13.07.2017 - Andreas Iten

Mangel an Respekt

In unserer Welt des Wohlstands wächst die Unzufriedenheit und damit zugleich die Respektlosigkeit. Das scheint paradox.

Der Philosoph Peter Sloterdijk weist in seinem Werk „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ darauf hin, dass in aller Welt viel mehr Ansprüche nach „Objekten des Konsums und Geniessens stimuliert würden, als durch real erarbeitete Güter bedient werden können“. In einer Welt, die durch Werbung permanent Wünsche weckt, die nicht befriedigt werden, wächst gleichzeitig dazu die Unzufriedenheit. Sie drückt sich nicht zuletzt in stets neuen Forderungen aus. Forderungen, die weder die Familie noch der Staat zu erfüllen vermögen. Diese Situation verändert das Verhalten der Menschen. Unzufriedenheit nimmt parallel zu den unerfüllten Wünschen zu und Ressentiment wächst. Respekt vor Mitmenschen schwindet. Hass und brachiale Gewalt schrecken zufriedene Bürger auf. In Zeitungen wird immer weniger subtil auf die Sprache geachtet. Im Sportteil stand kürzlich als Überschrift eines Berichtes, zwei Sportler seien Feinde geworden. Wenn der Journalist nicht mehr zwischen Gegner und Feind unterscheidet, dann suggeriert er, sie hätten aufeinander eingeprügelt. Sie hatten sich aber bloss im edlen Wettkampf gemessen. Mangelnde Achtsamkeit und fehlender Respekt beeinflussen die geschriebene und die gesprochene Sprache – viel stärker, als wir annehmen.

Ich habe mich wegen eines recht dreisten Leserbriefs, der in seltener Anmassung politische Würdenträger attackierte, empört. Die Angegriffenen verdienen diese Beschimpfung nicht. Schon der Titel des Leserbriefs „Höchste Unzufriedenheit“ liess Ungutes erahnen. Er war an die National- und Ständeräte gerichtet. Die Arbeit im Parlament wurde als „Karussellspielchen“ desavouiert. Kritisiert wurden die Räte, die nichts gegen die „Welle höchster Unzufriedenheit“, gegenüber den (zwei) „meistkritisierten Personen im Bundesrat“ unternehmen würden. Dank der Tatsache, dass sich immerhin einzelne Räte wehren, sei unser Land nicht an die „völlig marode Wand der EU“ gefahren worden. In diesem Ton ging es weiter. Der Leserbriefschreiber wetterte über den schwachen Verein in Bundesbern, der ohne jeglichen Mut, mit praktisch null Kreativität und mit meist faulen Kompromissen agiere. Er würde die „Riesen-Unmutswelle“ im Sinne „das ist mir egal“ einfach über sich ergehen lassen. Am Schluss fasste der Leserbrief, ohne jedes nachvollziehbare Argument, den Missmut im Satz zusammen: „Das ist eine Schande, die ihresgleichen sucht!“ Eine Sprache, die Unmut in Superlativen formuliert, hat schlechten Vorbildcharakter. Ungut, wenn Väter und Mütter sich ihrer bedienen. Sie sollten Vorbilder für die Jugendlichen sein. Sie fordern für sich selber Respekt, aber zollen sie ihn auch anderen?

Das Paradox, das mich beschäftigt, lässt sich mit dem Satz formulieren: Je besser es Menschen geht, desto unzufriedener können sie oft werden. Die Schweiz ist ein wohlhabendes Land, und es ist besser regiert als viele andere Länder. Diese gute Situation stimuliert manchmal utopische Wünsche. Es kommt zu einem Wettlauf zwischen dem, was erreicht ist und dem, was sich Menschen wünschen. Die Ansprüche steigen nicht nur für das tägliche Leben, sie strapazieren auch das politische System über Gebühr. Viele Initiativen zeugen davon. Je nach Parteizugehörigkeit liegen diese Begehren weit auseinander. Oft findet sich im Kompromiss eine akzeptable Lösung.

Die Respektlosigkeit, mit der im Leserbrief die Bundesräte Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Amman attackiert wurden, verdienen diese nicht. Da dirigieren Wut und Ressentiment die Sprache. Superlative sind selten wahr. Wer ist schon der Grösste und der Beste, wer der meist Kritisierte? Schon übermorgen ist es ein Anderer. Vernunft und Achtung verbieten zwar, diese Sprache ernst zu nehmen, aber sie hat viel Gefahrenpotential. Böse Worte eilen dem Handeln voraus. Bevor in Hamburg der schwarze Block zuschlug, war die Sprache da. Sie disponierte zu wütenden Attacken. Jede Feindschaft beginnt mit der Sprache. Nicht umsonst versuchen die Weltmächte im Cyperspace, im digitalen Untergrund, die Menschen oft mit Lügen und ohne Respekt zu beeinflussen.

Zurück zum Leserbrief: Wer sich in Superlativen einnistet, lebt in einer konstruierten Scheinwelt. Er verzichtet darauf, Tatsachen dem Urteil des gesunden Menschenverstands zu unterziehen und ihre Plausibilität mit der einfachen und vertrauten sinnlichen Wahrnehmung und Empfindung zu prüfen. So wird die anfängliche Sorge um eine Entwicklung zu einer zerstörerischen Dystopie.

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