04.12.2017 - Linus Baur

Das Schicksal der Beutefrauen

Das Leid der Frauen im Trojanischen Krieg: Karin Henkel zeigt in der Zürcher Schiffbau-Halle unter dem Titel «Beute Frauen Krieg» bewegende Frauenschicksale. 

Der Trojanische Krieg gehört zu den berühmtesten Geschichten der griechischen Mythologie. Dabei belagerte das griechische Heer zehn Jahre lang die kleinasiatische Stadt Troja. Auslöser des Kriegs war der Raub der schönen Helena durch Paris, der den Zorn des Ehegatten Menelaos auf sich brachte. Die Entscheidung fiel mit dem trojanischen Pferd, aus dem nachts die Griechen krochen und die schlafende Stadt eroberten.

Schutzlos der Gewalt der Sieger ausgeliefert

Regisseurin Karin Henkel rückt in ihrer dritten Arbeit «Beute Frauen Krieg» in der Schiffbau-Halle des Zürcher Schauspielhauses die Beutefrauen Hekabe, Helena, Kassandra und Andromache des Trojanischen Krieges in den Fokus ihrer Inszenierung, die schutzlos der Gewalt der Sieger ausgeliefert sind, sowie Iphigenie, die Tochter des griechischen Heerführers Agamemnon, der das Mädchen als Preis für günstigen Seewind opfert. Geboten wird ein mehrteiliger Zyklus nach Texten von Euripides («Die Troerinnen» und «Iphigenie von Aulis») mit anklagenden Beutefrauen, die ihre Peinigungen schildern und den Krieg, der unschuldige Opfer und erbarmungsloses Leid schafft, verdammen.

Lena Schwarz als trauernde Hekabe

Dazu hat Muriel Gerstner ein dreiteiliges Bühnenbild geschaffen mit einem hölzernen Laufsteg in der Mitte des langen Raums. Hekabe, die gefallene trojanische Königin, ganz in Schwarz gekleidet, beklagt auf- und abschreitend den verlorenen Krieg, der keine Sieger, sondern nur Mörder hervorgebracht hat. Dann wird der grosse Raum mit zwei Vorhängen dreigeteilt, in der Mitte wird Helenas Schicksal verhandelt, in den beiden Aussenräumen die Fälle von Hekabes Tochter Kassandra und ihrer Schwiegertochter Andromache, alle drei Szenen schön synchronisiert. Das Publikum, mit Kopfhörern ausgestattet, zirkuliert von Raum zu Raum.

Helena in dreifacher Ausführung

Im Zentrum des ersten Teils steht Helena in dreifacher Ausführung (Hilke Altefrohne, Isabelle Menke und Kate Strong). Alle drei sind identisch verführerisch in rosa-rot gekleidet, lamentieren über ihre Opferrolle und betteln um Erbarmen, derweil Helenas Ehegatte Menelaos mit Hinkebein und Agamemnon herumtigern und die Schuldfrage beschwören. Im ersten Aussenraum wird die am Boden liegende, vergewaltigte, traumatisierte Kassandra für die Begegnung mit Agamemnon mit dem Kleid von Iphigenie hergerichtet, den Untergang der Sieger «Ihr habt den Göttern ins Gesicht gespuckt und euch die Hölle erschaffen, grösser als alles Leid» prophezeiend. Grossartig, wie Dagna Litzenberger Vinet die verstörte Kassandra spielt, anfänglich steif und nahe am Wahnsinn, dann klar und laut protestierend. Nicht minder beindruckend spielt Carolin Conrad im zweiten Aussenraum die gepeinigte Andromache, die kraftlos um das Leben ihres schreienden Babys bettelt, das von Pyrrhos laut krachend an der Wand zerschmettert wird.

Dagne Litzenberger Vinet als Kassandra (rechts) und Kate Strong als Hetäre

Nach der Pause wird fürs wieder geeinte Publikum die Opferung von Iphigenie (in mehrfacher Besetzung) gespielt. Hier dominieren vorab die Männer, die in Lügen verstrickt den Krieg und seine Opfer zu rechtfertigen versuchen: Agamemnon, der erkennen muss, dass er seine Tochter im Wahn der Argumente getötet hat, Melenaos und Odysseus, die sich mit fadenscheinigen Begründungen als die wahren Kriegstreiber zu erkennen geben. Michael Neuenschwander in Offiziersuniform verkörpert einen eher zwiespältigen Agamemnon, der sich - so will es scheinen - teilnahmslos in den Krieg treiben lässt, Christian Baumbach gibt einen recht dümmlichen  Melenaos, während Fritz Fenne als Odysseus mit zerfurchtem Gesicht den gnadenlosen Kriegshetzer mimt.

Christian Baumbach als Menelaos, Hilke Altefrohne und Isabelle Menke als Helena. (Fotos: Toni Suter / T!T Fotografie)

Die Leidenden sind die Frauen, sie sind die wahren Opfer von Krieg und Gewalt, als Mutter, Ehefrau, Tochter. Das ist die Botschaft von Karin Henkels schonungsloser Inszenierung. Und das Leid der Frauen hat kein Ende, wenn man sich das heutige Kriegsgetue in der Welt vergegenwärtigt. Alles in allem, geboten wird eine starke, aufrüttelnde Aufführung mit einem grandios aufspielenden Ensemble. Dafür gabs am Premierenabend starken Applaus.

Weitere Spieldaten: 4., 7., 10., 12., 13., 16., 19., 22., 28. Dezember; 4., 7., 9., 10. Januar 2018

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