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19.05.2017 - Joseph Auchter

Totenrituale im Wandel der Zeit

Rituale jeder Art waren seit jeher ein ethnisches und kulturelles Kaleidoskop, vielgestaltig, sinngebend und widersprüchlich zugleich.

Sich in dezenter, vorab schwarzer Kleidung an Beerdigungen zu begeben, war in unseren Breitengraden während Jahrzehnten ein Muss, also eine „conditio sine qua non“. Ein farbenfrohes Outfit wäre als pietätlos qualifiziert und mit scheelen Blicken diskreditiert worden. 

Dann war es Louis Armstrong, der 1950 in New Orleans den „funeral march“ auf Platte aufnahm, eingangs eine Trauermusik mit wehklagender Jazzkapelle intonierend, die dann mit der Ansage „Oh, didn’t he ramble!“ in einen swingenden und Lebensfreude versprühenden Dixieland kippte. Damit gewann der Tod und das trauernde Abschied nehmen in meiner Kindheit eine neue Dimension, die mich hellhörig machte und in fremde Kulturen eintauchen liess. Die Beschäftigung mit Ausprägungen des afrikanischen Totenkultes weitete mein Blickfeld auf spannende Weise.

Doch Zeremonien mit Klageweibern gab es  bereits im Alten Ägypten, aber auch die Griechen und Römer berichten von Trauerbräuchen, die von lauten Klagen, aber auch von Gesang und Tanz begleitet waren und oft eigentlichen Festumzügen gleichkamen. Die gewerbsmässig engagierten Klagefrauen bezeugten durch ihre Anzahl auch den sozialen Status der Hinterbliebenen. Sie traten offenbar schon damals in schlichten weissen Kleidern ganz ohne Schmuck auf, traktierten ihre Oberkörper mit Fäusten, rauften sich die Haare und bewarfen sich mit Asche, derweil sie Gebete rezitierten und Klagelieder anstimmten. 

Unser mittelalterliches Städtchen Romont kennt diesen Brauchtum mit den „Pleureuses“ seit dem 15. Jahrhundert. In der Karfreitagsprozession wird die Passion jährlich auf die Strasse getragen und mit Bussübungen verknüpft. Das von den Mönchen im Mittelalter eingemeisselte „momento mori“ - Mensch, sei eingedenk deiner Vergänglichkeit, ist uns Kindern damals schon im Religionsunterricht mahnend eingetrichtert worden.

Den manchenorts hochgehaltenen Traditionen steht seit den sechziger Jahren ein kultureller Wandel entgegen, der in jüngster Zeit auch ausgefallene Blüten treibt. Die als Alternative verstandene Hippie-Kultur lockte die Flower-power-Bewegung bis in die Friedhöfe und gab sich farbig gewandet und zeremoniell aufgepeppt. Immer häufiger wurden Trauergäste eingeladen, vom Verstorbenen in seinem Sinne in heller Kleidung Abschied zu nehmen. Dass Särge noch aufgebahrt oder durch die Dorfstrassen getragen werden, geschieht immer seltener. Die Erdbestattung ist grossteils der Feuerbestattung gewichen, und Waldfriedhöfe bieten als letzten Wunsch Baumgräber an oder die Asche wird in alle Winde verstreut oder einer Strömung beigegeben. 

Was seither aus den USA und England aufs europäische Festland überschwappt, erweckt nun allerdings kuriose Gefühle. Wie der Tagesanzeiger zu berichten weiss, begleiten dort „Star Wars"- oder Comic-Figuren die Leichenzüge. Wer allenfalls ein Harry Potter-Fan war, wird also möglicherweise dem ganzen Science-Fiction-Kabinett bis zur letzten Ruhestätte begegnen. Als eine ehemalige Gamerin zu Grabe getragen wurde, lag sie als Prinzessin Zelda, eine Videospielfigur, im Sarg. Und dem Leoparden-Design eines anderen Sarges sollten alle mit Leoparden-Krawatten Gefolgschaft leisten. 

Der Wertwandel zeigt sich auch in kirchlichen Zeremonien. Wenn der Organist während Jahrzehnten darum gebeten wurde, ein trostspendendes Bach-Präludium zu intonieren oder das berühmte „Ave Maria“ von der Empore erklingen zu lassen, wird heutzutage immer öfter der Lieblingssound des Verstorbenen über Lautsprecher eingespielt. Die Totenrituale sind heute so vielfältig, aber auch so widersprüchlich geworden wie unsere globalisierte Welt. Was bleibt, ist das Ritual an sich, also ein Symbolgehalt mit wechselnden Verhaltensmustern, das aber immer dem gleichen Bedürfnis entspricht: dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.   

  

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