes, mit gut erhaltenen schönen Palazzi in engen Gassen, mit einer sehenswerten Kathedrale, Kirchen und Kapellen und vielen Brunnen.

Donizetti - gefeierter Sohn Bergamos

Dass ausgerechnet ein Donizetti Festival gefeiert wurde, war zwar kein Zufall, aber ein absoluter Glücksfall, und die Aufführung der Oper „Rosmonda in Inghilterra“ im wunderschönen Opernhaus mit grossartiger Besetzung ein unvergessliches Erlebnis.

Das Donizetti-Theater in Bergamo.

Der weltbekanne Komponist Gaetano Donizetti ist Bergamos berühmter, gefeierter, hoch verehrter Sohn. Er wuchs in einfachsten Verhältnissen auf und verdankt seinem Lehrer, einem seinerzeit bekannten italienischen Komponisten, Simon Mayr, Unterricht und Förderung. Donizetti hat über siebzig Opern geschrieben; bekannte und weniger bekannte Werke werden in seiner Heimatstadt zur Freude von Opernliebhabern jedes Jahr aufgeführt.

Ein pionierhaftes Industriedorf

Unser nächstes Ziel, das VILLAGIO CRESPI D‘ADDA, ein Arbeiterdorf, das im späten 19. Jahrhundert, in frühindustrieller Zeit, gegründet wurde, hätte nach der glanzvollen Opernaufführung in Bergamo, kaum extremer sein können. Das Villagio gehört heute zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Arbeiterdorf VILLAGIO CRESPI D`ADDA im 19. Jahrhundert.

Die lombardische Industriellenfamilie Crespi erfüllte sich und ihren Arbeitern und Angestellten quasi einen Traum, indem sie einen grossen brach liegenden Landstrich erwarb und darauf eine eigentliche Gartensiedelung baute. Die Idee, armen, darbenden Fabrikarbeitern Wohnung und soziale Hilfe zu bieten, war absolut neu und stiess nicht nur auf Wohlwollen. Bauherr und Architekt liessen sich jedoch nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie planten und bauten ein eigentliches Dorf mit einer breiten Dorfstrasse und abzweigenden Nebenstrassen. An diesen lagen gut durchdachte, ansprechende Häuser für zwei Familien, in einem umzäunten Garten.

Es wurde an alles gedacht, an eine Schule, in der die Kinder vier Jahre lang unentgeltlich unterrichtet wurden, an die Kirche, eine Kopie der Barockkirche, die die Crespis besonders liebten und verehrten. Ein Laden entstand und eine Bäckerei mit grossem Backhaus, eine Bibliothek, wo sorgfältig ausgesuchte Bücher ausgeliehen wurden, Bücher mit aufbauendem Inhalt, die nicht angekränkelt waren von sozial-demokratischem, rotem Gedankengut. Neben dem Krankenhaus wohnte ein Arzt, der sich um die Patienten des Villaggio Crespi kümmerte. Es entstand, contre coeur sozusagen, ein Wirtshaus, in dem Wein und Bier ausgeschänkt wurden; allerdings waren für Mann und Person nur zwei Gläser eines alkoholischen Getränks zugelassen.

Mitten im Dorf thront das Schloss der Familie Crespi. Auf dessen Turm soll der Fabrikherr Cristoforo Crespi und später sein Sohn Silvio ihr Reich überblickt, die Pünktlichkeit der Arbeiter kontrolliert, die Gärten geprüft und die Ordnung ihres Dorfes immer wieder in Frage gestellt haben.

Die einst stolze Fabrikanlage ist heute stillgelegt.

Doch die Zeiten änderten; das Villaggio wurde von der Krise nicht verschont. Die Fabriken der Crespis mussten stillgelegt werden; Maschinen wurden abgebaut oder rosten vor sich hin.

Eine grosse Stille liegt heute über den leeren Strassen, über der lieblichen Landschaft. Noch wohnt eine Handvoll junger Leute in den Arbeiterhäusern, Künstler vor allem, aber auch Arbeitslose, die hier Unterschlupf finden. In einem Kiosk werden kleine Souvenirs verkauft, Gebäck, handgemachte Spielsachen, Keramik, Ansichtskarten und Dokumentationen über eine denkwürdige Gemeinschaft, eine grosse Idee, eine vergangene Zeit.

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