08.12.2017 - Fritz Vollenweider

Licht und Freude

Alle Jahre wieder kommen mir ähnliche Gedanken. Vielleicht auch ketzerische…

Manche Weihnachtsfeier habe ich als Sekundarschüler schon für meine Klasse und später als Vater für meine Familie gestaltet. Alle Jahre wieder sind mir beim Anhören oder Vorlesen der Weihnachtsgeschichte dieselben geheimnisvollen Bilder vor meinen inneren Augen erschienen. Das Dunkel der Weiden mit den frierenden Hirten, die sich an einem dünnen Feuer wärmen. Und dann das Licht! «Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell.» (Jesaja 9,1.) Stammt die plötzliche Helle von einem Meteor? Dem Meteor, der überall auf der Welt sichtbar als Stern von Bethlehem gesehen wird? Dann höre ich die Stimme: «Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch grosse Freude…» (Lukas 2, 10).

Licht und Freude. Manches Jahr habe ich den Widerschein davon in den Augen meiner Kinder gesehen.

Dass es mit der Zeit anders geworden ist, liegt an mancherlei Weiterentwicklungen und auch Widerwärtigkeiten im Verlauf meiner achtzigjährigen Biografie. Heutzutage, wo Weihnachtsglanz und Glimmer schon längst vor der Adventszeit auf uns von allenthalben eindringt, wirken die Bilder aus der damaligen Familien-Weihnachtsstube recht verstaubt. Die Weihnachtslieder klingen heute nur noch aus dem CD-Spielgerät, und von der Weihnachtsgeschichte haben meine Enkel wohl keine Ahnung.

Kein Grund zu nostalgischen Träumereien! Eher Grund zum Nachdenken und Überlegen.

Jesus von Nazareth hat keine Religion gestiftet, sondern allenfalls eine Konfession. Religion liegt nach Auffassung von manchen als Anlage in allen Menschen. Wir wollen uns mindestens unbewusst irgendwo gehalten fühlen. Also suchen wir nach etwas, woran wir glauben können. «Glaube ist das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit», schrieb der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher (1768-1834, andernorts auch so zitiert: «Die Religion ist das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit»). Jesus von Nazareth hat seinen Schülerinnen und Schülern diesen Halt vermittelt. Seine Lehre, verkündet in einmaliger Art mit Gleichnissen und Antithesen («Ihr habt gehört, dass geschrieben steht, … ich aber sage euch…») hat wohl dem Volk, das damals im Finstern zu wandeln schien, ein neues Bewusstsein von der Bedeutung ethischen Handelns vermittelt.

Das Lehren mit Gleichnissen entspricht einer Form des heute nicht unüblichen alternativen Denkens oder auch, wie ich kürzlich bei Saint-Exépury gelesen habe, des «Wechselns der Blickrichtung». «Seht, ein Auto sieht von vorne ganz anders aus als von hinten – und es ist doch dasselbe Auto», pflegte meine Frau ihren kleinen Mädchen zu erklären.

Deshalb ist Jesus denn auch den staatlichen und «kirchlichen» Autoritäten nicht nur unbequem, sondern zur Gefahr geworden. Die Folge davon war seine Hinrichtung. Vergleiche mit Vorgängen in der Weltgeschichte der Gegenwart wären in diesem Sinne gar nicht zufällig.

Alle Jahre wieder stellt sich mir auch die Frage, weshalb wir Christen die Weihnachtsfreude gerade einmal im kalten Winter in den Vordergrund stellen. Weshalb ist das Symbol unseres Glaubens die überaus leidende, gequälte entseelte Gestalt am Kreuz – sozusagen ein Galgen, den manche auch noch über ihr Bett hängen? Weshalb ist das Wahrzeichen für Christen nicht der helle Stern des Lichts und der Freude? Ist es die vom Propheten verheissene Freude nicht wert, Leitidee unseres Glaubens zu sein? Hat nicht Christus selber gesagt: «Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.» (Johannes 14, 19)

Alle Jahre wieder erleben die Christen Advent und Weihnacht. Sie freuen sich über die Geburt des Erlösers von unserer Schuld und unseren Sünden. Und nicht die Trauer über Leiden und Tod des Christus, des «Gesalbten des Herrn» sollte uns eigentlich vor allem in unseren Herzen bewegen, sondern die Freude, dass einmal in tiefer Finsternis – nicht nur auf den Feldern der Hirten und in den Städten der Mächtigen – ein Mensch geboren wurde, der zum Trost, zum hilfreichen Erlöser von mancherlei Schuld geworden ist.

Wie eingangs erwähnt: Alle Jahre wieder bewegen mich alle diese Bilder und Gedanken, darunter auch die ketzerischen.

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Kommentare

Lieber Fritz

Interessante Gedanken! Erlaube mir jedoch, Dich darauf hinzuweisen, dass Tod und Sterben am Kreuz eigentlich nur zum Karfreitag gehören, Ostern dagegen das Fest der Auferstehung ist. Allerdings ist das Kruzifix wirklich zum Symbol des katholischen Glaubens geworden.

Der Stern von Bethlehem ist doch auch ein schönes Symbol. Und zumindest wir Frauen können uns eine Geburt sowie besser vorstellen als eine Auferstehung am Ostersonntag. Angesichts einer Auferstehung können wir nur vor Ehrfurcht verstummen - aber zu Weihnachten singen wir.

Lieber Fritz

Du hast es getroffen. Ich frage mich schon lange, warum wir Katholiken so auf den Kreuzestod fixiert sind. Kreuze, mit oder Korpus hängen (hingen hierzulande) sogar in den Büros und Gerichtssäälen.

Wer würde schon als Andenken das Bild eines Verkehrsunfalls mit Todesfolgen aufbewahren?

Ich habe die Frage schon oft gestellt. Habe aber nie eine befriedigend Antwort bekommen.

Frohe Festzeit!

Doch, eine Antwort gibt es schon, auch wenn es kaum eine befriedigende sei kann. Man forsche bei den Kirchenvätern und bei den Mächtigen des Mittelalters. Mit dem Kreuz vor Augen und dem Vertiefen in das Leiden und Sterben des Heilands kann man die Notleidenden besser dazu motivieren, ihr Schicksal ohne Murren zu tragen. Es gehören ja auch alle die Kleidervorschriften, das Grau in Grau und die niedergeschlagenen Augen dazu. Es gäbe noch viel mehr anzuführen...

Ich teile eure Überlegungen. Irgendwo steht doch, wir sollten uns kein Bildnis von Gott machen - und da hängen wir seinen Sohn tot an ein Kreuz, und dann erst noch als Zeichen der Hoffnung?!

Die Lichter rings um Weihnachten finde ich grundsätzlich ermutigend: Es gibt sehr viele depressive Menschen in der Vorweihnachtszeit, und alles was in diesen dunkeln Tagen erhellt, ist doch auch positiv (mal abgesehen vom Elektrizitätsverbrauch).

Mit der Wohlstandsgesellschaft können meine Enkel gut umgehen: "Oma, wir haben eigentlich alles", erklärt der 9-jährige, und schenkt mir zum Geburtstag 10 Franken aus seinem Sackgeld. Nach zwei Tagen Verlegenheit meinerseits und dem immer-noch-auf-dem-Buffet-liegen des Geldes, steckt er die Münzen kommentarlos wieder ein. Dass ich Zeit habe, um ihm zuzuhören und mit ihm  etwas zu erzählen oder zu basteln, das mag er sehr. Zeit ist ein gutes Geschenk.

Lieber Fritz, Deine Gedanken bewegen. Danke.

Ketzerisches habe ich eigentlich nirgends gefunden dabei. Nachdenkliches ja, zu Bedenkendes noch mehr.

Die Kommerzialisierung von Weihnachten hast Du nicht angesprochen. Ich denke, sie ist einer der Gründe, warum die Freude über das "Licht in der Finsternis" oder - wie ich meine - der Inhalt der Religion (nicht der Konfession) verloren gegangen ist in unserer Wohlstandsgesellschaft.

Denn nicht wahr, die Wohlstandsgesellschaft kennt keine Finsternis der Gemeinschaft, wie sie die Juden unter Römerherrschaft erlitten. Uns geht's zu gut, wir brauchen kein nicht fassbares Licht. Die Geschäfte erleuchten unsere Welt genug.

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