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03.05.2017 - Fritz Vollenweider

Shitstorm zu Bölls Zeiten

Wie verdrehte Wahrheiten zur Katastrophe führen, lässt sich in Berns Theater an der Effingerstrasse anschaulich erleben.

Heinrich Bölls Roman «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» erschien 1974 und nahm auf behördliche und mediale Vorkommnisse rund um den RAF-Terrorismus Bezug, ohne einen direkten Zusammenhang damit herzustellen. Böll war ein Kämpfer für Gerechtigkeit und gegen jede Art von Anmassung und Willkür, vor allem von Seiten öffentlicher Institutionen. Seine literarisch formulierten Stellungnahmen in seinen Werken fanden grossen Respekt der damaligen Generation von jungen Erwachsenen.

Das Medium heutiger Jugendlicher und junger Erwachsener sind die Sozialen Medien (Fachausdruck: das englische «social medias»), hauptsächlich Twitter oder Facebook. Den früher bewusst und gewollt härter an den Menschen als an die Fakten herangehenden investigativen Journalisten mag es heute wohl weniger kompromisslos geben. Seine Rolle haben jedoch die anonymen Gefässe im Internet übernommen. Wir kennen die Begriffe «Fake News» und «Shitstorm» wahrscheinlich nicht nur vom Hörensagen oder darüber Lesen. Vielleicht verfolgen und vermehren wir sie sogar mit unseren «Likes» und unserem «Teilen». Aus Soziologenkreisen werden Untersuchungen und Deutungen mit einer Fülle verschiedenster Aspekte des Problems publiziert. Manche sprechen von einer veritablen Revolution, Teil der umfassenden IT-Revolution und vergleichbar mit den industriellen Erneuerungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Dieses «Fertigmachen» in den Medien spielt bei der heutigen Umsetzung des Stoffs von Heinrich Böll eine bedeutende Rolle. In einer Zeit von Menschen, die von solchen Shitstorm-Aktionen gesellschaftlich fertiggemacht,ja sogar in den Selbstmord getrieben wurden, wirken die Geschichten um Katharina Blum wie eine allegorische Verallgemeinerung und Verfremdung des an sich gewissenlosen und furchtbaren Geschehens, von welchem man immer wieder Neues erfährt.

Geht man von diesen Überlegungen aus, so hätte Alexander Kratzer mit seiner neuen Bühnenfassung des bereits öfter verfilmten und im Theater gespielten Stücks die Situation nicht besser schildern können. Seine Inszenierung kommt nahe an ein Lehrstück heran, an eine symbolisch in Bild und Handlung gesetzte Dokumentation von Vorgängen um die Demontage eines Menschen, der zum Sündenbock für ein Geschehen gemacht wird, mit dem er recht wenig zu schaffen hat. Mit skandierten Rhythmen beginnt die Bühnenhandlung, mit hohem, atembeklemmender Tempo jagen sich die ersten gewaltsamen Vorgänge. Mit der weiteren Entwicklung des ganzen dramatischen Geschehen weicht diese rhythmische Hast einer etwas gemässigteren Gangart. Das ist der Botschaft, dem Gehalt des Stücks voll angemessen. Man glaubt nämlich zu spüren, wie krampfhaft die handelnden Personen, vor allem die Unterdrücker und Verleumder, nach Gründen und nach Rechtfertigung für ihr Verhalten suchen, ohne das überhaupt auszusprechen. Geschickt ist in jeder Szene im dunklen, etwas erhöhten Hintergrund des Spielraums eine Person hingesetzt, nicht unübersehbar, doch dauernd präsent. Sie scheint die horchende, neugierige Öffentlichkeit genauso wie den tatsächlich das Telefongespräch abhörenden Beamten zu verkörpern. Eine Art Sinnbild für die Dauerpräsenz des Übelwollens, so könnte man es interpretieren.

Im Bühnenbild von Peter Aeschbacher – kellerartig, kerkernahe, differenziert situationsbezogen ausgeleuchtet (Stefan Meier) – und in den Kostümen von Sybille Welti sprechen, handeln, verwandeln sich eine Darstellerin und drei Darsteller in mehrere an den Ereignissen beteiligte Personen. Die zweite Darstellerin, Nolundi Tschudi, verkörpert die bedrängte Katharina Blum. In ihrer ersten Rolle in Bern zeigt sie ein vielschichtig differenziertes Bild der Hauptfigur. Ihre zunehmende Fassungslosigkeit geht spürbar unter die Haut. Keine unter der Gewalt der öffentlichen Meinung zerdrückte, heftig aufschreiende Frau steht da, sondern eine, die beinahe nicht zu begreifen scheint, was ihr geschieht. So wächst auch in der ganzen mehr analytischen als anklagenden Atmosphäre der Inszenierung von Augenblick zu Augenblick ihre Entschlossenheit, alle diese Anschuldigungen und Verleumdungen nicht mehr anzunehmen, die ihre Ehre und ihr Selbstwertgefühl schmälern und letztlich zu vernichten drohen. 

Von links: Markus Tavakoli, Nolundi Tschudi, Ragna Guderian, Gilles Tschudi, Benjamin Morik

Die Bühnenfassung von Alexander Kratzer scheint vor allem aus einer starken Verkleinerung des Ensembles zu bestehen. Man mag das als Sparmassnahme betrachten; es ist jedoch viel mehr als das. Zwar ist es beim Verfolgen des Handlungsverlaufs nicht immer ganz einfach, in den Gesichtern und im Outfit derselben Schauspielerperson zu erkennen, welche der handelnden Personen gerade auftritt. Bedeutender aber ist die formale Konsequenz dieser Massnahme. Es tritt viel deutlicher der beispielhafte Charakter des Stücks hervor. Die Inszenierung wird dadurch zum Kammerspiel und gewinnt viel grössere Intensität, als wenn die insgesamt 13 Personen des Dramas auftreten müssten.

Nolundi Tschudi

Statt eines grossen, bewegten Spektakels erlebt man ein auf das Leiden der Hauptperson konzentriertes Drama, welches die Verursacher dieses Leidens, doch auch die tröstend und mildernd der Katharina zur Seite stehenden Personen gleichsam zu Instrumenten eines unpersönlichen Umfelds der Tragödie werden lassen. Ragna Guderian (vor allem als Katharinas Freundin), Benjamin Morik (am stärksten als Staatsanwalt), Markus Tavakoli (von ihm stammt auch das musikalische Konzept) und Gilles Tschudi (hervorragend differenziert als einvernehmender Kommissar) – sie alle leisten in diesem Sinne Hervorragendes, stets präsent und wirkungsvoll charakterisierend.

Alle Bilder: Severin Nowacki.

Aufführungen bis 26. Mai

DAS THEATER an der Effingerstrasse

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