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20.04.2017 - Andreas Iten

Hallo, ich bin ein Kultureuropäer!

Die Schweiz hat sich durch die Wirren der Jahrhunderte als eigenständiges Land behaupten können und blieb doch spür- und sichtbar beeinflusst von Europa.

Ich liebe Europa. Es ist ein sehr reicher und vielfältiger Kontinent. Er besticht durch einen grossen Reichtum an Kultur und durch hervorragende, originelle Städte. Fast jede Landschaft hat einen eigenen Baustil entwickelt. In der Schweiz kann er kleinräumig erlebt werden. Die Bauten in Appenzell unterscheiden sich in typischer Weise von jenen im Goms oder im Jura. Kultur entsteht durch Überlagerung. Diese kann nirgends so schön beobachtet werden wie in Italien. Von den Etruskern bis in die Zeit der Renaissance und des Barock befruchteten die Völker, die über Jahrhunderte Italien abwechselnd beherrschten, Land und Volk. Bei aller Eigenständigkeit der Regionen beeinflussten die grossen Strömungen Europas in fast allen Ländern die Bautätigkeit, aber auch die Musik, die Dichtung und das Kunstschaffen. Wobei ein Don Quijote wahrscheinlich nur in Spanien und die „Käserei in der Vehfreude“ nur im Emmental geschrieben werden konnten.

Die Einbindung der Schweiz in Europa vermittelte unzählige Impulse. Man denke nur an die gotischen Münster von Basel, Bern, Genf und Zürich, die noch heute von einer grossartigen Kulturgeschichte zeugen. Die überragenden Barockkirchen von Einsiedeln und St. Gallen sind ein Beweis der schweizerischen Internationalität. Ohne Luther hätte es keine Reformation in der Schweiz gegeben und ohne die französische Revolution und den Sonderbundskrieg hätte sich die Eidgenossenschaft nicht so schnell auf eine Verfassung geeinigt.

Professor André Holenstein hat mit seinem Werk „Mitten in Europa. Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte“ dargelegt, wie mannigfaltig die Schweiz mit Europa verbunden war und in dessen Geschichte verstrickt ist. Er analysiert die Verflechtung als Überlebensstrategie und die Abgrenzung als Identitätsstiftung. Europa und die Schweiz stehen seit Jahrhunderten in einer Wechselbeziehung, wobei es den Eidgenossen gelungen ist, aus kleinen Kernländern einen Bund zu flechten und ein angesehenes Land und eine bedeutende Wirtschaftsmacht zu werden.

Das Werk von Holenstein verdient Aufmerksamkeit. Es zeigt an zahlreichen Beispielen, wie Wachstum durch Verflechtung gelang. Handwerker, Architekten, Söldner strömten in die europäischen Länder aus und nahmen Impulse auf. Holenstein verweist auf Zuckerbäcker, Kaminfeger, auf Tessiner Architekten, auf Kaufleute, Tuchhändler, Militärunternehmer, die im europäischen Ausland tätig waren. Sie brachten fremde Sitten und Bräuche ins Land. Andererseits etablierten sich berühmte Flüchtlinge wie die von Muralt, Pestalozzi und Orelli als Seidenhändler, Kaufleute, Gelehrte, Fabrikherren in unserem Land. Von den zwanzigtausend Hugenotten, die sich im Welschland auf der Flucht niederliessen, machten sich einige als Bankier, Seidenhändler, Magistraten einen Namen.

Dieses Europa entzückt mich durch seine reiche Kultur. Wie gerne sitze ich in Italien auf einem imposanten Platz und bestaune, was durch Jahrhunderte geschaffen wurde. Obwohl mich Italien am stärksten anzieht, liebe ich auch Deutschland, Österreich, die baltischen Staaten und andere Länder. Ich bewunderte fremde Kulturlandschaften mit markanten Baudenkmälern und gepflegten Gärten. Ich streifte in zahlreichen Städten durch Museen, Kunsthallen, besuchte moderne Theateraufführungen und Konzerte. Des Aufzählens würde ich nicht müde.

Komme ich in die Schweiz zurück, bin ich begeistert von der Innerschweiz, meiner engeren Heimat, die im kleineren Massstab zusammenfasst, was ich im grossen weiten Europa bewundert habe. Die Vertrautheit der Heimat beglückt mich, und sie wird noch reicher, weil sie von einem grossartigen Ausland ummantelt ist. Als Kultureuropäer verstehe ich durchaus, dass dieses vielfältige und doch verwundbare Europa sich gerne in einer Union zusammenschloss, damit Friede unter den Nationen herrscht, Sicherheit gewährleistet ist und Grenzen gesichert sind, aber auch, damit Europa in der Welt eine Stimme hat.

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