10.04.2017 - Bernadette Reichlin

Diagnose: Ärztlich herzlich

Thierry Carrel ist einer der renommiertesten Kardiologen der Schweiz. Und ein Mensch, der seine Patienten ernst nimmt. Das wird  in seiner Biografie immer wieder betont.

Biografie ist vielleicht etwas hoch gegriffen bei diesem im Werdverlag erschienenen Buch. Denn der 57-jährige Chirurg steht noch mitten im Leben und wird – hoffentlich – seinen Lebenslauf noch viele Jahre ausgestalten können. So ist das Buch "Von Herzen" wohl eher ein Porträt eines aussergewöhnlichen Menschen.

Krankengeschichten

Der Autor Walter Däpp lässt den Arzt zwar einiges aus seinem Leben erzählen, vor allem aber kommen ausgewählte Patientinnen und Patienten zu Wort. 20 Personen erzählen ihre meist dramatischen Krankengeschichten und wie ihnen der charismatische Chef des Zentrums für Herzchirurgie der Universitäten Basel und Bern geholfen hat.

In Fachkreisen geschätzt, von Patienten geliebt: der Berner Kardiologe Thierry Carrel. (Werdverlag, Beat Straubhaar, Heimberg)

Einer der Patienten hat das Vorwort verfasst: Alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz erzählt, wie Carrel ihm zu seinem "zweiten Leben" verholfen hat. "Noch vor wenigen Jahren wäre meine Diagnose ein Todesurteil gewesen. Doch heute wirken eben Persönlichkeiten wie Professor Thierry Carrel."

Ein gutes Team

Dann lässt Walter Däpp den Chirurgen selber zu Wort kommen, befragt ihn zu Stichworten wie "Das Herz", "Das Glück", "Die Seele", "Das Besondere". Auch über sein Umfeld äussert sich Carrell, seine Kollegen, sein Team, ja, auch über seine Neider. Alles sehr ausgewogen, sehr reflektiert und kontrolliert – und auch etwas stereotyp. Interessant hingegen sind seine Aussagen zur Teamarbeit, wo deutlich wird, dass Carrel "von Herzen" ein Teamplayer ist. Nicht nur – notwendigerweise – am Operationstisch, sondern auch im Umgang mit und bei der Förderung von Kollegen.

Aber Sätze wie "Die Spitzenmedizin ist eine risikovolle und auch fehleranfällige Sache. Auch ich bin nicht unfehlbar" sind nicht viel mehr als triviale Allgemeinplätze, die in einem Gespräch gesagt werden können, aber in Buchform wenig Aussagewert haben. Dass hochkomplexe Eingriffe am Herzen keine Sonntagspaziergänge, sondern extrem risikobehaftet sind, ist auch jedem medizinischen Laien klar. Und einen Unfehlbarkeitsanspruch kann auch der erfolgreichste Arzt nicht für sich reklamieren. Wird er auch nicht. Wer möchte schon auf eine solche Aussage behaftet werden?

Orchestermusiker

Dass auch ein viel beschäftigter Arzt Auszeiten braucht, ein Privatleben, wo er neue Energien schöpfen kann, liegt auf der Hand. Dass er aber in einem Orchester Bass-Posaune spielt – auf Konzertniveau –, dass er ein ambitionierter Wettkampfschwimmer war, für den Sport auch heute noch zum Alltag gehört, das ist doch aussergewöhnlich. Wie bringt Carrel das alles unter in einem 24-Stunden-Tag, fragt man sich beim Lesen. Zumal er seit 2011, als er auf der Berner FDP-Liste für den Nationalrat kandidierte, auch noch seine politischen Ambitionen offenlegte.

Cover der im Werdverlag erschienenen Biografie über den Herzchirurgen Thierry Carrel "Von Herzen" von Walter Däpp. (Werdverlag)

Dieses Bild eines aussergewöhnlichen Menschen wird denn auch von den 20 Patienten untermauert. Jede und jeder – ob Kind, Schwangere, junge Mütter, Familienväter oder nun wieder rüstigen Senioren – erzählt seine ganz persönliche Leidensgeschichte, die dank des charismatischen Arztes einen guten Verlauf genommen hat. Carrel kommentiert jeden Bericht, erläutert den jeweiligen Eingriff aus ärztlicher Sicht – und zeigt mit seinen Erläuterungen auf, welch störungsanfälliges Organ da in eines jeden Brust schlägt.

Was ist denn mit den Ärzten los?

Was etwas irritiert, sind die lobenden Worte, die ausnahmslos alle Patienten für den Kardiologen finden. Er begegne jedem auf Augenhöhe, beziehe den Patienten und dessen Umfeld in die Behandlung ein, erkläre mit einfachen Worten und Bildern den Ablauf der jeweiligen Operation und sei auch in der Nachsorge voll präsent.

Das alles wird sehr glaubhaft beschrieben – Zweifel sind also keineswegs angebracht. Was aber stutzig macht, ist doch, dass Carrels zutiefst menschliches Verhalten immer und immer wieder betont wird. Ist das denn so selten? Regieren in den Spitälern immer noch vorwiegend die "Halbgötter in Weiss", die ihren Patienten ein paar unverständliche Begriffe um die Ohren schlagen und sie nach den Eingriffen mit ihren Fragen und Ängsten weitgehend allein lassen?

Wenn das so wäre, müsste man Thierry Carrel schleunigst dazu verknurren, all seinen überheblichen Kollegen Nachhilfestunden zu geben in Sachen Menschlichkeit, Dialogfähigkeit und Bescheidenheit. Denn vielleicht sind es ja gerade diese Eigenschaften, die aus dem Herzchirurgen Carrel einen Chirurgen der Herzen gemacht haben.

Walter Däpp: "Thierry Carrel ‹Von Herzen›. Der Herzchirurg. Die Operation. Die Patienten." Erschienen im Werdverlag.

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