08.07.2017 - Joseph Auchter

Durchgeknallt mit Rossini

Rossinis Opera Buffa „Il barbiere di Siviglia“ war seit Anbeginn ein Kassenfüller, ein Geniestreich an burlesker Komik, ein Feuerwerk an Blödelei, die Wiedergeburt der Commedia dell’arte.

Statt der pittoresken Häuserzeilen und Gassen von Sevilla stellte Mario Botta in der Neuinszenierung von 2009 drehbare Leuchtwürfel, die ihm auch als Projektionsflächen dienen, auf die Bühne. Stars und Sterne gaben sich seither in Wiederaufnahmen die Klinke in die Hand, einer davon ist übrig geblieben: der immer noch grandiose Carlos Chausson als Vormund und Lüstling der adretten und schutzbefohlenen Rosina. Die seinerzeitige Regie von Cesare Lievi wurde von seinem Sachwalter Ulrich Senn zum Kehraus der Spielzeit 2016/17 zum deftigen Klamauk aufgepeppt, mehr pausbäckig als filigran. Aber was soll’s, dem Publikum hat’s gefallen.

Mario Bottas kultisches Bühnenbild von "Il barbiere di Siviglia" / Fotos: T+T/Toni Suter

Die Krux mit der Globalisierung

Lateinische Kultur war gestern. Den Basilio singt ein Chinese, die Rosina und der Almaviva sind Russen, der Figaro ein Pole und im Orchester spielen mehr Asiaten denn je. Sie können ihren Notentext schon fast blind abrufen, sind ausgezeichnete Instrumentalisten, aber vom Fluidum der Italianità haben sie zu wenig Ahnung. Wenn uns dann Enrique Mazzola am Dirigentenpult die süffigen Melodien wie Gassenhauer um die Ohren knallt, dann entsteht ein Wettsingen um die bravourös ausgehaltene Klimax und ein Gewurstel um die horrenden Schnellsprech-Läufe, dass man ein bisschen wehmütig wird.

Wie war das noch 1965 unter Nello Santi, den man schmerzlich vermisst? Wer erinnert sich noch 1981/82 an die Gruberova als Rosina, Araiza als Almaviva und Bruno Pola als Figaro? Wer an die Besetzung von 1993 mit Kasarova, Macias, Chausson, Widmer und Polgar? Noch 2011/12 war Santi im "Barbiere" die Garantie für das italienische Selbstverständnis in Zürich, und nun muss man seinen „Nabucco“ im Herbst an der Scala Mailand hören.

Happy End mit Anna Goryachova als Rosina und Maxim Mironov als Il conte di Almaviva

Noch im Juli-Flyer waren das Aushängeschild Javier Camerena als Almaviva und Levente Molnar als Figaro angekündigt, nun wurden sie kurzzeitig ersetzt durch den farblosen russischen Blender Maxim Mironov und den blutjungen Polen Andrzej Filoncyk aus dem IOS/Opernstudio, vordergründig stimmlich zwar betörend, aber in den Koloraturen technisch mehrfach überfordert. Blieben also noch die verheissungsvolle Russin Anna Goryachova (Rosina) und der kohlrabenschwarze Bass von Wenwei Zhang (Basilio). Bei allem Wohlwollen sind sie in diesem Fach fehlbesetzt. Russisches Timbre hat zwar Tiefe, aber glitzert nicht, die Skala ihrer gesanglichen Schattierungen zeigt eine zu eindimensionale Stimmkultur, und Zang war im „Macbeth“ umwerfend, hier nur massig. Wirklich wohl fühlten sich beide nicht. Bleibt also noch Carlos Chausson: Er ist stimmlich wie darstellerisch das alter ego von Bartolo, kein trotteliger Hanswurst, aber eine Commedia dell'arte-Figur, wie sie sich Rossini in seinem virtuosen Gaudi vorgestellt haben mag. Doch Chaussson allein schafft es nicht. Wenn die Kasse klingelt, scheint dem Haus auch diese Wiederaufnahme als das kleinere Übel. Sparschraube? Die Kultur von annodazumal hat bedauerlicherweise das Nachsehen.

Weitere Vorstellungen: Juli 9, 11, 14, Oktober 1, 6, 11

 

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