06.09.2017 - Fritz Vollenweider

Musik-Irrlichter

Heute Mittwoch beginnt das neu konzipierte Musikfestival Bern. Eine Umschau.

 

Zum sechsten Mal findet in Bern das traditionelle Musikfestival statt. Die diesjährige Festspielleitung wagt diesmal einen Neuanfang. Die konventionelle Form der Festivals gewinnt eine neue Dimension, was durchaus anerkennenswert ist. Die Musiker, vor allem solche der Kunstmusik, der sogenannten «klassischen» oder, wie man sie vor einigen Jahrzehnten häufig (im Gegensatz zur «U-Musik») bezeichnete, der «E-Musik»-Richtung, bemühen sich schon lange um neue Wege. Die Komposition, die Thematik und die Vermittlung sollen aus dem oft abgehobenen Korsett der «Klassischen Musik» befreit werden. Nicht nur soll sie dem Interesse des jungen Publikums wieder etwas näher gebracht werden. Sie soll auch bewusst sich neuen Formen, neuen Inhalten und neuen Vermittlungsmöglichkeiten öffnen.

Es ist kein Zufall, dass im gegenwärtigen Lucerne Festival so gut wie in verschiedenen weltweiten Veranstaltungen neue Räume für bestandene Töne erschlossen werden. Bern liegt da durchaus im Trend, und es ist zu hoffen, dass das neu geschaffene Konzept des Musikfestivals Bestand hat und sich auch weiter zu entwickeln vermag.

Das Festival steht unter dem Motto «irrlicht». Nicht von ungefähr, denn der Begriff ist mit Absicht einem Lied des Schubert-Zyklus «Winterreise entnommen. «… alles eines Irrlichts Spiel…» singt man dort.

Singt der Tenor Julian Prégardien zusammen mit dem Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Mario Venzago. Das Eröffnungskonzert am Mittwochabend in der Dampfzentrale vermittelt einen ersten Auftakt zu dieser zeitgemässen Form von musikalischer Neudeutung eines Inhalts und einer musikalischen Form. Die Klavierbegleitung wird vom Komponisten Hans Zender nicht orchestriert, sondern in die Klangfarben des Orchesters interpretatorisch umgesetzt. Als erste Komponisten ähnliche Orchestrierungen unternahmen, weckten sie damit auch grosse Zweifel und Vorbehalte. Mittlerweile hat man zuhören gelernt und ist gerade Hans Zenders komponierten Interpretation der «Winterreise» durchaus aufgeschlossen. Man weiss die diesem Werk damit neu geöffneten (oder bestätigten) musikalischen und emotionalen Räume in ihrer vollen Differenzierung aufzunehmen und zu verstehen.

Nicht nur «irrlichter», wie das Thema lautet, sondern durchaus Glanzlichter sind von heute bis am Sonntag, 10. September in Bern zu erwarten, so dass sich eine Reise nach Bern durchaus lohnt. Schon im Vorfeld haben verschiedene Institutionen, auch Schulen und thematische Workshops, verschiedenartigste Vorbereitungs- und Zusatzarbeiten geleistet. Deshalb sind im Programm elf Uraufführungen von Musikwerken enthalten. Ergänzend zum klingenden Teil des Festivals sind auch diskursive Veranstaltungen, Vorträge und Präsentationen vielfältigster Art. Entscheidend daran gearbeitet hat der «Philosoph in residence» Christian Grüny.

«Con sordino» Modifizierte Glocke © Ralph Feiner  

Eines dieser Glanzlichter ist bestimmt das Sondergeläut des Berner Münsters, «con sordino», hörbar zu allen üblichen Geläut-Zeiten des Münsters. Mit Fell und Leder sind die Glockenschwengel bearbeitet, so dass das Geläute recht gedämpft und damit in einer ganz anderen Glockentonsprache erklingt. (Konzept und Ausführung: Vera Kappeler und Peter Conradin Zumthor)

Andere Höhepunkte ergeben sich, wenn Festivalbesucher im reichhaltigen und vielseitigen Programm offen sind, neue Konzertformate, neue Hörinhalte und ungeahnt experimentierfreudige musikszenische Präsentationen zu erleben. Die Zusammenarbeit von Berner Ensembles und freien Musikerinnen und Musikern aus dem internationalen Umfeld vermögen reichhaltige Erlebnisse nicht nur im Entdecken neuer Hörinhalte zu vermitteln, sondern auch zu bereichern mit allen diesen zahlreichen, spielerischen und eben auch irrlichternden Geräuschen und Klängen.

«Irrtonale Musik» GingerEnsemble © Sanja Latinovic

Artists in Residence: Jonathan Burrows & Matteo Fargion. Cheap Lecture. © Herman Sorgeloos

Ganz speziell dürfte auch die Aufführung am 8. September um 22:00 im Berner Münster wirken, «Nosferatu», im Auftrag des Musikfestivals Bern von Jannik Giger restauriertes Meisterwerk der Filmkunst. Jannik Giger hat eine Neuvertonung geschaffen, in welcher Elektronik, komponierte Instrumentalmusik, Improvisation und musikalische Zitate aufeinandertreffen. Ein Kollektivensemble wird eigens für die Uraufführung der neuen Filmmusik zusammengestellt. Es setzt sich aus Musikerinnen und Musikern der freien Szene, des Berner Symphonieorchesters, der Camerata Bern und des Klavierduos Huber/Thomet sowie dem Münsterorganisten Daniel Glaus zusammen.

Hier aufgeführt sind lediglich einige Rosinen. Es lohnt sich, das Programm zu studieren und sich Zeit für den Besuch mindestens eines grossen Teils der Veranstaltungen vom 6. bis 10. September 2017 zu nehmen.

Weitere Informationen und Programm: https://www.musikfestivalbern.ch/

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