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16.03.2017 - Dieter Schupp

Die Glücklichen sind neugierig

Der Philosoph Friedrich Nietzsche soll einmal gesagt haben: "Die Glücklichen sind neugierig". Das machte mich neugierig. Wie bitte!? Ausgerechnet Nietzsche? Zweifel und 2 Fragezeichen!!

Da wollte ich doch der Sache nachgehen, habe in seinen Werken danach gesucht und prompt auch den Spruch gefunden. In "Nachgelassene Fragmente", Winter 1884. Doch passt das denn zusammen? Die Person Nietzsche? Die Glücklichen? Die Neugierige

Da hatte ich ein Problem. Eine lange Zeit bin ich Nietzsche gegenüber ungläubig geblieben. Doch jetzt blieb mir nichts anderes mehr übrig als mich sozusagen zu entzweifeln. Denn gerade las ich, Neugier sei ein wichtiges Element für das Empfinden von Wohlbefinden und Lebenssinn. Zu dieser Erkenntnis kam der amerikanische Wissenschaftler Todd B. Kashdan gemeinsam mit seinen Kollegen.

"Neugierige Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie aktiver nach Lebenssinn suchen", fand er heraus. Und wissbegierige Neugier könne dazu führen, dass das Gefühl von Lebenssinn nicht nur stärker präsent, sondern dass auch stärker aktiv nach dem Lebenssinn gesucht werde.

Es wurden zu Beginn der Studie von jeder einzelnen Person an Hand eines Fragebogens nach ihrer Neugier im jeweils aktuellen Zustand gefragt und erfasst, wie neugierig sie sich selbst einschätze. Neugier im Sinne einer Charaktereigenschaft, als Gewohnheit und überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal.

Darüber hinaus wurde von ihnen verlangt, dass sie über einige Wochen hinweg ihren täglichen Lebenssinn und Lebenszufriedenheit beschreiben; ihr tägliches Vergnügen an der Neugier erlernt zu haben; wie wohl und neugierig sie sich am vergangenen Tag fühlten; wie neugierig sie sich auf den nächsten Tag einstellten.

Zwischenergebnis:

Die permanent neugierigen Menschen suchen eher nach Aktivitäten, durch die sie ihre Fähigkeiten weiter entwickeln können. Und ihre Freude daran, Aktivitäten mit einem ungewissen Ausgang eher zu suchen als sie zu vermeiden.

Die Wissenschaftler von der Mason Universität in Fairfax kamen zu dem Schluss: Neugier ist nicht nur "der Schlüssel zu einem glücklichen Leben, sondern" - Achtung: Prof. Kashdan ist ein Amerikaner - "es verlängert sogar das Leben."

Na also. Geblieben ist mir allerdings: Die Neugierde wurde ja zu allen Zeiten als zweideutig erachtet, gefährlich und überflüssig. Zwar meinte der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin: Wenn "wir's" unbedingt wissen wollen, dann ist alles gut. Aber auch verachtend: "Mehr wissen wollen, als genug, gehört zur Masslosigkeit" (Philosoph Seneca).

So warnte ein anderer Philosoph, Hans Blumenberg (1920-1996), Neugierde sei oberflächliches Verweilen am Gegenstand, ein Zerfliessen "in die Breite der objektiven Beliebigkeiten, die Unterbreitung des Erkenntnisanspruches, der sich mit der Wahrheit unter Verzicht auf d i e Wahrheit zufrieden gibt".

Neu-Gier, so gesehen, richtet sich nach dem Wunsch, etwas zu besitzen. - Aber nicht etwa nur etwas, sondern von allem viel. Viel und noch mehr als die anderen. Es ist die Neugierde, was auf die Neugierde aufmerksam macht. Der Neugierige glaubt daran, dass er etwas haben muss, was andere nicht wissen und nicht haben; will mehr wissen und mehr haben, nur um etwas zu sein. Jede Art von "Gier" ist expansiv, steht unter dem inneren Zwang, ständig neue Eroberungen zu ergattern.

Geblieben ist immer noch das Problem mit "Die Person Nietzsche. Die Glücklichen. Die Neugierigen". Die Fragezeichen sind geblieben, freilich mit einem Nebensinn. Ich lernte nämlich einzusehen, dass mir Fragezeichen mehr gut tun als Ausrufezeichen.

Und weil offenbar feststeht - so die Neurowissenschaft -: "Nicht wenige Menschen werden mit den Jahren zunehmend engstirnig, festgefahren, stur. Darum: Wer das Altern hinauszögern und seine mentalen Kräfte wachsen spüren möchte, sollte möglichst lange aufgeschlossen sein für Neues. Geistig Flexibles".

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