03.08.2017 - Dieter Schupp

Wo sind die Philosophen?

Hört man sie nicht? Trauen sie sich nicht? Oder haben sie einfach nichts mehr zu sagen? Ist sie damit am Ende?

Nun ja, solche Fragen haben sie sich selbst und auch gegenseitig gestellt, u.a. die Philosophen Jaspers und Heidegger, Adorno und Horkheimer. "Dass die Philosophie am Ende ist, das ist nämlich, so kurios das auch klingt, selber ein philosophischer Satz",- antwortete Ernst Bloch im Jahr 1957. Zuletzt hat 2014 Lino Veljak, Professor für Philosophie an der Universität in Zagreb, diese Frage wieder gestellt: Ob es denn tatsächlich einen Verfall der Philosophie gebe?

Da ist jetzt ein Karl Marx-Zitat fällig: "Die herrschenden Gedanken einer Epoche sind die Gedanken der herrschenden Klasse dieser Epoche. Wenn die Gesellschaft niedergeht, machen sich unwesentliche und immer unwesentlicher werdende Gedanken breit."

Veljaks fragte nach: „Ist die Philosophie tatsächlich an ihr Ende gekommen? Wozu könnte sie noch dienen? Nimmt man sich das historische Schicksal der Philosophie von allem Anfang an vor, - besonders die persönlichen Schicksale vieler Philosophen, so wird klar: Immer wenn die Philosophie den dominanten weltlichen Mächten diente oder dienen wollte, musste sie einen hohen Preis zahlen." Zu ergänzen wäre: Hinsichtlich ihrer eigenen Aufgabe, ihrer eigenen Berufung, nämlich die Wahrheit zu entdecken und die entdeckte Wahrheit wahrhaftig mitzuteilen. Als Antwort auf die grossen Sinnfragen hatten sie lediglich verdorrte Formeln.

Ich glaube nicht, dass die Philosophie am Ende ist. Nicht weil zur Zeit so viele "Fach"-Bücher auf dem Markt sind, zum Beispiel mit solchen Buchtiteln: Die Philosophie des Yoga - Die Kunst des klugen Handelns - Das Buch vom geglückten Leben - Philosophie to go - Philosophie in 30 Sekunden.- Die Kunst, Recht zu behalten - Wie Männer sich selbst finden - Am Arsch vorbei geht auch ein Weg usw.

Nein. Die Philosophie kann das ertragen, denn sie war schon in ihrer langjährigen Geschichte immer mal wieder ohne Worte geblieben, zuweilen weil ihr die Gedanken zum Denken ausgegangen waren, sie nicht mit einem leeren Dogma aufmerksam sein wollte. Das heisst: Die einen waren zu einem Zeitpunkt zu einem Ende gekommen mit ihrer Philosophie, die anderen waren noch mit ihren ungelösten Fragen beschäftigt.

Lino Veljak: "Es versank mehr oder weniger die so dienende Philosophie im Sumpf des Dogmatismus und der Ohnmacht des Denkens. Die Alternative sollte gelten: entweder Dienst oder kompromisslose Vermittlung von Wahrheit." - Man muss hinzufügen: Es ist allein schon das Wort «Philosophie» zu einem Schlag- und Werbewort verkommen; entartet worden von den dienstbereiten Verbrauchern und Verkäufern. Das Wort «Philosophie» nehmen sie in ihr Vokabular auf, um sich damit zu schmücken und wichtig machen wollen.

Doch kann man davon ausgehen, dass jene "Verbraucher“, "Vertreter" und "Verkäufer" folgerichtig eine riesige Leerstelle hinterlassen. Sie haben nämlich bewusst Fragwürdiges verachtet; ebenso Erhaltenswertes wie zum Beispiel: Individualität - Solidarität - Demokratie - Grenzen - Würde - Freiheit.

„Zum Glück sind dann die alten, philosophischen Fragen noch immer lebendig. Die neu entstandene Welt hat noch keine relevante Frage angeschafft. Dann ist die Zeit da, sich Gedanken zu machen. Einen Widerspruch einfallen zu lassen, Festgerammtes aufzubrechen, Banalitäten zu durchschauen, Angst zu nehmen, sich erinnern, woher man kommt, vor Identitätsverlusten sich schützen, Nationalkulturen ernstnehmen und rehabilitieren, bedenken, dass religiöse Bedürfnisse eine anthropologische Konstante sind.

Es sind seit Kant und Hegel eigentlich keine eigenständigen Denksysteme mehr entstanden, doch das ist auch schon vor deren Zeit so gewesen. Vom fünften bis weit ins achte Jahrhundert gab es in Europa keine Philosophie. Was ist damit gesagt? Nicht einmal nahezu 400 Jahre haben ein "Endgültig" geschafft, denn danach meldete sich die Philosophie wieder von neuem., als wäre nichts gewesen. Mit einer Schrift mit dem Titel "Über die Einteilung der Natur". Der Autor war Scotus Eringena.

Da fing eines Tages ein Mensch an, den Kopf zu schütteln, sein Dasein und Sosein in Frage zu stellen, Vorenthaltungen freizugeben. Und die „antiken Quellen" - Platon, Protagoras, Seneca oder Epikur - begannen wieder zu sprudeln.

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