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30.06.2017 - Judith Stamm

Einsamkeit gehört zum Alter

Einsamkeit gehört zum Alter wie Herzklopfen zur Verliebtheit. Nur wird der Zustand selten mit diesem Begriff „Einsamkeit“ benannt. Er erscheint in vielen Verkleidungen.

An „ennui“ leide er, sagte mir ein Mann, der gegen die Neunzig ging. Der leichte Hauch von gespielter Verzweiflung war nicht zu überhören. Er fühle sich „verlassen, verlassen, wie ein Stein an den Strassen...“ zitierte er ein deutsches Volkslied. Früher sei er der Mittelpunkt des Familienclans gewesen. Neue Freundin, neuer Freund in der der jüngeren Generation: alle seien ihm vorgestellt worden. Ein erstes Kind: immer sei er bei den Ersten gewesen, die davon gehört hätten. Und jetzt: nichts, niente, zero! Das sei wie „vorausgenommenes Sterben“!

Er war Arzt und offenbar seinerzeit eine Art informelles Familienhaupt gewesen. Das war jetzt vorbei. Das Rudel war weitergezogen. Jüngere Ratgebende hatten seinen Platz eingenommen.

Dasselbe hatte ich seinerzeit mit einer alten Tante, die alleinstehend im Tessin lebte, erfahren. Sie wusste Bescheid über die Partnerschaften ihrer Neffen und Nichten in allen Phasen. Anzeigen über Geburten gingen selbstverständlich auch ins Tessin. Wer in der Umgebung Ferien machte, plante einen Abstecher ein. Kein Geburtstag ging vorbei ohne eine Glückwunschkarte von Tante Ida. Eines Tages sagte mir eine Cousine: „Du, der Tante Ida im Tessin geht es nicht gut“. „Was“, fuhr es mir heraus, „lebt die noch?“ Ja, die Geburtstagskarten waren seit einigen Jahren ausgeblieben. Aber in meiner Geschäftigkeit war das nicht in mein Bewusstsein gedrungen. Damals wurde mir mit Beschämung klar, dass Tante Ida mit den Jahren irgendwie „aus meinem Gemüt“ gefallen war. Dabei war ich ihr doch als Kind und in jungen Jahren sehr verbunden gewesen. Ich machte es dann wett, indem ich zur Begleiterin bis zu ihrem Tode wurde.

Meine Mutter starb im neunzigsten Lebensjahr und beklagte sich in ihren alten Tagen immer wieder intensiv über Einsamkeit. „Aber du hast doch heute Besuch gehabt, der dich freute“, sagte ich etwa zu ihr. Weil sich diese Klagen häuften, griffen wir im Umfeld, zu einem Hilfsmittel. Wir begannen, ein Journal zu schreiben. Wer immer meine Mutter besuchte, Verwandte, Bekannte, liess darin einen Eintrag, eine Bemerkung, einen Spruch zurück. Und wenn die Klagen begannen, griffen wir zum Journal und lasen vor. Heute denke ich, dass das nicht sehr fair war. Aber wir verstanden damals nicht. dass das Gefühl der Einsamkeit, unter dem meine Mutter litt, nichts zu tun hatte mit der Zahl der Besucher.

Wenn sie eine Aufgabe habe, und sei diese noch so klein, dann blühe sie auf, vertraute mir eine ältere Nachbarin an. Wenn nicht, fange sie an, nach dem Sinn ihres Lebens zu suchen. „Wozu lebe ich überhaupt“ frage sie sich, jeden Tag.

In einem Gespräch mit anderen wollten wir den Unterschied zwischen Beschäftigung und Aufgabe herausfinden. „Darum habe ich ja in späten Jahren nochmals ein kleines Geschäft auf die Beine gestellt“, meinte ein Teilnehmer. Das „reine Dasein“, die „Existenz an sich“, ohne verpflichtende Aufgabe, habe er nicht ausgehalten!

Persönlich kenne ich die Phasen der „gefühlten Einsamkeit“ auch. Oft haben sie gar nichts mit der Situation zu tun, in der ich mich befinde. Sie melden sich von innen.

Und jedes Mal kommt mir in den Sinn, das sei „vorausgenommenes Sterben“. Das ist ein interessanter Gedanke. Und er ist realistisch. Meine Generation gehört zu denjenigen Menschen, die früher oder später endgültig gehen. Daran ist nicht zu rütteln. Das bewirkt ein neues, spezielles Lebensgefühl. Gelegentlich auch ein Gefühl der Einsamkeit!

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Rund 1,2 Millionen Menschen in der Schweiz sind über 75 Jahre alt. Davon fühlt sich jeder Dritte laut einer Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik häufig oder manchmal einsam. Unter dem Titel "Einsamkeit" veröffentlicht die Seniorweb-Redaktion bis Mitte August eine Serie zur Einsamkeit im Alter mit hilfreichen Hinweisen und Tipps, wie Sie Ihr Beziehungsnetz ausweiten, sich mehr engagieren und wo Sie Hilfe holen können.

Links zu bereits erschienenen Beiträgen:

- Macht Facebook einsam? (Josef Ritler)

- Raus aus der Isolation (Bernadette Reichlin)

 

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