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13.03.2017 - Fritz Vollenweider

Terry Fox

Auf der Suche nach dem eigenen Verhältnis zu Leben und Tod

Terry Fox, geboren 1943 in Seattle, gestorben 2008 in Köln, erfährt im Berner Kunstmuseum mit der Ausstellung „Elemental Gestures“ eine auf mancherlei Weise erregende und fesselnde Würdigung. Der Künstler stand mit Bill Viola, Joseph Beuys und anderen in regem Austausch. Adolf Wölfli, Robert Walser und weitere Persönlichkeiten, jedoch auch Material, Gegenstände, Klänge und lebendige wie tote Tierkörper beeinflussten sein Schaffen nachhaltig. Auch vor seinem eigenen Körper machte er mit seinen Experimenten nicht Halt. Und dabei muss man sich vergegenwärtigen, von welchem etymologischen Ursprung sich der Ausdruck ‚Experiment’ herleitet. Neben dem lateinischen Begriff peritia (Erfahrung) steckt auch noch periculum (Gefahr) – neben manchen sinn- und klangverwandten lateinischen Begriffen – im Ex-periment. Somit könnte ‚experimentieren’ auch ‚sich aus der Gefahr bringen’ bedeuten.

Aus welcher Gefahr sollte sich Terry Fox denn zu bringen suchen? Man weiss um seinen unheilbaren Lymphdrüsen-Krebs, gegen den er lange Jahre bis zu seinem Tod im 65. Altersjahr zu kämpfen hatte. Will er mit seinen Gesten, Symbolhandlungen, Selbsterfahrungen seine mögliche innere Zerrissenheit überbrücken, die er vorwiegend zu verschweigen scheint? Will er so die ungeheure Spannung zwischen seinem Lebensmut, seiner Lebensneugier und seiner Krankheit überwinden? Ist seine Kunst in ihren vielfältigen Ausprägungen der Beweggrund seines Handelns? Ist sie vielleicht gar die gesteigerte aktive Umkehrung seines passiven Leidens?

Spekulationen mögen das sein. Was da allerdings für ein unbändiger Lebenswille am Werk ist, verbunden mit Fantasie, Neugier, Vorstellungs- und Gestaltungskraft, beeindruckt stark. Auch den ausgefallensten Ideen und Möglichkeiten gegenüber beweist Terry Fox eine unvoreingenommene, aber auch autonome Haltung, eine experimentierfreudige, ja experimentierbesessene Einstellung, könnte man sagen.

Beim Betrachten der Bilder, Videosequenzen von Performances und von ausgestellten Gegenständen, die zu einer ursprünglichen Installation gehörten, wird bewusst, dass weite Teile der Ausstellung im Grunde genommen nichts weiter als eine Dokumentation der seinerzeit lebendigen Installationen und Performances darstellen. Da Kunst gemäss einer der vielen Definitionen auch mit dem Begegnen von Beschauer und Objekt entsteht, sieht man sich in der etwas verwirrlichen Lage, dass über der Basis der „Originalkunst“ von Terry Fox hier beim Anschauen von Dokumentationen eine weitere „Situation“ oder „Performance“ entsteht, nämlich eine Art „Kunst über Kunst“. Bei zahlreichen Installationen des Künstlers blieb das Publikum ausgeschlossen, mindestens zum Teil. Wo es ausgeschlossen ist, kann das ein Hinweis dafür sein, dass Terry Fox primär experimentieren will und Kunst gewissermassen „nebenbei“ entsteht.

Nochmals: Das mögen zum Teil Spekulationen sein. Immerhin stellen sie sich auf dem Wege dazu ein, das nicht einfache Werk des höchst vielseitigen Künstlers und Menschen zu verstehen. Und die intensive gedankliche Auseinandersetzung lohnt sich.

Terry Fox ist in Bern kein Unbekannter. 1980 widmet er Adolf Wölfli mit ‚A Candle for A.W.’ eine Performance im Kunstmuseum Bern. 1988 nahm er an einer weiteren Ausstellung in diesem Museum teil. In dieser Zeit erwarb das Kunstmuseum Bern wesentliche Werke des Künstlers. Sie sind in diese Ausstellung integriert. Entstanden ist diese Dokumentation des Schaffens von Terry Fox in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste in Berlin, dem Musée des Beaux-Arts in Mons (Hauptstadt der belgischen Provinz Hennegau) und dem Von der Heydt – Museum in Wuppertal. (Kuratoren: Seraina Renz mit Valerian Maly.)

 Terry Fox, Locus Harmonium, 1990. Performance am 11.08.1990 im Rahmen der Furk’art.
© Estate of Terry Fox, Köln. Foto: Urs Fischer.

Für das Plakat der Ausstellung wird ein Bild der Performance im Rahmen der Furk’art 1990 verwendet: In der imposanten Bergwelt sitzt wohl der Künstler, und im Felsen im Vordergrund über ihm thront ein toter Fisch. Terry Fox hat ihn hinaufgetragen, um ihn in den Ausfluss des Sidelengletschers zu bringen, sozusagen zurück zu den Wurzeln.

Sterbende und tote Fische (und andere Tiere) spielen auch sonst eine bedeutende Rolle im Werk des Künstlers. Man erinnert sich dabei an die Bedeutung des Fisches (des lebenden wie des toten Fisches) als Kultur-Metapher – vom Märchen bis zum Film „La Dolce Vita“ (1960) von Federico Fellini. Gebannt schaut man die Video-Sequenzen und die Bilder an – alles Dokumente von Installationen oder „Situationen“, wie sie Terry Fox auch zu nennen pflegte.

Elemental Gestures, Katalog, herausgegeben von Arnold Dreyblatt und Angela Lammert. Verlag Kettler Dortmund, 2015

Der zur Ausstellung erschienene Katalog ist eine Fundgrube von Basisdokumenten, essayistischen sowie spontanen Kommentaren und Interpretationen zu den Werken des Künstlers. Die Texte namhafter Sachverständiger und nahestehender Künstlerfreunde nähert sich zudem so respektvoll wie aufschlussreich dem Menschen Terry Fox. Das ausführliche Werk mit zahlreichen Bildern und Illustrationen zeigt auf, welche leidenschaftliche inneren Unruhe diese Künstler-Persönlichkeit antrieb, zu so reichhaltigem, vielseitigem Bemühen um das Verstehen und Gestalten seiner Umwelt, doch auch seines Verhältnisses zur Wirklichkeit und zu seinem eigenen Leben und Tod.

Die Ausstellung ist in sechs thematische Räume gegliedert:

1. Der Gang auf den Furkapass (bereits beschrieben).

2. Körper und Zeit. Sie zeigt Terry Fox unter anderem auch als Wegbereiter der Konzeptkunst und der amerikanischen Body Art, mit dem eigenen Körper als Medium und Material. Er lotet psychische und physische Grenzbereiche aus. Seine Performances sind keinesfalls dem Thema Krankheit und Tod gewidmet, vielmehr der Beziehung zwischen Leben und Tod. Wir finden dabei wiederum Fische, deren Sterben erfahren werden soll. Auch die Funktion der Zeit spielt eine Rolle: Wie lange, bis die Fische tot sind? Wie lange, bis die Taschenlampe mit Leuchten aufhört? Weitere Materialien, die hier eine Rolle spielen, sind Rauch, Feuer, Wasser, Mehl, Teig.

Terry Fox, A Metaphor (1976) Holzhocker, Magazin, Faden, Papier, Tinte. © Estate of Terry Fox, Köln. Foto: Kunstmuseum Bern.

3. Das Labyrinth. Das Fussboden-Mosaik in der Kathedrale von Chartres erfährt der Künstler nicht als Irrgarten, sondern als optimistische Botschaft, sich auf dem Weg nicht zu verlieren. In intensiven, im Katalog dokumentierten grafisch fest gehaltenen Studien finde er 552 Schritte, 11 Kreise, 34 Kehren. Er findet heraus, dass 37 m. unter diesem Fussboden ein unterirdisches Wasser fliesst, und dass die Distanz vom Labyrinthboden bis zur Spitze des Baus gleich viel misst. Er erfasst das Ganze als Symbol der Selbstfindung des Menschen.

In der Skulptur ‚A Metaphor’ (1976) fasst er seine Erkenntnisse zusammen: Zwei mit den Beinen aufeinander gestellte Sessel symbolisieren das Verhältnis der Distanzen; am Grunde fliesst das Wasser, die Sitzfläche des oberen Hockers bildet den Giebel der Kathedrale. In der Mitte liegt das Labyrinth. 

In einer Klangraum-Installation schnurren 11 Katzen. Jede von ihnen stellt einen der 11 konzentrischen Kreise des Labyrinths in der Kathedrale dar. Weiter geht es bis ins Detail mit der in Katzenschnurren umgesetzten Symbolik der Verhältnisse in der Kathedrale von Chartres.

4. Sprache und Zeichen, wird ab den 80 er Jahren immer bedeutender. Auch hier sind in Installationen und Skulpturen Buchstaben und Wörter auf rätselhafte Weise angebracht; das Entziffern und Deuten verlangt viel Geduld.

5. Klang der Erde. Auf dem Weg zur Antwort auf des Künstlers ständige Frage:’ Was ist die vollendete Skulptur?’ verwendet Terry Fox auch zum Teil riesige Räume, die er mit Klavierseiten ausspannt, um auch den Klang in die Skulptur einzufangen.

6. Kosmos Terry Fox: Beuys, Walser, Wölfli. Hier finden sich Zeugnisse der Wertschätzung, der Bedeutung der drei exemplarischen Künstlerpersönlichkeiten (mindestens im Falle Walsers und Wölflis auch keine einfachen).

Die Ausstellung dauert noch bis 5. Juni 2017.

Zur Ausstellung

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