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Barfuss über den Lago d’Iseo

Ein einzigartiges Kunst- und Sommererlebnis: Christos schaukelnde, orangefarbene Stege auf dem Iseosee in Norditalien.

Gemeinsam mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude ist der Verpackungs- und Installationskünstler Christo durch seine Monumentalkunstwerke – darunter die Verhüllung des Berliner Reichstags 1995 und die verpackte Brücke Pont Neuf in Paris 1985 – weltberühmt geworden. Als Team legten sie einen 40 Kilometer langen Zaun («Running Fence») durch die Hügel Kaliforniens. Allein vier Millionen Besucher flanierten durch ihre safrangelben «Gates» im New Yorker Central Park.

Drei Kilometer schaukelnde Stege

Diesen Sommer liess der Verpackungskünstler im Gedenken an seine Frau die Besucher übers Wasser wandeln. «The Floating Piers» nannte der Künstler sein jüngstes Art-in-Nature-Projekt. Drei Kilometer schaukelnde Stege liess er über den Iseosee in der Lombardei legen, und diese dann mit 70 000 Quadratmeter orangefarbenen Stoff überziehen. Die Gassen rund um den Hafen waren ebenfalls mit orangefarbenen Blachen geschmückt.

Gut gelaunt über die organgfarbenen Stege schlendern trotz Besucherandrang.

15 Millionen Euro liess sich Christo das Kunstwerk kosten. Der Künstler mit Atelier in New York verweigert sich Sponsoren und öffentlichen Zuschüssen, beschäftigt Helfer nur gegen Lohn. Seine Projekte finanziert er ausschließlich aus dem Verkauf seiner Zeichnungen und Entwürfe. «Ich möchte frei sein», sagt er.

Über 1,2 Millionen Besucher

Während der 16-tägigen Laufzeit kamen über 1,2 Millionen Besucher mit Autos, Bussen und Sonderzügen. In Sulzano, sonst ein verschlafenes Städtchen am Lago dIseo, herrschte Ausnahmezustand und dichtes Gedränge. Stundenlanges Warten war angesagt, bevor man auf die Floating Piers gelassen wurde. Doch die Besucher nahmen es gelassen, liessen sich zur eigenen Gaudi von der hiesigen Feuerwehr abspritzen. «Weil jeder spürte, dass er Teil von etwas Grösserem war», schrieb eine Kunstkritikerin.

Es geht um alle Sinne: Besucher vor dem Eindunkeln auf den Piers.

«Es geht ums Laufen, um alle Sinne, das Gefühl unter den Füssen, die Luft, die Feuchtigkeit des Stoffs, die Sonnenwärme, das Plätschern der Wellen», sagte der Künstler. Diese Sinneseindrücke konnte nur erfahren, wer sich nach Norditalien aufmachte und die Laufstege abwanderte. Und das gratis und ohne welterklärende Botschaft.

Einmalig! Einzigartig! Grossartig!

Im Piemont in den Ferien, liessen wir uns dieses einmalige Kunsterlebnis nicht entgehen und «pilgerten» mit dem Auto an den Lago dIseo. Wahrlich, es brauchte viel Geduld, einen freien Parkplatz zu finden, und die Wartezeit in der heissen Mittagssonne war eine Tortur. Doch einmal auf dem schwankenden Laufsteg, war die Warterei schnell vergessen. Rundum waren fröhliche Gesichter auszumachen. Es herrschte ein Sprachengewirr, als wäre die halbe Welt hier zu Besuch. Unaufhörlich wurden Selfies geknipst. Und immer wieder war spontane Anerkennung zu hören: Einmalig! Sensationell! Einzigartig! Grossartig!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flanieren, geniessen und sich präsentieren: Es gab keine Kleidervorschriften.

Nur auf blossen Sohlen, sagte Christo, hole man sich diese «sexy Erfahrung», wenn man auf dem Wasser geht. Und siehe da: Viele Besucher folgten dem Rat Christos und schlenderten barfuss über die schwimmenden Stege. Wer ausser Christo beschert uns heute noch solch einzigartige Kunsterlebnisse?

Sehr sexy: barfuss über die Piers laufen. (Fotos: Linus Baur)

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Mit dem heutigen Beitrag beenden wir unsere Serie «Sommerwelten».  Jedem Seniorweb-Redaktionsmitglied war es freigestellt, ein spezielles Sommerthema auszuwählen.

Links zu erschienenen Beiträgen «Sommerwelten»:

– Schmetterlinge im Bauch (Brigitte Poltera)
– Surfen (Judith Stamm)
– Sommerfarben (Bernadette Reichlin)
– Lesen, lesen, lesen . . .  (Joseph Auchter)
– Sommerbücher (Fritz Vollenweider)
– Mit dem Nachtzug an die Nordsee  (Maja Petzold)
– Die 1.August-Feier auf dem Rütli (Josef Ritler)
– Zeit für Naturkunde (Eva Caflisch)

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