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12.03.2017 - Linus Baur

Tödliche Verbohrtheit

Stringent und gnadenlos inszeniert: Am Schauspielhaus Zürich zeigt Alize Zandwijk das Familiendrama «Die Wildente» von Henrik Ibsen.

Worauf baut das Glück eines Menschen, wie viel Wahrheit verträgt es, und was bleibt vom Leben ohne die Lügen, die es erträglich machen? Diese existentiellen Fragen stellt Ibsen in seinem 1884 uraufgeführten Bühnenstück «Die Wildente». «Wenn Sie einem Menschen die Lebenslüge nehmen, so bringen sie ihn gleichzeitig um sein Glück», lässt Ibsen im Stück den Arzt Relling sagen.

Gregers Werle will nicht weniger, als seinen ehemaligen Jugendfreund Hjalmar samt Familie retten. Nach Jahren der Abwesenheit in seinen Heimatort zurückgekehrt, findet er Hjalmar verheiratet vor, und zwar mit dem ehemaligen Dienstmädchen Gina seines Vaters, mit dem dieser eine Liaison hatte. Zudem muss er feststellen, dass Hjalmars Vater Ekdal alle gesellschaftliche Anerkennung verloren hat und dass die Tochter Hedvig von Hjalmar seines Vaters Kind sei. An Hjalmars Tagtraum von einer Erfindung, die Geld einbringt und die Ehre der Familie wiederherstellt, glaubt Gregers nicht – er will Hjalmar wachrütteln. Doch als er Hjalmar die Augen öffnet, richtet dieser nur Unheil an. Gregers zerstört mit seinem Wahrheitsfanatismus nicht nur Hjalmars Leben, sondern die ganze Familie.

Eine tödliche Schicksalskonstruktion

Die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk inszeniert den viel gespielten Klassiker in einem düsteren Dachraum, drapiert mit Jagdtrophäen und wenigen Möbelstücken (Bühnenbild: Thomas Rupert). Hier fristet die Familie Ekdal ein karges, aber scheinbar glückliches Dasein, hält Hühner, züchtet Tauben, pflegt der alte Ekdal seine waidmännische Vergangenheit, geht auf dem Dachboden statt auf Bärenjagd auf Kaninchenjagd, vergöttert die beinahe erblindete Tochter Hedvig ihren Vater über alles. In dieser tragischen Schicksalskonstruktion ist die Vergangenheit, wenn sie zurückkehrt, tödlich. Opfer dieser beschworenen Vergangenheit ist die Tochter Hedvig, die sich am Schluss erschiesst, um die Liebe ihres Vaters zurückzugewinnen.

Tödliche Lebenslüge (v.l.): Christian Baumbach, Siggi Schwientek, Milian Zerzawy, Isabelle Menke, Marie Rosa Tietjen.

Alize Zandwijk zeigt eine beeindruckende, stringend und gnadenlos inszenierte Familientragödie mit komödiantischen Zügen, als traue sie der Verbohrtheit der Ibsen-Figuren nicht ganz. Vorab die Männer demonstrieren streckenweise ein narrenhaftes Spiel, um die tragische Dimension des realistischen Geschehens zu mindern. Als Kontrast dazu die beiden Frauen Gina und Hedvig, die die moralische Dominanz der Männer auf nüchterne und verzauberte Art durchbrechen. «Das ist alles so komisch hier», lässt die Regisseurin Gina zur Pause sagen.

Eine grossartige Hedvig

Milian Zerzawy gibt den Gregers als von seiner Mission überzeugten, selbstgerechten Idealisten, der über keinerlei Gespür für die psychische Befindlichkeit seiner Mitmenschen verfügt und überdies mit dem eigenen, seine Frau nach Strich und Faden betrügenden Vater (Hans Kremer) auch noch eine Rechnung offen hat. Christian Baumbach zeigt das wankelmütige Porträt eines von der Wahrheit überforderten Durchschnittsmenschen, für den die Lebenslüge zum stimulierenden Prinzip wird. Siggi Schwientek charakterisiert den alten Ekdal etwas gar tatterig und schalkhaft, zelebriert den Verlust aller Gewissheiten mit ironischen Seitenhieben.

Prolog im Nebel (v.l.): Milian Zerzawy, Ludwig Boettger, Christian Baumbach, Hans Kremer, Anne Eigner. Fotos: Matthias Horn.

Isabelle Menke gibt Gina als verhärmt wirkende Lebenspragmatikerin, die ihren Mann auffällig und übertrieben umsorgt, gleichzeitig die Anwürfe ihres Gatten bestimmt und witzig pariert. Marie Rosa Tietjen als Hedvig ist die tragende Figur des Abends. Grossartig wie sie, als traumwandlerisches Wesen den Wänden entlang schleichend, den Holzkäfig mit der Wildente in den Händen haltend, die verzauberte Welt der Tochter verkörpert. Förmlich spürbar ist das innere Drängen und Sehnen nach Lebensglück, das im Freitod endet. Besondere Erwähnung verdient die Musikerin Maartje Teussink, die die tragische Brüchigkeit des Stücks mit passender Livemusik (vokal und instrumental) begleitet.

Weitere Spieldaten: 13., 17., 19., 23., 27., März; 8., 11., 19., 21., 25., 27. April; 30. Mai

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