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19.05.2017 - Maja Petzold

Von Schuhen und Prachtgewändern

"Spurensuche. Erhalten und Erforschen von Textilien". Unter diesem Titel zeigt die Abegg-Stiftung in dieser Saison, wie wertvolle Stoffe restauriert und gepflegt werden.

Geflochtene Schuhe sind in der warmen Jahreszeit seit jeher beliebt. Wer die Sonderausstellung der Abegg-Stiftung in Riggisberg betritt, dem fällt ein Schaukasten auf, in dem ein paar Schuhe, unseren Ballerinas ganz ähnlich, zu sehen sind. Sie mehr als 1'500 Jahre alt, stammen aus Zentralasien und sind aus Ramie, einer Bastfaser, geflochten und werden von farbigen Seidenfäden zusammengehalten, die zugleich der Verzierung dienen. Als die Stiftung diese Schuhe erwarb, waren sie nicht in dem gleichen Zustand wie nun in der Ausstellung – sie wurden restauriert.

Die Restauration und Konservierung alter Textilien ist nebst der Sammlung und Ausstellung eine der wichtigsten Aufgaben der Stiftung. Studierende der Berner Fachhochschule sind an den ausgestellten Arbeiten beteiligt, einige haben über eines der ausgestellten Objekte ihre Masterarbeit geschrieben. In spannenden Videos erhalten die Besucherinnen und Besucher aufschlussreiche Einblicke, wie solche seltenen Textilien vor weiterem Zerfall bewahrt werden. Wir können dabei den Restaurateurinnen und Restaurateuren buchstäblich über die Schulter schauen.

Abegg 2017 SchuhGeflochtener Schuh. Östliches Zentralasien (Xinjiang), 5.–6. Jahrhundert. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5649a © Abegg-Stiftung (Foto: Christoph von Viràg)

Bei diesen Schuhen – wie bei allen Geweben – wird zuerst untersucht, welches Material verwendet und mit welcher Technik gearbeitet wurde. Die hübschen Schuhe wurden in einem Stück geflochten, ohne dass die Sohle separat gefertigt und angenäht worden wäre. Die Studierenden mussten ebenfalls herausfinden, wie das feine Muster gewebt worden war, ehe sie die eigentliche Restaurierung beginnen konnten. Damit der Schuh seine Form behält, erhält er innen eine passende, diskrete Stütze. – Im Schaukasten ist auch ein unrestaurierter Schuh zu sehen, der Vergleich lässt erkennen, dass nicht nur die Herstellung, sondern auch die Restauration Kunstfertigkeit erforderte.

Was für die Stoffschuhe gilt, trifft auf alle Materialien zu: Jede Konservierung und Restaurierung eines historischen Textils beginnt in der Regel mit einer Voruntersuchung, danach folgen geeignete Massnahmen zur Reinigung und Sicherung. Schliesslich muss bedacht werden, wie der Stoff geeignet gelagert oder ausgestellt wird. Die meisten Restaurationsarbeiten sind sehr zeitaufwendig.

Abegg 2017 Reparatur IBehutsam wird das beschädigte Gewebe mit einer Chirurgennadel und feinstem Seidenfaden gesichert. © Abegg-Stiftung (Foto: Christoph von Viràg)

Die Textilien werden nur so weit bearbeitet, dass sie für die Zukunft gesichert sind und kein Risiko besteht, dass sie in nächster Zeit zerfallen. Oft können Risse und Löcher "unsichtbar" gemacht werden, indem ein passender Stoff unterlegt wird, der sehr sorgfältig und fadengerade ausgerichtet ist. Darauf wird das beschädigte Gewebe mit feinsten Seidenfäden aufgenäht.

Abegg 2017 Reparatur IIMit einer winzig kleinen Staubsaugerdüse wird die Stickerei von Schmutz (Staub, Verkrustungen, Insektenrückstände, Schimmel) befreit. © Abegg-Stiftung (Foto: Christoph von Viràg)

Eine heikle Aufgabe ist die Entfernung der jahrhundertealten feinen Ablagerungen. Dafür benutzen die Restaurierenden einen winzigen Staubsauger, dessen Saugrohr nicht grösser ist als ein feiner Kugelschreiber ohne Mine. Auch die anderen Werkzeuge finden wir nicht in unseren Nähkästchen: einen Haken, wie ihn der Zahnarzt benutzt, ganz feine Scheren und ähnliche Hilfsmittel, die eher im medizinischen Bereich Verwendung finden.

Viele Textilien lassen sich waschen. Auch in frühester Zeit achtete man darauf, Textilien so herzustellen und so zu färben, dass sie ein gewisses Mass an Nässe aushielten. Trotzdem untersucht man in der Werkstatt zunächst jedes Mal, ob die Farben beim Waschen nicht ausbluten. Dabei kann es vorkommen, dass man entdeckt, dass eine indigofarbene Faser nicht wasserfest ist. Das erstaunte die Restaurateurinnen, denn sie wussten, dass man auch in frühen Zeiten schon Verfahren beherrschte, mit Indigo gefärbte Textilien waschecht zu machen.

Abegg 2017 HirschbehabgBehang mit Hirschen in einem Medaillon. Zentralasien, 8. bis Mitte 9. Jh., 196 x 173 cm. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5682 © Abegg-Stiftung (Foto: Christoph von Viràg)

"Für diesen Behang wurde ein gängiges Stoffmuster – einander gegenüberstehende Tiere in einem Medaillon – ins Monumentale vergrössert. Es zieht nicht nur durch seine Dimensionen, sondern auch durch zahlreiche Details in seinen Bann. Webtechnisch handelt es sich um eine wahre Parforce-Leistung." - Auch die Expertinnen und Experten der Stiftung lassen sich von einem solch prächtigen Stoff begeistern! - Bei der Voruntersuchung stellte sich heraus, dass für die indigoblauen Seidenfäden ein besonderes Verfahren gewählt worden war. Die Gründe dafür bleiben unbekannt. So hat es sich bewährt, dass die geeignete Reinigungsart erst nach genauer Prüfung bestimmt wird. Denn manche historischen Färbungen sind ausserordentlich stabil, andere reagieren sehr empfindlich auf Licht, Wasser oder klimatische Veränderungen. Das gilt auch für die gealterten Rohmaterialien selbst, nicht jede Faser übersteht die Jahrhunderte gleich gut.

Im Saal wird die Empfindlichkeit der Textilien auf Licht berücksichtigt, indem die Beleuchtung so weit wie möglich reduziert wird. Um die kunstvollen Stoffe langfristig in gutem Zustand zu halten, werden sie unter stabilen Klimabedingungen staub- und lichtgeschützt gelagert. Für Gewänder werden passgenaue Montagen und Figurinen hergestellt.

Abegg 2017 KinderhemdWollenes Kinderhemdchen. Östliches Zentralasien (Xinjiang), 4.–2. Jh. v. Chr. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5567 © Abegg-Stiftung (Foto: Christoph von Viràg)

Die Ausstellung der Abegg-Stiftung in 3132 Riggisberg ist täglich von 14:00 – 17:30 Uhr bis zum 12. November 2017 geöffnet.

Seniorweb berichtete auch über die letztjährige Ausstellung, als dort zeitweise eine gerade fertiggestellte Restauration eines wertvollen nordspanischen Altarbildes gezeigt wurde.

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