07.05.2017 - Linus Baur

Parforceritt unter Slapstick-Starkstrom

So komisch wie kunstvoll: Regisseur Sebastian Baumgarten inszeniert am Schauspielhaus Zürich Bertold Brechts Volksstück «Herr Puntila und sein Knecht Matti»

Den besoffenen Puntila nicht zu mögen fällt schwer. Der Grossbauer feiert gern und zeigt unter Alkohol eine überbordende Menschlichkeit. Nüchtern ist Puntila hingegen unerträglich. Unberechenbar herrscht er über seine Tochter Eva, die er an den geleckten, marionettenhaften Attaché verkauft, und alle seine Angestellten, die er ausbeutet und demütigt. Sein Chauffeur Matti ist der Einzige, der keine Angst vor den zwei Gesichtern seines Dienstherrn hat. Er ist für Puntila Prügelknabe, Beichtvater und Gewissen, er mahnt Gerechtigkeit für die Arbeiter an und stellt sich vor Eva, um sie vor dem väterlichen Zorn zu schützen.

Dass Puntila kein positiver Held ist, bedeutet aber nicht, dass Matti einer wäre. Der Chauffeur ist schlau und kritisch, ein Visionär oder gar Revolutionär ist er aber nicht. Und als der weinselige Puntila beschliesst, dass ausgerechnet Matti der ideale Gatte für Eva sei, ist es auch mit Mattis Neutralität vorbei.

Bertold Brecht schrieb sein Volksstück 1940 in Finnland, der vierten Station auf seiner Flucht vor den Nationalsozialisten. Er wollte mit dem Duo Puntila und Matti «die Ausformung des Klassenantagonismus», die Verlogenheit und Gefährlichkeit von Herrschaftsverhältnissen demonstrieren. Heute sind Gut und Böse vielleicht schwerer auszumachen, die zentrale Frage aber bleibt: Kann man reich und ein guter Mensch sein?

Eine Brecht-Revue ganz anderer Art

Regisseur Sebastian Baumgarten macht aus dem Thesenstück eine real existierende Schmierenkomödie, eine Brecht-Revue ganz anderer Art, so komisch wie kunstvoll. Mit Brechts scharfzüngiger Oben-Unten-Parabel hat der Abend nicht mehr viel zu tun. Fast jede Szene wird unter Slapstick-Starkstrom gesetzt. Die Figuren taumeln und tollen, grimassieren und glotzen, kippen und kaspern, was das Zeug hält. Mit Ausnahme von Matti erscheinen die Akteure durchweg berauscht, vollführen puppenhafte Auftritte um Puntila, der nur im Suff erträglich ist.

Saufgelage in der Waldbar (Klaus Brömmelmeier als Richter und Robert Hunger-Bühler als Puntila).

Bis zur Pause ist Baumgartens Puntila, ausgestattet mit einem unappetitlichen Schaumstoff-Fettpolster, ein deftiger, entfesselter Kraftprotz, der poltert, tänzelt und torkelt, auf den Boden platscht und wie elektrisiert wieder aufspringt, sich ständig besäuft und etlichen Weibern die Verlobung verspricht. Ein Puntila als temperamentbolzende Saufnatur mit Komik-Kurzweil. Nach der Pause wird ein Puntila ohne Fettpolster und Evidenz zelebriert, der sich um Kopf und Kragen kalauert. Das effektvolle und intelligent-verschmitzte Brechtstück verkommt mehr und mehr zum Klamaukstück ohne schlüssige Interpretation.

Ein überdrehtes Saufgelage zum Auftakt

Dabei beginnt alles so vielversprechend. Gespielt wird auf einer düsteren Bühne mit Bäumen und vereinzelten Wohn- und Badehütten (Bühnenbild: Thilo Reuther). Auf einen Eisernen Vorhang werden Autofahrten im Wald mit Puntila im Fond und Matti am Steuer projiziert. Ziel ist zu Beginn «Die Bar», eine heruntergekommene Spelunke mit Sauna im Wald. Wirt und Gast Puntila sind hagelvoll, faseln von Aquafit, vom willigen Geist und vom schwachen Fleisch. Davor sitzt Matti in einem Holzgerüst von Auto mit quadratischen Rädern. Grell und völlig überdreht powern die Schauspieler ein Saufgelage, das durchaus lustig anzusehen ist. Durch Komik und Übertreibung wahr werden, könnte Baumgartens Motto hier lauten.

Doch die anfängliche Energie verpufft mehr und mehr im Selbstzweck der Aktionen, erschöpft sich in sich selbst. Nach dem fulminanten Start kreist die Aufführung nur noch um Bekanntes. Verlegenheitslösungen treten an die Stelle von wirklichen Einfällen. So werden die Mattis verdoppelt und vom Ensemble auch mal im Chor gesprochen. Was bleibt, ist ein über zweistündiger Parforceritt durch den gekürzten Text ohne jegliche Haftung. Dafür gabs am Premierenabend zurückhaltenden Applaus.

Marionettenhafter Attaché (Jirka Zett) wirbt um Evas Hand (Carolin Conrad). (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Zu loben ist die Ensembleleistung, die von einer beachtlichen Könnerschaft zeugt. Allen voran Carolin Conrad als Eva im gelben Ballenkostüm, ein freches und vorwitziges Töchterlein mit schnöd ausgestelltem Selbstbewusstsein, das es in sich hat. Bei allem Kokettieren kann sie das Fiebern nach aufregendem Leben nur schlecht kaschieren. Robert Hunger-Bühler gibt den fett gepolsterten Puntila mit Gepose und Getöne im Schnelldurchgang, der sich ständig den Bauch zurechtrücken muss, stakst zusammen mit Matti (unbeirrt kühl-reserviert gespielt von Johann Jürgens) unentwegt durch die Szenerie und palavert auch als Besoffener klar und deutlich, als vertrage er jede Menge Alkohol. Die übrigen Darsteller (Jirka Zett als Attaché, Klaus Brömmelmeier als Richter, Susanne -Marie Wrage als Schmuggleremma, Miriam Maertens als Apothekerfräulein, Dagna Litzenberger-Vinet als Telefonistin und Gottfried Breitfuss als Laina) meistern ihre Rollen bunt, schräg, verspielt.

Weitere Spieldaten: 8., 12., 17., 20., 24., 28. Mai; 5., 9., 11., 15., 18., 20., 27., 30. Juni

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