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07.05.2017 - Anton Schaller

Toni Morrison und Ljudmilla Ulitzkaja

Zwei Frauen, die mit ihren Büchern faszinieren und vor allem: nachdenklich stimmen.

Die eine ist US-Amerikanerin, die andere Russin. Die eine ist 86 Jahre alt, die andere 74. Die eine ist Nobelpreis-Trägerin für Literatur, die andere die wohl „einflussreichste Schriftstellerin in ihrem Lande“. Beide haben mich in der letzten Woche in ihren Bann gezogen. Die Rede ist von Toni Morrision, die eigentlich Cloe Wofford heisst. Ihr neuster, elfter Roman erscheint in diesen Tagen auf Deutsch unter dem Titel: „Gott, hilf dem Kind“. In einem Spiegel-Gespräch offenbart sie ihr politische Haltung, zeigt, dass sie mit einzelnen Worten beschreiben kann, was sie bewegt, wie sie Donald Trump, den neuen Präsidenten ihrer Vereinigten Staaten, zu charakterisieren vermag.

Die andere ist Ljudmilla Ulitzkaja, die 1943 in Moskau geboren wurde und immer noch dort lebt. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. In ihrem neuesten Buch „Die Kehrseite des Himmels“ schreibt sie in grosser Offenheit über sich selbst. Sie lässt uns teilhaben an ihrer Kindheit, an ihrer Familie, aber auch an ihren schweren Stunden. Hoch über Genua, mit Blick auf das Meer, von wo sie bei guter Witterung bis nach Korsika Ausschau halten konnte, erholte sie sich von ihren Krebsoperationen, denen sie sich in Israel unterzogen hatte.

In Israel erlebt sie den Überlebenskampf zweier Völker, die nicht zueinander finden: die Israelis und die Palästinenser. Wie ein roter Faden zieht sich ihre Abscheu gegen vergangene Kriege durch ihre dargelegten Analysen. Sie warnt eindringlich vor kommenden Auseinandersetzungen, gar Kriegen, die für sie bereits begonnen haben. Ausgelöst nicht zuletzt durch ihr Heimatland. Für sie ist die gegenwärtige Politik Russlands, Putins Politik, „selbstmörderisch und gefährlich und in erster Linie eine Bedrohung für Russland selbst“.

Heute würden wir nicht mehr vor der Wahl zwischen Krieg und Frieden stehen, sondern zwischen Frieden und vollständiger Auslöschung der Menschheit. Die heutige Welt sei nicht mehr in Weisse und Schwarze, in Juden und Araber, in Muslime und Christen, in Arme und Reiche, in Gebildete und Ungebildete gespalten, sondern in diejenigen, die das begreifen, und diejenigen, die das nicht begreifen wollen.

Dennoch: den Graben zwischen Schwarz und Weiss gibt es in den USA immer noch; er ist gar wieder breiter geworden. Das kränkt Toni Morrision, die sich gefreut hatte, als Barack Obama zum neuen Präsidenten gewählt worden war. Sie erinnert sich im Spiegel-Gespräch, wie sie an die Inauguration Obamas eingeladen war. Über eine Stunde hätte es gedauert, bis sie eingecheckt war. Und zum ersten Mal in ihrem Leben habe sie sich an der Flagge der USA und auch an der Hymne erfreut. Die Flagge sei ihr vorher mit ihren Sternen und Streifen immer zu aufdringlich gewesen. Doch als Obama erschien und die Hymne ertönte, fand sie die Flagge „schön und die Hymne tönte gut und stark“. Sie war verwundert. Und sie wundert sich auch heute noch darüber. Über den heutigen Präsidenten mag sie nicht so recht reden. Sie findet ihn „gefährlich und empörend dumm". Sie fasst in zwei Worten zusammen, die in ihrer Aussagekraft kaum zu übertreffen sind. Trump hat eine „absichtsvolle Ahnungslosigkeit“. Er mache ihr wirklich Angst.

Und es ist Trump, der mit dem Säbel rasselt, der gegen Nordkorea vorgehen will, Kriegsschiffe dorthin entsendet. Und in seinem Büro süffisant lächelt, wenn er auf den roten Knopf hinweist und ihn drückt, mit dem er zwar nicht den Erstschlag mit Atomwaffen auslöst, sondern für den Gast ein Coca-Cola bei der Dienerschaft bestellt und der erbleichte Gast dabei wieder an Farbe gewinnt.

Toni Morrisions neustes Buch spielt in der Gegenwart. Eine junge, schwarze Frau beschäftigt sich nur mit sich selbst, frönt einem Schönheitsideal, findet einen Mann, der es ihr gleichtut. Doch dann geraten sie an eine alte Frau. Zum ersten Mal kümmern sie sich um jemanden anders. Zum ersten Mal verbringen sie Tage, ohne dass sie sich gross interessieren, ob sie gut aussehen oder ob ihnen jemand Unrecht getan hat. Morrision hält Selbstbezogenheit für das Thema unserer Zeit. Doch das Buch schliesst versöhnlich. Die junge Frau erzählt ihrem Liebhaber: „Du hast gehört: Ich bin schwanger, und es ist Deines." Er antwortet: „Es ist unseres“ und nimmt ihre Hand.

Ljudmilla Ulitzkajas neustes Buch endet damit: „Ich möchte, dass meine Freunde von mir Abschied nehmen werden, wie es bei Christen üblich ist.... Ich weiss, dass das Christentum wunderbar sein kann. Aber auch das absolute Gegenteil.“

Denken wir darüber nach.

Toni Morrison, Gott, hilf dem Kind, Orell Füssli, ISBN 978-3-498-04531-9

Ljudmilla Ulitzkaja, Die Kehrseite des Himmels, dtv, ISBN 978-3-423-22-14514-5

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