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Neue Zeit – neue Lesegewohnheiten

Die in Bern lebende Lyrikerin Andrea Maria Keller spielt mit Impressionen, Formen, Stimmungen, Sinneseindrücken – und vor allem mit der Sprache und mit Wörtern.

Ein neues Lesegefühl, eine neue Lesegewohnheit bietet der «Wortfächer» an, der vom Verlag vatter&vatter AG in Bern erfunden und entwickelt wurde. Bereits sind zahlreiche Ausgaben mit Werken verschiedener Autoren erschienen. Schmäler, leichter als selbst ein Taschenbuch von kleiner Seitenzahl, zusammengeheftet mit einer Schraube zwischen zwei Kartonteilen, lassen sich die halbkartonartigen Seiten zum Lesen herausfächern. Dieses neuartige Lesegerät hat ohne weiteres in der Hosen- oder Jackentasche Platz und lässt sich bequem in den Händen halten.

Für die Juckreizwörter von Andrea Maria Keller eignet sich das moderne Format besonders gut. Schon 2014 überraschte die Lyrikerin aus Bern mit tagesdiebesgut. 99 Wortschatzkarten in einer Schachtel. Sie beweist ein starkes Gefühl für das Unkonventionelle, das Spielerische auch. Spannend dabei ist, dass dieser persönliche Stil nicht nur formal wirkt, in der Form von Karten in der Schachtel und als zusammengeschraubter Fächer aus Halbkartonstreifen, 13 cm lang, 4 cm breit und ca. 2 cm dick. Es zeigt sich auch im Umgang der Lyrikerin mit der Sprache, mit Stil, Ausdruck und Begriffsbestimmung. Auch in ihren ‘konventionellen’ Lyrikbänden – Mäanderland (2013) und Vielstimmig (2018) überrascht sie noch und noch mit einer Mischung aus sachlicher Genauigkeit, sinnlicher und intuitiver Auffassungsfähigkeit und auch immer wieder lebendig und vielseitig im Ausdruck mit Worten und Begriffen, mit Farbe und Melodie der Sprache.

«Es gibt einen grossen Ernst, und der heisst Spiel», fällt mir ein Zitat ein, dessen Quelle ich vergessen habe. Das Besondere an Andrea Maria Kellers Juckreizwörtern ist die Fähigkeit, den Wortspielereien und den fast experimentierend anmutenden Begriffszusammensetzungen vordergründig Ironie, Witz, manchmal fast Schalk zu verleihen, nicht ohne gleichzeitig auch Reliefschatten, nämlich Hintergründiges, Gesellschafts- und Kulturkritisches mitschwingen oder sogar konkret hervortreten zu lassen. Das ist durchaus eine zeitgemässe Art des Dichtens, des Gestaltens von und mittels Sprache, des Auseinandersetzens mit Erfahrungen, Sinneseindrücken, Stimmungen und mancherlei Ereignissen der Welt. «(Die Welt ist alles, was der Fall ist» (Wittgenstein).

Einige Beispiele für die Doppelbödigkeit dieser Wort-Neuschöpfungen zeigt schon das Bild, ein paar weitere seien hier noch angefügt: «Leerlaufbahn», «Wackelkontaktperson», «Lebensfadenknäuel», «Ehrgeizkragen», «Wertschöpfungsmythos». Und «Juckreizwörter» scheint vor allem als Titel, nicht nur als spielerische Begriffszusammesetzung, besonders treffsicher gelungen.

ISBN: 978-3-9524801-8-2

Im Seniorweb: Vielstimmig 
Andrea Maria Keller
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