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09.05.2017 - Adalbert Hofmann

Das Altwerden will gelernt sein

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Die Binsenwahrheit «Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein» ist ebenso abgedroschen wie zutreffend. Doch während man früher ganz automatisch und von selbst alt wurde (also, wenn man es erlebte…), ist das heutzutage ganz anders. «Wer gut altern will, muss früh damit anfangen», las ich neulich in einem dieser Leitfäden, die uns aufgestellt in den dritten Lebensabschnitt führen wollen.

Was in aller Welt heisst nun aber «früh anfangen»? Nach der Konfirmation? Nach der Heirat, dem ersten Kind? Oder wenn die ersten Haare grau werden (sofern noch vorhanden)? Vermutlich spätestens dann, wenn im Alter von etwa 35 Jahren erstmals ein Schreiben auf Hochglanzpapier eines Geld- oder Versicherungsinstituts eintrifft, das höflich, aber bestimmt darauf aufmerksam macht, man sollte frühzeitig an die Pensionierung denken. «Der ach so goldene Lebensabend will rechtzeitig geplant sein!», und es folgen Tipps zum Wohneigentumserwerb, zum Sparen mittels 3. Säule oder aber zum Abschluss einer flexiblen Lebensversicherung. Alles gut gemeint, nur das Wohl der Senioren in spe im Auge, keine Spur von Eigeninteressen der Absender…

Das ist das eine. Das andere: Heerscharen von Instituten und Fachleuten bieten sich an, das richtige Altern zu unterstützen - mit Seminaren, Kursen oder Vorträgen. Diese «Golden-Age-Industrie» wendet sich vor allem an die Arbeitgeber, denn der Wirtschaft oder auch der öffentlichen Verwaltung wird eingehämmert, man trage Verantwortung gegenüber den Arbeitnehmern, damit diese sich nach der Pensionierung («Darauf freuen sich doch alle!») zu recht fänden.

So kommt es, dass Endfünfziger während der Arbeitszeit aufgeboten werden (zusammen mit Partnerin selbstverständlich), sich Ratschläge zu holen, wie sie ihre Pensionierung gemeinsam unbeschadet überstehen könnten. Da kann es schon einmal vorkommen, dass die junge, frisch ab Studium gekommene Fachfrau mit der entsprechenden Sozialkompetenz einem alt gedienten hohen Berufsoffizier der Schweizer Armee rät, «für Sie sähe ich das Mitmachen in einem Seniorentheater - wissen Sie, das ist amüsant und man lernt Leute kennen!»

Wen wundert’s, dass die Senioren ob solcher und ähnlicher Ratschläge täglich zu Tausenden mit dem 9-Uhr-Pass fliehen, um sich der verordneten Tagesstruktur («Die ist ganz wichtig, man darf nicht einfach unkontrolliert ins Blaue hinein leben»!) zu entziehen. Neulich ging ich frohgemut und in fast jugendlicher Frische an einen Anlass für Neu-Senioren. In gewählten, komplizierten, weitschweifigen Worten unterstrich der Hochschuldozent stundenlang, was man alles tun müsse, um möglichst lang jung zu bleiben: vom richtigen Sitzen über das richtige Essen zum richtigen Wandern, richtigen Lesen und richtigen Turnen. Und er war überzeugt von seinen Rezepten, mit denen er die Zuhörer terrorisierte.

Völlig geschafft kam ich am Abend nach Hause geschlichen und seufzte zu meiner Frau: «So alt wie heute nach diesem rhetorischen Jungbrunnen habe ich mich noch nie gefühlt!»

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Kommentare

Witziger Text! Ja, die "Alten" sollten vielleicht mehr selber darüber sprechen, wie es ist "im Alter". Es ist für jeden Menschen anders und doch hat es Gemeinsamkeiten. Wie ich immer  wieder feststelle!

Ja, wer sagt denn, dass wir möglichst lange "jung" bleiben wollen? Ist "Jungsein" so erstrebenswert?

Sei dem wie ihm wolle, auf unserer Luxusinsel Schweiz geht es vielen alten Menschen gut. Nicht allen. Da wäre noch Nachholbedarf! 

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