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Zauber der Verwandlung

Im Berner Theater an der Effingerstrasse: Neues Theater von heute –  zu Beginn der neuen Spielzeit – unter neuem Künstlerischem Leiter.

Shakespeares «Sturm», uraufgeführt 1611, fünf Jahre vor seinem Tod, ist das letzte und eigenständigste seiner Stücke. Bei verschiedenen Autoren und deren Interpretation der Themen und Motive wird deutlich, dass William Shakespeare sich eine weitreichende Übersicht über die kulturelle Vielfalt im England des beginnenden 17. Jahrhunderts verschafft hat und die literarischen wie gesellschaftlichen geistigen Strömungen gekannt hat. Im Alter von 47 Jahren (1611) dürfte er sich auch seine Gedanken über die Weiterentwicklung der Welt zurechtgelegt haben. Alles das mag ihn zum Schreiben dieses Stücks getrieben haben.

In den Deutungen des Stücks durch verschiedene Autoren und Interpreten von früher bis heute tauchen Begriffe nicht nur wie der Titel «Sturm» auf, sondern auch die Herkunft des Motivs von Prosperos Büchern, die Metapher vom «Stoff, aus dem unsere Träume sind», das Luftige der Figur des Ariel neben dem Bodenständig-Primitiven des Caliban. Rückschlüsse auf Aktualitäten jener Zeit, auf die Vorgänge im Zusammenhang mit der Kolonialepoche, auf das sich Abzeichnende einer damals als neu empfundenen Welt sind deutlich in der Dramatik und im Stoff des Spätwerks verarbeitet. – Shakespeare als der gebildete, belesene Zauberer Prospero? Keineswegs abwegig. Und nach diesem reichen Leben als Autor, Schauspieler und Reformator des britischen und europäischen Theaters auch verständlich, dass er nach seinen Erfolgen Prospero sich seiner magischen Kräfte entsagen und von seinen Büchern trennen lässt.

Joachim Lux, geb. 1957, Intendant des Thalia-Theaters Hamburg, scheint auf einzigartige Weise die Bedeutung des Theatralischen an sich im «Sturm» erkannt zu haben. Seine Bearbeitung des Werkes – einerseits eine Straffung des Stofflichen, andererseits eine Reduktion, doch zugleich Verdichtung zum Dreipersonen-Stück – erfuhr die Deutschsprachige Erstaufführung im Jahr 2007 am Burgtheater Wien. In Alexander Kratzer und seinem Team hat diese Bearbeitung Fachleute zur Umsetzung auf die Bühne gefunden, die mit offenem und vielseitigem Gespür den Glanzlichtern und Eigentümlichkeiten des Werks gerecht werden. – Diese Bearbeitung? Rein sachlich sicher schon eine Bearbeitung, doch ist es nicht mindestens formal eine Art Neufassung des Stoffs und der Motive von William Shakespeare? Eine Umsetzung in eine neue, gegenwärtige Theatersprache und in eine zeitgemässe Auseinandersetzung mit der Welt von heute und was sie für Ansprüche an die Menschen stellt?

Es fängt schon mit der Ausstattung an. Katia Bottegal, die junge Künstlerin, neu am Theater an der Effingerstrasse, schafft mit der abgelegenen Insel auf der Bühne mit viel Plastik als Flaschen und als Wände der treibhausartigen Zelle, mit den Kunststoffpflanzen darin und am Boden des Spielraums, ein subtil unaufdringliches Bild von den Gefährdungen dieser Welt – einer abstrusen Welt, wohl absichtlich verknüpft mit der rundum künstlichen Welt, in der wir heute leben. Die Kostüme der drei Personen enthalten eine Grundform und -farbe und werden mit oft nur kleinen, manchmal auch deutlich erkennbaren Akzenten den sich immer wieder verwandelnden Personen angepasst. Die wechselnden Stimmungen dieser Inselwelt werden durch die Lichtregie von Marek Streit sichtbar unterstützt. Die Musik von Gilbert Handler klingt als interpretierte und gestützte Sprache, in angemessen klangvoll poetischer Selbstverständlichkeit im Ablauf des dramatischen Geschehens.

Von links: Gulshan Sheikh, Mirko Roggenbock

Dieser «neuen» Welt hat sich auch der schiffbrüchige Prospero mit seiner Tochter Miranda gestellt. Dank seiner Zaubermacht hat er sie zu seiner eigenen gemacht. Im grossen Bogen der abwechslungsreichen Handlung wird die Spannung spürbar: Hier die abgeschiedene, einsame kleine «Zauberwelt», dort in der Ferne, und neu belebt, das verlorene und schliesslich wiedergefundene Herzogtum. Es zeigt sich das Niedere und das Hohe; hier die Unterdrückung, da die Liebe, verkörpert durch Caliban und Miranda. Geschickt gelingt es dem Dreierteam – und Regisseur Alexander Kratzer hat da überzeugend mit seiner Darstellerin und den Darstellern gearbeitet – die Verwandlung in die verschiedenen Personen augenfällig werden zu lassen. Mirko Roggenbock ist hauptsächlich der dienstbare Geist Ariel und verwandelt sich einerseits in den liebenden Königssohn Ferdinand, andererseits in den Trunkenbold Stephano. Hans Danner dominiert als Prospero, doch es ist verblüffend, wie glaubwürdig er in die extrem entgegengesetzte Rolle des Trinculo, des zweiten Trinkers der Szene, schlüpfen kann.

Von links: Hans Danner (Prospero), Mirko Roggenbock (Ariel), Gulshan Sheikh (Miranda) (auch Titelbild)

Von links: Trinculo, Caliban, Stephano

Alle diese Übergänge von der einen Person zur anderen, diese Verwandlungen während des laufenden Spiels sind so fesselnd wie belustigend. Echte Komik und verschmitzter Witz wechseln sich ab, und besonders überzeugend und begeisternd wirken diese Wechsel bei Gulshan Sheikh, vom ruppigen Caliban zur lieblichen Miranda.

Prospero mit Ariel in der Vision von Befreien und Entsagen

Zeitgemässes Theater bringt der neue künstlerische Leiter Alexander Kratzer auf die Bühne seines Theaters. Nicht hybrides Regietheater, sondern dem dramatischen Geschehen angepasste, verdichtete Formen des Ausdrucks von Vitalität und Bewältigung von Alltag, Fantasie und Träumen. Die Botschaft wechselt von Rachsucht zu Versöhnung und Vergebung, von Machtanspruch zu Menschlichkeit, von Groteske zu Einfachheit. Überragend wirkt dabei die tänzerisch angeregte Gestik. Erfreulich die reiche Vielfalt des szenischen Ausdrucks – eine Art wechselnder Formen des Tanzes, mit der Unvereinbarkeit gewisser Züge des Lebens und Erlebens als Thema.

 

Alle Bilder: Severin Novacki

www.theatereffinger.ch

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