12.07.2017 - Sonja Kolb

Morde in Hamburg und in Pisa

Unterschiedliche Orte, unterschiedliche Zeiten: 1900 wird in Pisa ein Opernsänger erschossen, in Hamburg werden Menschen ermordet, die sich mit der Flüchtlingsfrage beschäftigen.

1900 in Pisa: Während der Aufführung der Oper „Tosca“ zu Ehren von König Vittorio Emanuele III., wird der Cavaradossi-Sänger nicht nur zum Schein exekutiert, sondern wirklich erschossen. Danach droht eine Revolte. Nach den Anfangsermittlungen der königlichen Wache bringt schliesslich Ernesto Ragazzoni, Dichter, Übersetzer, Journalist und bekennender Säufer das richtige Licht ins Dunkel.

Aufwändige Vorbereitungen

„Tosca“ scheint nicht eben die richtige Wahl, um im Neuen Theater zu Pisa den König zu empfangen. Die Oper enthält einigen politischen Zündstoff. In mehreren anderen Städten war es nach den Aufführungen zu Unruhen und Ausschreitungen gekommen.

Um Emanuele III. keiner Gefahr auszusetzen, sind deshalb aufwändige Vorbereitungen angesagt. Nicht zuletzt deshalb, weil der Tenor Ruggero Balestrieri, der den Cavaradossi singt, nicht nur ein begnadeter Sänger ist, sondern auch als militanter Anarchist gilt. Und weil sich mehrere seiner Freunde aus der Anarchisten-Stadt Carrara ebenfalls im Publikum befinden. Auch die Gesinnung mehrerer Bühnentechniker ist nicht über alle Zweifel erhaben.

Mord auf der Bühne

Leutnant Pellerey steht in der Königsloge im Dienst, als der Tenor und das Erschiessungskommando auftreten. Die Schüsse fallen, der Sänger stirbt buchstäblich einen mehr als überzeugenden Tod. Der Tenor, Anarchist, auch ein ausgesprochenes Ekel-Paket, ist nicht nur vermeintlich, sondern wirklich tot. Es kommt zu den befürchteten Tumulten. Der König wird als Mörder beschimpft und im kurzzeitigen Tohuwabohu fällt auf der Bühne ein weiterer Schuss.

Ein Aufruhr war zwar wirklich geplant. Der Tenor sollte eben überzeugend, aber doch nur vermeintlich erschossen werden. Das hätte den Anarchisten im Parkett Anlass gegeben, einen richtigen Volks-Aufstand zu veranstalten. Das gesteht die Tosca-Sängerin.

Drama mit Ouvertüre und drei Akten

Ein wahrhaft königliches und höchst kompliziertes Theater! Mit Ouvertüre und drei Akten – eine bestechende Idee des Autors. Kompliziert ist die Geschichte auch für den Leser. Und es schadet gar nichts, wenn man sich in der Opernwelt ein bisschen auskennt. Die Ermittlungen des Leutnants und seine systematischen Zusammenfassungen erleichtern jedoch die Orientierung. Und wenn man sich schliesslich auch mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Sprache und oft deftigen Ironie des Autors vertraut gemacht hat, mündet alles in einen vergnüglichen, aber doch recht anspruchsvollen Krimi.

Marco Malvaldi : „Ein königliches Theater“, erschienen bei Piper, 242 S., ISBN 978-3-492- 06010-3

 

Rätselhafte Mordserie in Hamburg

Vorerst wird es nix mit dem Traumurlaub mit der neuen Traumfrau von Hauptkommissar Sebastian Fink. In Hamburg werden nämlich innert kurzer Zeit mehrere Menschen ermordet. Alle aus nächster Nähe erschossen. Einige Opfer haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind alle aus unterschiedlicher Motivation mit der Flüchtlingsfrage beschäftigt.

Mehrere Opfer – ein Täter?

Das erste Opfer, der Automechaniker Dirk Packer, wird in einem Hochhaus in Billstedt unter der Wohnungstür aus nächster Nähe erschossen. Billstedt ist ein sozialer Brennpunkt Hamburgs: hohe Arbeitslosigkeit, viele Ausländer, Drogen, Kriminalität. Und: eine geplante Flüchtlingsunterkunft. Auch Packer war seit längerem ohne Arbeit, kiffte und kokste. Er hatte eine rechtslastige, ausländerfeindliche Gesinnung, weshalb er beim letzten Job entlassen wurde. Auf seinem Küchentisch findet die Polizei auch entsprechende handschriftliche Notizen.

Kommissar Fink und sein Team merken bald, dass der Mord an einem jungen Abiturienten im Jenischpark mit dem Tod von Packer Ähnlichkeiten hat. Auch wenn die Szene eine ganz andere ist: Jan-Ole Sievers, der Juniormeister im Tischtennis, ist privilegiert, wächst in einem vornehmen Viertel nahe der Elbchaussee auf. Er ist mit Leila befreundet, einer jungen Iranerin, die vor langer Zeit mit ihrer Familie nach Deutschland geflüchtet war. Auch er wird erschossen aufgefunden, ebenfalls aus kurzer Distanz attackiert.  

Die Polizei fürchtet zu Recht eine beginnende Mordserie: Das dritte Opfer ist die Zahnärztin Katharina Krüger-Lepinsky, seit zwei Jahren Witwe, Mitte 60. In ihrer gutgehenden Praxis in Altona behandelt sie auch Flüchtlinge.

Weitere Attacken

Fink und sein Team finden über die Flüchtlings-Frage Brisantes heraus: Packer hat zusammen mit seiner Ex-Frau einen Anschlag mit Schweinefleisch-Resten auf das geplante Flüchtlingsheim in Billstedt verübt. Ein Trainingskollege von Ole-Jan Sievers vermutet einen schwarzen Drogendealer als Täter („die sind doch alle schwarz“). Leilas Familie, die Flüchtlingsfamilie aus dem Iran, ist derweil geradezu mustergültig integriert. Und die Zahnärztin hat sich für verwahrloste Kinder engagiert und Flüchtlinge gratis behandelt.

Aber der Mörder ist noch nicht am Ende, es gibt weitere Attacken. Wer kann ein Motiv haben, diese Menschen umzubringen? Es muss einen Zusammenhang geben, denn alle werden mit einer Pistole Mosquito Sport getötet. Für Sebastian Fink tun sich weitere Abgründe auf. Aber schliesslich darf er doch den Koffer packen für die Traumreise mit der Traumfrau.

Dönhoff legt einen schnörkellosen, in kurze Kapitel unterteilten Krimi vor. Klare Sprache, klare Handlung. Und trotzdem – oder gerade deswegen – ist das Buch spannend von der ersten bis zur letzten Seite.

Friedrich Dönhoff: „Heimliche Herrscher“, erschienen bei Diognes, 339 S., ISBN 978-3-257-30037-6

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