10.11.2017 - Bernadette Reichlin

Gestern gefeiert, heute vergessen

Ruhm ist vergänglich. Das zeigt die Ausstellung zur französischen Malerei von 1820– 1880 im Kunsthaus Zürich zur kunsthistorisch wichtigen Epoche zwischen Tradition und Moderne.

Wenn heute für Bilder französischer Maler aus dem 19. Jahrhundert auf dem Kunstmarkt Spitzenpreise erzielt werden, das Kunsthaus Zürich mit seinem Erweiterungsbau Platz schafft, um die weltberühmten Gemälde von Claude Monet aus der Bürhrlesammlung in adäquatem Rahmen auszustellen, geht gerne vergessen, dass diese Protagonisten neuer kunsthistorischer Strömungen in ihren Anfängen umstritten waren und mit vielen Widerständen zu kämpfen hatten.

"Gefeiert und verspottet"

Da musste Edouard Manets "Frühstück im Freien" vor den Stöcken und Regenschirmen erboster Besucher geschützt werden, weil es pornografisch war. Man denke: Eine nackte Frau inmitten korrekt angezogener Männer! Andere, damals hoch angesehene Künstler sind heute in Vergessenheit geraten, ihre Bilder, abwertend als "Historienschinken" klassifiziert, werden kaum mehr gehandelt.

Blick in die Ausstellung, in der Klassizistik und Moderne einander gegenüber gestellt werden. (Bild Christine Ryser)

"Gefeiert und verspottet" heisst denn auch die neue Ausstellung im Kunsthaus Zürich und nimmt bereits im Titel die Ambivalenz des damaligen Kunstbetriebes auf. Zum ersten Mal in der Schweiz wird die Zeit zwischen 1820 und 1880, Jahrzehnte des Umbruchs, anhand von rund 100 Bildern von 57 Künstlerinnen und Künstler in Zürich nachgegezeichnet. Ausgehend von der hauseigenen Sammlung – rund 20 Prozent der Bilder – und ergänzt durch Leihgaben, wird nicht chronologisch, sondern thematisch eine Epoche beleuchtet, die für die europäische Malerei prägend war. Und deren Zentrum die "Salons" in Paris waren, eine staatlich organisierte Institution, die darüber befand, was Kunst und was nur Experiment, Provokation oder Schmiererei war.

Wände füllende Präsentation

In der Ausstellung macht denn auch ein dunkler Raum den Anfang mit dem an die Wand projizierten Gemälde von François-Joseph Heim, das die Preisverleihung am Salon 1824 zeigt: Eine "Kakafonie von Bildern", wie es Kunsthausdirektor Christoph Becker nennt, dicht an dicht an den Wänden bis zur Decke hängend – und davor die kulturbeflissene Gesellschaft.

Zu seiner Zeit das am Kunstmarkt rekordhoch gehandelte Bild von Ernest Meissonier "Der Frankreichfeldzug", vor dem das Publikum Schlange stand. (Musée d'Orsay, Paris/Kunsthaus Zürich)

Gefeiert wurden die Künstler und Künstlerinnen – ja, es hatte auch Frauen unter ihnen – die dem akademisch-klassizistischen Stil anhingen, Bilder technisch so ausgefeilt schafften, dass kein Pinselstrich zu erkennen war. Zum Beispiel Ernest Meissonier – er verkaufte das Gemälde "Der Frankreichfeldzug 1814" zum Rekordpreis von 850'000 Francs –, Alexandre Cabanel, Jean-Léon Gérôme und William Adolphe Bouguereau. Sie waren die damaligen Stars am Pariser Malerhimmel – und heute allesamt fast vergessen.

Neues entsteht aus Traditionellem

Aber für das Verständnis der neuen Stilrichtungen in der Kunst bilden sie die eigentliche Basis. Auf diesem Ansatz baut auch die Ausstellung im grossen Bührlesaal auf: Der Titel "Gefeiert und verspottet" betont zwar die kontroversen Strömungen, in der Ausstellung, kuratiert von Sandra Gianfreda, aber wird weniger gewertet als denn gemeinsame Aspekte aufgezeigt.

Es scheint, als ob die akademische-klassizistische Malerei im Kontext mit den Wegbereitern der Moderne einen neuen Rahmen erhielten. So widmet sich ein erster Teil unter dem Titel "In Szene gesetzte Geschichte(n)" dem Wandel von der an Bedeutung verlierenden Historienmalerei zur Genremalerei, von Meissoniers "Frankreichfeldzug" bis zu Delacroix, Degas und Manet, die durchaus noch mit traditionellen Mitteln, aber mit neuen, innovativen Ansätzen arbeiteten.

Akte sind in allen Kunstrichtungen ein Thema. Hier die Badenymphe in "La source" von Gustave Courbet. ((The Metropolitan Museum of Arts, New York/Kunsthaus Zürich)

Den grossen, oft politischen Themen folgen Gemälde, die den Alltag der Menschen, ob auf dem Feld oder beim Feiern abbilden. Wunderbar hier Honoré Daumiers Blick in eine übervoll besetzte Theaterloge oder "Der Opernball" des streng akademisch malenden und deshalb hochgelobten Eugène Giraud.

Grenzen verschwimmen

Hier überschneiden sich auch die Grenzen zu den späteren "Impressionisten" – was ja anfänglich eine abwertende Bezeichnung für eine neue Stilrichtung war – die sich Alltagsthemen zu- und von der Historienmalerei mit ihren mythologischen, biblischen oder orienatlischen Themen abwandten.

Es folgen Akte, Porträts und schliesslich Landschaften – und die Begriffe Romantik, Naturalismus, Realismus und Impressionismus, die wichtigsten Klassifizierungen der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts, laden thematisch vereint dazu ein, nicht nur Gegensätze, sondern auch Gemeinsamkeiten zu erspüren.

Wie früher in den Pariser Salons, werden im Kunsthaus die einzelnen Bilder auch juriert. Vom Publikum. Mit einem Voting sollen die Favoriten in der Ausstellung ermittelt werden. Vielleicht findet da einer der heute vergessenen Künstler neue Anerkennung. Wer weiss denn schon, wer auch in hundert Jahren noch hoch gelobt – und hoch gehandelt – sein wird, und wer bis dahin in die Versenkung verschwunden ist?

Die Ausstellung ""Gefeiert und verspottet. Französische Malerei 1820-1880" dauert bis zum 28. Januar. Infos unter www.kunsthaus.ch

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