08.10.2017 - Hanspeter Stalder

Eine Oberschicht im Untergang

Der österreichische Meisterregisseur Michael Hanekeschuf mit «Happy End» ein sarkastisches Porträt einer morbiden europäischen Gesellschaft angesichts verdrängter Flüchtlinge.

Familie Laurent betreibt in Calais eine boomende Baufirma. Doch das Fundament des Erfolgs bröckelt: Die resolute Firmenchefin Anne (Isabelle Huppert), die mit dem Anwalt Lawrence Bradshaw liiert ist, hat ihren Sohn Pierre (Franz Rogowski) zum Manager bestimmt, was er aber nicht sein kann und will. Auch privat gibt es Probleme: Annes Bruder Thomas, ein Arzt, der ebenfalls in der Mehrgenerationen-Villa wohnt, soll sich plötzlich um seine dreizehnjährige Tochter Ève (Fantine Harduin) kümmern, die zu ihm ziehen muss, weil ihre geschiedene Mutter an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben ist. Das Mädchen fühlt sich in der neuen Umgebung mit Papa und dessen neuer Frau Anaïs einsam. Es entdeckt auf Vaters Computer einen pornografischen Chat mit einer gewissen Claire Vidal. Auch Georges (Jean-Louis Trintignant), der Patriarch des Firmenimperiums und Vater von Anne und Thomas versucht, verbittert und etwas verwirrt, mehrmals, sich das Leben zu nehmen. – Grossartig gespielt, vor allem von den vier Hauptpersonen.

Anna, die Chefin des Familienbetriebes

So wenig wie möglich sagen

Was hier leicht verständlich und chronologisch erzählt ist, erweist sich im Film inhaltlich und formal als gewöhnungsbedürftig und provokativ, vertrackt und hintergründig. Beispielsweise die Handy-Bilder und die Social Media Elemente wie Livestreaming, Instant Messaging und Youtube Supercuts. Doch Haneke wäre nicht Haneke, wenn solches nicht als exakt programmierter Denkanstoss zu verstehen ist. Gelingt es beim ersten Mal nicht, dann vielleicht beim zweiten. Gelegentlich erklären spätere Sequenzen frühere. Der Regisseur ist in seinem neuen Film sperriger und hinterhältiger als in früheren. «Mein Ziel ist es, so wenig wie möglich zu sagen, damit die Imagination der Zuschauer absolute Freiheit hat», sagte er in Cannes; er versuche, Hinweise zu geben, «doch die Zuschauer müssen die Antworten selbst finden".

Georges, der Patriarch der Baufirma

«Es wird alles gut»: Geschichte einer netten, verlogenen Gesellschaft

Auf ungewohnte Weise beginnt der Film mit einem vertikalen, die Bildhöhe füllenden Mobiltelefon-Video, das eine Frau am Ende eines dunklen Ganges im Badezimmer zeigt, wie sie, banal und trivial, Zähne putzt, gefolgt, nochmals im gleichen Format, von einer Sequenz, in der es heisst: «Das ist mein Hamster. Mutter sagt, er stinke. Aber das ist eine Lüge. Ich habe ihm eine von Mutters Beruhigungspillen ins Futter gemischt. Es funktioniert.» Und nochmals folgen zwei ähnliche Szenen: Anne spricht über ihre Schwiegertochter, und schliesslich kommentiert eine weibliche Stimme deren Einlieferung ins Spital. Die Kamerafrau und Kommentatorin der Einleitung ist Ève, die Enkelin von Georges Laurent. Die Schlusseinstellung des Films ist nochmals in gleicher Weise gefilmt.

Erst jetzt füllt das Filmbild die ganze Leinwand, wird hell und schön und bietet aus der Ferne die Übersicht über eine städtische Grossbaustelle, mit tiefen Fundamenten, hohen Betonmauern und mit Bauarbeitern, mit Unterhaltungsmusik und Sportberichten aus dem Radio. Da bricht ein Teil der Wand ein, Erdmassen und Baugeräte rutschen ab, ein Arbeiter wird verschüttet, eine Überwachungskamera hält es fest. «Merde!», der Kommentar aus dem Off. Annes einzige Sorge angesichts des Unglücks ist die Zurückweisung jeglicher Verantwortung.

Der Film «Happy End» von Michael Haneke spielt in Calais und erinnert mich an «Le Havre» von Aki Kaurismäki. Calais und Le Havre stehen für den französisch-englischen Hotspot der Flüchtlingsbewegung, gehören also zusammen. Der erste spielt im Milieu des Grossbürgertums, der zweite in den Arbeiterquartieren. Bei Kaurismäki ist das Thema im Vordergrund, bei Haneke im Hintergrund, bis gegen Schluss. Haneke kündet ein Happy End an, Kaurismäki feiert ein solches.

 Pierre, erfolglos im Management, erfolgreich in der Revolte

Unwillkommenen sind sie da: die Flüchtlinge

Georges begegnet im Rollstuhl auf der Strasse Flüchtlingen aus Afrika und spricht sie an, ohne dass wir es verstehen. Die Schwarzen ziehen weiter. Dann versucht der Alte, seinen Coiffeur zu überreden, ihm beim Selbstmord behilflich zu sein, was dieser ablehnt. In der Schlüsselszene des Films, volle acht Minuten lang, besucht Anne nachts ihren Sohn Pierre in einem heruntergekommenen Zimmer, verwahrlost, vielleicht drogen- oder alkoholabhängig. Als Mutter will sie ihm helfen, lädt ihn zu einem angepassten, bürgerlichen Leben ein. Das aber lehnt er kategorisch ab, denn es würde Arbeiten bedeuten. Und dies ist in seinen Augen wohl der Kern des kapitalistischen Systems, auch der Baufirma des Grossvaters. Pierre, der nachts als Hip-Hoper auftritt, sähe sich so im Zentrum, wo der Kapitalismus entsteht, als Krebs wuchert und schliesslich Leben zerstört. Für Anne und die ganze Gesellschaft ist er eine Enttäuschung; für eine andere Welt, eine andere Gesellschaft vielleicht ein Symbol der Befreiung. Anne entmachtet ihn. «Ich bin nichts wert», seine Antwort. Erst als er ihre Verlobungsfeier mit einigen Flüchtlingen in ein Happening umfunktioniert, hat er seinen persönlichen Erfolg. Vielleicht ist hier der Kern der Aussage des Films von Michael Haneke zu finden.

 Ève, die Dreizehnjährige, die schnell erwachsen werden muss

«Rundherum die Welt und wir mittendrin: blind»

Die frühreife und nicht unschuldige Ève, die notgedrungen und schnell das Kinderparadies mit der Erwachsenenhölle vertauschen muss, führt auf ihrem Smartphone eine Art Tagebuch der Menschen ihrer Umgebung. Wie diese nicht miteinander verbunden sind, nicht offen miteinander umgehen, so sind es auch die Episoden des Plots nicht, auch wenn sie eingetaucht sind in Licht, ein besonderes, das einer kalten Sonne, die nicht wärmt. «Das Kino», sagte Isabelle Huppert bei der Premiere, «ist nicht dazu da, die Freundlichkeit der Welt zu zeigen.» Wer «Happy End» gesehen hat, weiss, was sie damit meint. Vor fünf Jahren hatte Michael Haneke mit dem Paarporträt «Amour» das Publikum zu Tränen gerührt. Mit dem neuen Familienporträt macht er das nicht mehr, sondern erschüttert, provoziert, verunsichert und verwirrt es. Formal bleibt Haneke dabei der Alte, der mit unfehlbarer Genauigkeit Bilder (Kamera Christian Berger) und Töne (Geräusch Pascal Chauvin) einer morschen und verlogenen Gesellschaft beschreibt. Der Klarheit folgt jetzt die Unklarheit, dem Verstehen das Schweigen. Mit seiner Beschreibung des grossbürgerlichen Milieus und dessen Liebes- und Alltagsritualen liefert «Happy End» sozusagen die Innenschau der Aussenschau von «Amour».

Subtiler als in früheren Werken spielt Haneke diesmal mit unseren Gefühlen, indem er uns oft lange Zeit Antworten auf Fragen einzelner Szenen verwehrt. Er holt uns persönlich vor den Spiegel, lässt uns die Kälte und Einsamkeit spüren und gönnt uns am Ende dennoch kein Happy End. Wenn man sich die Geschichte vergegenwärtigt, die Georges seiner Enkelin gegen Schluss erzählt, so ist dies klar. Er schildert eine Szene, die er vom Fenster aus beobachtet hat: Ein Raubvogel zerfetzt einen kleinen Vogel. Auf einem Bildschirm sehe das irgendwie normal aus, doch im echten Leben mache das schon etwas mit einem. Michael Hanekes «Happy End» erinnert mich an Samuel Becketts «Glückliche Tage» und «Endspiel» und deutet an, dass die unversöhnliche und brutale Gesellschaftskritik seiner früheren Filme jetzt existenziell und allgemeingültig wird. Während wir die Szenen wie Puzzleteile zu einer Botschaft zusammenfügen, erleben wir, wenn wir Glück haben, vielleicht Momente, die uns die Augen öffnen, obwohl der Filmemacher grundsätzlich pessimistisch bleibt: «Rundherum die Welt und wir mittendrin: blind.»

Titelbild: Familie Laurent beim Diner

Regie: Michael Haneke; Produktion: 2017, Länge: 110 min, Verleih: filmcoopi

 

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