08.10.2017 - Fritz Vollenweider

Fein ziseliert...

Das Cabinet d’arts graphiques in Genf zeigt italienische Renaissance-Zeichnungen aus der Sammlung der Kunstakademie Düsseldorf.

Das Museum Kunstpalast Düsseldorf birgt im Rahmen einer einzigartigen Sammlung von mehr als 14'000 Zeichnungen hauptsächlich aus dem 17. und 18. Jahrhundert auch deren ungefähr 500 aus der Renaissance. Der Konservator des Cabinet d’arts graphiques, Christian Rümelin, präsentiert in den Räumen an der Promenade du Pin (siehe Titelbild) wissenschaftlich unterstützt von Claudia Gaggetta-Dalaimo und Caroline Guignard, eine Auswahl aus dieser Düsseldorfer Sammlung. Was für eine vielseitige, reichhaltige Schau! Sie regt zu mancherlei Überlegungen, zum Nachdenken und selbstverständlich auch zu ästhetischem Genuss an.

Nachdenken und überlegen… Man erinnert sich aus dem Studium der Geschichte, welcher Aufbruch die Neubesinnung auf den Menschen als Individuum im Humanismus; die Zuwendung zum Diesseitigen, die nach der Antike zur Wiedergeburt des denkenden Menschen, zur Epoche der Renaissance geführt hat. Je länger – und je aufmerksamer, einmal gefesselt –  man die nach thematischen Kategorien gegliederte Ausstellung und die einzelnen Bilder betrachtet, umso stärker erkennt man an den fein ziselierten Strichen die Aufmerksamkeit, welche die Künstler allem zuwenden, was mit den Menschen zu tun hat. Man spürt, mit welcher Hingabe zum Detail sie schaffen, was sie ergründen, verstehen und daraufhin mit ihren Zeichenwerkzeugen wiedergeben, gestalten wollen.

    Links: Paolo, Vierge à l’enfant (gegen Ende 16.Jh.); rechts: Lattanzio Gambara, Prophète assis (1567-71)

Die Gesichter der abgebildeten Köpfe und Gestalten sind keine metaphorischen Ikonografien, sie sind individuell erkennbar und wirken aufmerksam beobachtet von ihren Gestaltern. So bekommen Gesichter eine mitteilende, zur Zwiesprache in Gedanken anregende Funktion. (Siehe die hier eingefügten Bilder.) Gleiches gilt für Gewänder, gilt für Kompositionen mehrerer Figuren zu einem Gesamtbild mit einer gewissermassen erzählenden Funktion.

il MecherinoDomenico Beccafumi, dit «il Mecherino»: «Étude d’une tête de femme» (1520-1530)

Eine besondere Wirkung haben die Studien zu grösseren Gemälden und die einzelnen zeichnerischen Auseinandersetzungen mit Details des Körpers: Wie zeichne, male ich den gebeugten Arm? Die geschwungene Halslinie? – und so fort. So beispielsweise im Bild von Filippino Lippi.

LippiFilippino Lippi (ungefähr 1498): «Étude de bras»


PassarottiKatalog
Der Katalog stellt eine umfassende wissenschaftliche Arbeit von Sonja Brink, der Konservatorin der Grafischen Sammlung des Museums Kunstpalast in Düsseldorf dar. Er entstand anlässlich der von der Autorin kuratierten Ausstellung der Sammlung in Düsseldorf. Als Coverbild dient die Kopfstudie - Étude d'une tête d'homme" (1550-1560) von Bartolomeo Passarotti – eine wahre «Landschaft» von Gesicht!

Alle Bilder (ohne Titelbild): © Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Sammlung der Kunstakademie Düsseldorf

Die Ausstellung                (noch bis 7. Januar 2018)

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