30.08.2017 - Ingeborg Rotach

Lieblingsbücher

Bibi war mein erstes Lieblingsbuch, gefolgt von vielen weiteren Büchern, die mein Leseleben verschönt, beglückt und bereichert haben.

In unserem Lesekreis werden die zu lesenden Bücher immer nach einem Thema ausgewählt. Während eines Jahres stand russische Literatur zur Diskussion, ein andermal Biographien, später Romane aus dem englischen Sprachgebiet, dann Bücher über berühmte Liebespaare, Familiengeschichten. Freundschaft war ein Thema und unvergesslich, Kultbücher, die die Welt einmal bewegt, erschüttert oder aufgerüttelt hatten, usw.

Dann kam die Idee der Lieblingsbücher. Welches Buch hat zuhause den absoluten Ehrenplatz, wird immer wieder einmal in die Hand genommen, aufgeschlagen. Der Band geht schon an der richtigen Stelle auf. Man liest ein paar Seiten, die einmal wichtig waren, lächelt, nickt vielleicht, fühlt sich um Jahre zurückgeworfen, findet oder findet die einstige Leserin nicht mehr. Man weiss aber genau, warum es ein Herzensbuch geblieben ist, wegen der schönen, glasklaren Sprache zum Beispiel, weil die Hauptperson, weil die Welt so geschildert wird, wie man sie sich einmal erträumt hat, weil die Geschichte in einer geliebten Stadt spielt, in einer weiten, wunderbaren Landschaft, weil man in der beschriebenen Situation die eigenen Schwierigkeiten erkannt hat, weil es ein Fluchtbuch ist, ein Traumbuch, ein Wunschbuch - ein Herzensbuch eben.

Seinerzeit hagelte es Vorschläge, die auf keinen Nenner gebracht werden konnten, auch nicht gebracht werden mussten. Edle, klassische Geschichten waren dabei: Anna Karenina von Leo Tolstoi, die Buddenbrooks von Thomas Mann, Tortilla Flat von John Steinbeck, Peter Bichsels Kindergeschichten, Alfred Anderschs Sansibar und Henry Millers Das Lächeln am Fusse der Leiter. Der Krimi, Aufruhr in Oxford, von Dorothy Sayers bekam einen Platz im Leseplan und auch Salingers Fänger im Roggen. Die Zahl der Lieblingsbücher übertraf die Zahl der Leseabende bei weitem. Auch mein Lieblingsbuch konnte im Jahresverlauf nicht untergebracht werden, passte auch nicht recht in die Reihe der edlen Bücher; doch suchte und fand ich es in der Schachtel meiner alten geliebten Kinderbücher.

Ich bin gleichsam Hand in Hand mit „Bibi“, mit dem von Karin Michaelis erschaffenen Mädchen durch meine Kinderjahre gegangen. Bibi ist eine Verwandte, eigentlich die ältere Schwester von Pippi Langstrumpf. Beide Mädchen sind keineswegs brav und folgsam, wie das von Mädchen damals verlangt und auch vorausgesetzt wurde. Sie sind selbstsicher, frech, mutig und stark, aber auch warmherzig und sehr hilfsbereit.

Als Tochter eines Stationsvorstandes besitzt Bibi eine Freikarte auf allen dänischen Eisenbahnen, eine wunderbare Möglichkeit, überall hinzureisen, wo es etwas Interessantes zu sehen gibt. Einmal ist sie unterwegs, um die Versammlung und den Abflug der Störche in den Süden zu beobachten oder sie hört vom wunderbaren Meeresleuchten, das alles versilbert, die Fische, die Steine, auch die Hand, die man ins Wasser hält; da muss sie doch hinfahren und das Wunder ansehen, unbedingt. Für die vielen Fahrten reichen natürlich weder die Sonntage noch die Ferienzeit aus, und so bleibt Bibi nichts anderes übrig, als dauernd den Unterricht zu schwänzen. Sie macht dies nicht gerne, bedauert es sogar, ändern kann sie es beim besten Willen nicht, selbst als ihr der Ausschluss aus der dritten und letzten Schule ihres Wohnortes angedroht wird.

Ich habe die Abenteuer des unternehmungslustigen originellen Mädchens meinen Enkeln vorgelesen, immer bereit, die Lektüre abzubrechen, wenn die Geschichte die Kinder langweilen sollte. Aber die Sorge war unbegründet. Die Mädchen erkannten sich in Bibi, fanden die Geschichte spannend und überhaupt nicht altmodisch. Eine Freikarte auf allen Eisenbahnen erschien ihnen cool und ein Riesenhit und wurde als Geburtstagswunsch erwogen. Sie malten sich aus, wohin sie fahren, was sie ansehen, wen sie besuchen würden. Und als Bibi zum Geburtstag ihrer verstorbenen Mutter die Glocken der Kathedrale von Ribe läutete und einen langen Brief aufs Grab legte, kämpften die kleinen Zuhörer mit den Tränen.

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