FrontKulturEine kurzweilige A1-Fahrt

Eine kurzweilige A1-Fahrt

Die Uraufführung „A1 – Ein Stück Schweizer Strasse“ von und mit Mike Müller am Zürcher Schauspielhaus – locker und amüsant inszeniert.

„A1 – Ein Stück Schweizer Strasse“ ist das dritte Theaterprojekt, das der Schauspieler Mike Müller, sein Bruder, der Kulturjournalist Tobi Müller, und der Regisseur Rafael Sanchez entwickelt haben. Nach „Elternabend“ 2011 und „Truppenbesuch“ 2013 ist die Autobahn A1 von St. Margrethen bis Genf im Fokus des neuen Stücks. In lockerer und mitunter heiterer Form wird über Geschichte und Gegenwart des „grössten, schönsten Bauwerks der Schweiz“ palavert. Dabei haben die drei viel recherchiert, die Strecke tagelang im eigenen Volvo abgefahren, alle Rastplätze besucht, mehrere Experten über die Mobilität und deren Zukunft interviewt und PW- und LKW-Fahrer befragt.

Ein unterhaltsames Puzzle

Auf einer Grossleinwand wird die Fahrt von Osten nach Westen filmisch mit etlichen Halten auf Rastplätzen und in Autobahnraststätten festgehalten, werden aufschlussreiche Archivausschnitte aus den Anfängen der A1 sowie teils kuriose Interviewausschnitte eingeblendet und von den drei Darstellern Mike Müller, Michael Neuenschwander und Markus Scheumann parodiert und kommentiert. So etwa will sich der Verkehrshistoriker auf keine Prognosen einlassen, weil er ja Historiker sei. Ein Strassendirektor taxiert die Autobahn als einzige Ortsumfahrung und ein polnischer LKW-Fahrer rühmt sich, die etwas unsicheren PW-Lenker vor ihm vor den nachfolgenden Autos zu beschützen.

Philosophierend (von links): Mike Müller, Markus Scheumann und Michael Neuenschwander.

Die ganze A1-Fahrt ist locker inszeniert, Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich zu einem unterhaltsamen Puzzle mit vielen Trouvaillen aus dem Archiv und hintergründigen Anspielungen auf regionale Besonderheiten und heutigen Mobilitätswahn. Für Gelächter sorgt die anfängliche Autobahn-Euphorie, in der „Wohnungen mit Blick auf die Autobahn“ als Luxus angepriesen wurden. Ein Darsteller findet die Autobahn super, vor allem die Raststätten, weil man sich da total entspannen kann. Fremdländische Autofahrer loben die Disziplin auf den Schweizer Autobahnen, die Egerkinger Gemeindepräsidentin und ehemalige Directrice des Motels an der Autobahn (bekannt aus der gleichnamigen TV-Serie) erwähnt die Vorteile, die die Autobahn ihrem Bezirk gebracht und das Gäu in ein Logistikzentrum für die ganze Schweiz verwandelt hat. Ärgerlich ist einzig, dass die Zürcher Immobilienspekulanten die Einheimischen dabei übervorteilt haben.

Joggend (von links): Mike Müller, Markus Scheumann und Michael Neuenschwander. (Bilder: Tanja Dorendorf / T+T-Fotografie)

Autoeuphorie entzaubern

Mit Witz und Ironie repetieren und parodieren Mike Müller und Michael Neuenschwander in Dialektform einzelne Aussagen der Interviewten und entzaubern so das einstige automobile Freiheitsversprechen, derweil Markus Scheumann den besserwissenden, in die Schweiz migrierten Deutschen gibt und als Kontrapunkt den Autobahnen etwas Positives abzugewinnen versucht. Alle drei interpretieren mit komödiantischem Eifer die filmischen Einlagen, kommentieren mit Schalk die regionalen Unterschiede, joggen zu Rockmusik im Kreise und äussern mobilitätskritische Gedanken. Schade nur, dass die A1-Fahrt durch die Westschweiz nicht mit gleicher Intensität behandelt wird jene durch die Deutschschweiz.

Alles in allem, geboten wird eine effektvoll und höchst amüsant inszenierte Fahrt von Landesgrenze zur Landesgrenze mit vielen spannenden, unterhaltsamen und entlarvenden Perspektivenwechseln. Der kurzweilige Abend fand am Premierenabend grossen Beifall.

Weitere Spieldaten: 6., 9., 11., 19., 25. Juni, je 20 Uhr

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