FrontGesellschaftIm «schwarzen Loch» Europas

Im «schwarzen Loch» Europas

«Schwarzes Loch Europas» wird das Maira-Tal im Westpiemont genannt. Wir haben es einige Tage mit dem Auto bereist und per pedes durchwandert.

Seit vielen Jahren verbringen wir unsere Sommerferien im Piemont, abgelegen oberhalb von Clavesana, inmitten von Rebhängen und Haselnussplantagen. Es ist ein stiller Ort zum Ausruhen und Nichtstun, wäre da in diesem Sommer nicht die mörderische Hitze, die selbst das Herumliegen zur Last machte. Und so beschlossen wir kurzerhand, für ein paar Tage in die Höhe ins sogenannte «Schwarze Loch Europas» zu verreisen. Damit ist das Maira-Tal gemeint, das im Westpiemont zwischen Cuneo und der französischen Grenze liegt und mit einer schönen und wilden Natur aufwartet.

Verwaiste Dörfer und intakte Landschaft

Das Maira-Tal gilt noch immer als das ursprünglichste und am wenigsten besuchte unter den Westalpentälern. Und es erlebt die Geschichte der neueren Zeit wie viele andere Bergtäler auch. Die Jungen sind fort, auf der Suche nach Arbeit in Turin, Mailand oder sonst wo in Europa. Viele mairische Dörfer sind regelrecht verwaist. Diese Verwaisung ist auch eine Folge der Erbteilung, erfahren wir. Jedes Kind bekam gleich viel. Die Ackerflächen wurden immer kleiner, lagen oft weit von einander entfernt. Die strikte Teilung führte sogar dazu, dass die Äste eines Kastanienbaumes verschiedenen Familien gehörten. Und so wird im Valle Maira mehr gestorben als geboren. Das Tal verlor seit der Mitte des 19. Jahrhunderts rund vier Fünftel seiner Bevölkerung.

Und überall trifft man auf baufällige Häuser, die von besseren Zeiten zeugen.

Heute ist das Maira-Tal ein beliebtes Wandergebiet, verfügt über gut gepflegte und markierte Wanderwege und kann etappenweise durchwandert werden. In rund zwölf Tagen lässt sich das Tal umwandern, unterwegs gibt es genügend Übernachtungsmöglichkeiten, sogenannte Posti tappa. Grosse Hoffnungen sind damit verbunden: Gäste zurückzubringen ins vergessene Tal. Doch der Besucherstrom hält sich bei unserem Aufenthalt und auch sonst in Grenzen, auf den Wanderwegen begegnen wir kaum jemandem. Die grosse Hitze war auch in luftiger Höhe spürbar, wenn auch weniger schweisstreibend.

Lockere Baumbestände und Weiden wechseln einander ab und geben den Blick immer wieder frei auf wunderbare Bergpanoramen.

Die Percorsi (Wanderwege) führen meist schmal und im Zickzack durch Lärchenwälder, vorbei an Farmen, Erikawiesen und Enzianen, oberhalb der Baumgrenze entlang steiniger Grate. Unterwegs treffen wir auf etliche Weiler, die kaum noch zu erkennen sind. Im grünen Schatten stehen baufällige Häuser. Der Blick fällt durch Löcher, die einmal Fenster waren. Einige Ruinen wurden liebevoll in einfache Ferienhäuser mit Solarstrom umgewandelt.

Locanda del Silenzio in Camoglieres

Doch es gibt auch Zeichen der Erneuerung. Wir übernachten in der Locanda del Silenzio in Camoglieres oberhalb von Macra, einem knapp 60 Menschen zählenden Dorf unten im Tal. In mehreren alten Gebäuden wurde ein modernes Hotel geschmackvoll mit Zweibettzimmern und einem Massenlager eingerichtet. Es gibt eine Bar, und auf dem terrassierten Gelände stehen Liegestühle für die Gäste bereit. Und diese kommen aus ganz Europa. Es sind Bergsteiger und Ausflügler wie wir. Von der Terrasse geniesst man einen herrlichen Ausblick in die umliegende Bergwelt und ins Tal mit dem Fluss Maira.

Zeichen der Erneuerung und der Zukunft: Das Hotel Locanda del Silenzio in Camoglieres lädt zum Verweilen ein.

Bekanntlich kommt man nicht ins Piemont, um zu wandern, sondern um gut zu essen. Und vorzüglich essen kann man im Maira-Tal leider nicht vielerorts. Aber es gibt sie, die überragende Küche. Eine empfehlenswerte Adresse ist das Ristorante Al Bial von Marco und Paola am Dorfrand von Macra. Es ist ein geschmackvoll eingerichtetes, winziges Restaurant mit nur 14 Sitzplätzen. Und die Küche bietet exquisite Spezialitäten und erlesene Weine aus dem Piemont an. Ein Hochgenuss und Geheimtipp für Feinschmecker. Ob das Einkommen zum Leben reicht? Wohl kaum. Wie wir erfahren, geht Paola tagsüber noch einer anderen Beschäftigung nach.

Chorraumfresken aus dem 15. Jahrhundert

Neben Wanderungen durch dichte und lockere Baumbestände, über Weiden und steinige Abhänge mit Blick auf wunderbare Bergpanoramen reisen wir auch mit dem Auto durch die verwunschene Bergwelt, in steilen Kurven über halsbrecherische Pässe, so in ein Nebental zu Valle Maira auf das Hochplateau mit dem Dorf Elva. Bekannt ist Elva für seine Kirche Maria Assunta und ihre Chorraumfresken, die der flämische Wandermaler Hans Clemer im 15. Jahrhundert geschaffen hat. Diese Fresken gelten als eine der bedeutendsten Kunstschätze im westlichen Piemont. Und Elva galt einst als eine weltweit bekannte und geschätzte Adresse von Perückenhaar, die Caviè. Die Haareinkäufer aus Elva machten beste Geschäfte mit dem Rohstoff aus Bergdörfern, wo die Armut am grössten war. Davon zeugt eine kleine Fotoausstellung im Dorf. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand dieses eigenartige Geschäft.

Bekannt ist Elva für seine Chorfresken in der Kirche Santa Maria Assunta.

Oben am Grenzpass zu Frankreich, dem Colle de Sautron (2685m), steht ein Gedenkstein, dessen Inschrift die Entwicklung des Valle Maira thematisiert: «Diese nackten Felsen, windumtost und von Unwettern heimgesucht, bewahren ein verlorenes Echo. Die Schritte, die Stimmen unserer Emigranten, Männer, Frauen, Kinder, die sich nach Frankreich begaben, auf der Suche nach Arbeit und Brot, das Ihnen ihre Heimat nicht geben konnte». Ganz so trostlos stellt sich die Lage mittlerweile nicht mehr dar, auch wenn vielerorts die Spuren der Vergangenheit noch sichtbar sind und der Tourismus stagniert. Da bleibt viel Zeit zum Nachdenken über die Frage, wie dieses wunderschöne Piemonteser Alpental mit seiner intakten Landschaft in Zukunft aussehen könnte. Für uns steht fest, dass es eine hat und dass wir bei nächster Gelegenheit diesen so schönen Winkel der Alpen wieder aufsuchen werden.

Gelungener Schnappschuss: reichhaltige Flora und Fauna unterwegs auf den Wanderungen. (Fotos: Linus Baur)

Buchtipp: «Antipasti und alte Wege: Valle Maira – Wandern im andern Piemont» von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht, erschienen im Rotpunktverlag Zürich.

Vorheriger ArtikelPrinzessinnen, Krähen und arme Leute
Nächster ArtikelWo bist Du?

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel