FrontGesellschaftEin gesellschaftlicher Paradigmenwechsel ist nötig

Ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel ist nötig

“Wir müssen in der Schweiz heute darüber nachdenken, wie wir morgen in Würde alt werden können”, fordert die Paul Schiller-Stiftung. Gefragt ist eine gute Betreuung im Alter. Wie diese aussehen soll, erläutert Soziologe Riccardo Pardini (Bild) im Gespräch mit Seniorweb.

Seniorweb: Heute steht die viel gehörte Forderung im Raum: In Würde alt werden können. Was verstehen Sie unter Würde im Alter und wie gestaltet sich diese im Alltag konkret?

Riccardo Pardini: Würde im Alter fragt nach der Art und Weise, wie der Umgang mit dem Altwerden und Altsein in einer Gesellschaft gestaltet werden soll. Heutzutage gibt es verschiedene Leitbilder, wie zum Beispiel «erfolgreiches Altern», «aktives Altern» oder «gesundes Altern», welche dies vermeintlich einzulösen versuchen. Solche Leitbilder finde ich bedenklich oder besser gesagt die dahinterstehende gesellschaftliche Erwartungshaltung. So soll man möglichst lange fit bleiben, sich möglichst produktiv erweisen oder möglichst viele Aktivitäten nachgehen – so grenzen wir einen Teil der älteren Menschen aus und geben ihnen das Gefühl, dass sie ein minderwertiges Leben führen.

Meiner Meinung nach ist ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel nötig, worin wir nicht nur die Potenziale des Alters zur Entfaltung bringen, sondern auch einen Umgang mit Schwierigkeiten und Herausforderungen des Alters ermöglichen, der einer selbstbestimmten Lebensführung dienlich ist. Dazu gehört sowohl die gesellschaftliche Anerkennung altersspezifischer Bedürfnisse und Interessen als auch das Recht, gemäss eigenen Vorstellungen ein Leben im Alter zu führen.

In meiner Forschungstätigkeit befasse ich mich mit der Frage nach den Unterstützungsformen im Alter. Damit eine Betreuungssituation zu einem Altern in Würde beiträgt, muss sich die Betreuung an der Persönlichkeit und am Lebensalltag der betroffenen Person orientieren und die alltäglichen Bedürfnisse des älteren Menschen ins Zentrum stellen. So erleichtert gute Betreuung eine selbstbestimmte Lebensführung und die gesellschaftliche Teilhabe. Damit erhält und verbessert sie das psychosoziale Wohlbefinden und trägt zur Stärkung der inneren Sicherheit im Alltag bei.

Wie beurteilen Sie die heutige Betreuungssituation? Wo sind Mängel vorhanden, beziehungsweise Verbesserungen, Anpassungen angezeigt?

Zuhause lebende ältere Menschen erhalten die Betreuung hauptsächlich von ihren Angehörigen und dem sozialen Umfeld. Oft übernehmen diese nicht nur konkrete Tätigkeiten wie zum Beispiel Einkaufen, Mahlzeitenzubereitung oder Hilfe im Haushalt sondern leisten Gesellschaft indem sie gemeinsame Ausflüge unternehmen, soziale oder kulturelle Anlässe besuchen und sich emotional unterstützen. Fehlt das soziale Umfeld, so sind ältere Menschen auf externe Angebote angewiesen. Die Angebote sind regional sehr unterschiedlich ausgestaltet, teilweise spezialisiert und müssen von den Betroffenen selbst bezahlt werden. Inwiefern die Angebote die vielfältigen Bedürfnisse abdecken und wie stark die Beziehungsarbeit in der Erbringung eine Rolle spielt, bleibt offen. Man kann festhalten, dass die Qualität einer Betreuungssituation zu Hause vom sozialen Umfeld und von den verfügbaren finanziellen Mitteln der Person abhängt.

Damit die Betreuungssituation zu Hause verbessert werden kann, sind verschiedene Massnahmen nötig. Zum Beispiel sind zentrale Koordinationsstellen erforderlich, welche Angehörige beraten und begleiten, wenn sie die Unterstützung für eine betreuungsbedürftige Person organisiert. Es sind auch Entlastungsangebote nötig, welche es den Angehörigen ermöglicht, sich von der Betreuungsarbeit zu erholen. Doch auch für die professionellen Dienste müssen sich die Bedingungen ändern. Ich denke hier an die Spitex. Sie stellen die Unterstützung im Haushalt, zum Teil auch explizite die Betreuung und die medizinische und pflegerische Versorgung zu Hause sicher. Aufgrund des Zeitdrucks ist es den einzelnen Betreuungs- Pflegefachkräften nicht möglich, ihrer Betreuungsarbeit mehr Raum im Arbeitsalltag zu geben.

Müsste hier die Politik aktiv werden?

Absolut, es ist ein politische Effort gefragt, um Rahmendbedingungen zu schaffen, die Betreuung im Alter ermöglichen. Der Pilot Betreuungsgutsprachen der Stadt Bern oder die Gutscheine für selbstbestimmtes Wohnen der Stadt Luzern oder die kommunale Betreuung der Spitexorganisationen sind solche Beispiele. Aber auch nachbarschaftliche Netzwerke in Quartieren oder Gemeinden sind wichtige Elemente für die Betreuungssituation zu Hause.

Wie sieht die Situation in stationären Einrichtungen aus?

In den stationären Einrichtungen wird die Betreuung durch die Betreuungstaxe und durch verschiedene Aktivierungs- und Beschäftigungsmassnahmen abgedeckt. Wir haben in der Publikation «Gute Betreuung im Alter» darauf hingewiesen, dass diese Taxe weder auf einem gemeinsamen Verständnis von Betreuung beruht noch Transparenz darüber herrscht, was diese Taxe tatsächlich für Leistungen beinhaltet. Hinzu kommt, dass die Höhe der Taxe von Pflegezentrum zu Pflegezentrum variieren kann. Wie die Taxe müssen auch die Aktivierungs- und Beschäftigungsangebote von den Bewohnerinnen und Bewohner grösstenteils selbst bezahlt werden. Ich persönlich bezweifle, dass mit der Betreuungstaxe und den Aktivierungsangeboten, die Bewohnerinnen und Bewohner genügend Betreuung erhalten. Die Betreuung in Pflegezentren muss sich noch stärker mit den Fragen nach einer Unterstützung des psychischen Wohlbefindens, und der Förderung von sozialen Kontakten und deren Pflege, mit Teilnahme und Mitwirkung im Heimalltag und an sozio-kulturellen Angeboten befassen.

In der erwähnten Publikation verlangen Sie zudem, dass Betreuung für alle zugänglich gemacht werden soll. Wie soll das ermöglicht, respektive gewährleistet werden?

So unterschiedlich Menschen alt werden, so verschieden sind auch die Bedürfnisse nach Unterstützung. Wie auch in jüngeren Lebensphasen wird das Ausmass an Unterstützung durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Dieses hängt nicht nur von der persönlichen Gesundheit ab, sondern wird auch durch sozio-ökonomische Aspekte, zum Beispiel durch die soziale Herkunft, den Beziehungsstatus, die Wohnsituation, das soziale Umfeld und die vorhandenen materiellen Ressourcen geprägt. Je nachdem wie sich diese verschiedenen Faktoren zusammensetzen und sich gegenseitig verstärken oder auffangen, gelingt es den Betroffenen, mal besser, mal schlechter auf schwierige Lebensumstände im Alter angemessen zu reagieren. Begreift man Betreuung als eine eigene Unterstützungsform, welche sich den alltäglichen Herausforderungen im Leben eines älteren Menschen und deren Wohlbefinden annimmt, dann wird schnell klar, dass unser bisheriges Unterstützungsverständnis zu kurz greift.

Können Sie dies bitte ausführen?

Die Schweiz verfügt über ein sehr gutes medizinisches Versorgungssystem. Das gilt auch für die Langzeitpflege. Allerdings lässt sich die Unterstützungsbedürftigkeit älterer Menschen nicht auf deren gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Pflegebedürftigkeit reduzieren. Es liegt in der politischen Verantwortung zu garantieren, dass ältere Menschen auch ohne Pflegebedarf Betreuung erhalten können. Bisher fehlt jedoch eine sozialrechtliche Regelung, was dazu führt, dass all jene, die kein genügend starkes soziales Umfeld haben und über wenig finanzielle Mittel verfügen, von der Betreuung ausgeschlossen sind. Auch Betagte mit oder ohne körperliche Einschränkungen und in schwierigen sozialen und ökonomischen Verhältnissen leben, sollten bezahlbare Betreuung in Anspruch nehmen können.

Immer mehr Menschen werden ohne Familienangehörige alt und sind auf fremde Hilfe angewiesen. Welche Massnahmen sind erforderlich, um diese sozialpolitische Herausforderung bewältigen zu können?

So ist es: Die veränderten Familienstrukturen, die Möglichkeit neuer Lebensentwürfe, die Mobilität, die stärkere Einbindung im Erwerbsleben und die fortschreitende Urbanisierung unserer Lebensräume legen nahe, dass es zukünftig mehr ältere Menschen geben wird, die bei einer Unterstützungsbedürftigkeit nicht mehr auf ihre Familienangehörigen zählen können. Bereits heute haben in der Schweiz mehr als acht Prozent der Bevölkerung im Pensionsalter keine Familienangehörigen. Solange die Betreuung zu Hause hauptsächlich von Angehörigen erbracht wird, stellt sich die Frage, wie auch in Zukunft Betreuung für alle gewährleistet werden kann. 

Wie denn?

Wir wissen heute wenig darüber, wie ältere Menschen ohne betreuende Angehörige betreut werden oder die Betreuung organisieren. Dort haben wir in der Schweiz auch in wissenschaftlicher Hinsicht einen enormen Aufholbedarf. Vom aktuellen Wissensstand her, haben vor allem zwei Gruppen bereits Schwierigkeit, die nötige Unterstützung in ihrem Alltag zu bekommen: Einerseits sind es sozial isolierte und von Armut betroffene ältere Menschen. Andererseits haben Frauen im Ruhestand erhebliche Nachteile, die nötige Betreuung zu erhalten. Denn es gibt mehr Frauen als Männer, die ohne Familienangehörige alt werden. Oft verfügen viele Frauen beim Renteneintritt nur über ein geringes Renteneinkommen, dass es ihnen erschwert, ihre Betreuung zu finanzieren. Oft ist es bei Ehepaaren so, dass die Ersparnisse für die Betreuung und Pflege des Ehemannes aufgebraucht werden, da diese bei ihm häufig zuerst anfallen. Wichtige Ressourcen, die dann später für die Deckung der Betreuung der Frau fehlen.

Beklagt wird, dass Betreuung noch zu wenig in den Fokus von Politik und Fachleuten gerückt ist. Woran liegt das und wie können wir das ändern?

Einer der ausschlaggebenden Gründe liegt sicher darin, dass bei der Revision der Krankenversicherung 1994 ein bestimmtes Pflegeverständnis in die politische Diskussion Einzug erhielt. Es reduzierte die Pflege auf einen Leistungskatalog und führte gleichzeitig eine künstliche Trennung zwischen Pflege- und Betreuungsleistungen ein. Folgt man dieser Logik so wird Betreuung als eine Restgrösse von Leistungen angesehen, die ausserhalb der gesetzlichen anerkannten Pflegeleistungen stehen. Die Folgen davon sind teils fragwürdige Situationen: Benötigt eine Bewohnerin eines Pflegezentrums zum Beispiel beim Aufstehen Hilfe, um auf die Toilette zu gehen, dann kann sie diese Leistung über die Krankenversicherung abrechnen. Benötigt sie exakt dieselbe Hilfe, um in den pflegeheiminternen Aufenthaltsraum zu gehen und an einer kulturellen Veranstaltung teilzunehmen, muss sie für diese Leistung selbst aufkommen. Damit weicht der Blick weg von einer ganzheitlichen und bedürfnisorientierten Umsorgung des älteren Menschen hin zu einer begrenzten, verrichtungsbezogenen pflegerischen Versorgung. Zusätzlich gehen durch den damit einhergehenden administrativen Aufwand wichtige finanzielle und personelle Ressourcen verloren, die direkt für die Betreuung und Pflege von älteren Menschen eingesetzt werden könnten.

Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?

Was ich ebenfalls beobachte, ist die Tatsache, dass sowohl die Politik als auch grosse Teile der Fachwelt die Diskussion über die Betreuung stark im Feld der Gesundheit oder der Pflege und nicht (zu wenig) im psychosozialen Bereich führen. So lässt sich kaum eine staatliche Bedarfsleistung finden, die nicht die Pflegebedürftigkeit oder die gesundheitlichen Einschränkungen der älteren Person als Voraussetzungskriterium hat. Ich finde diese Sicht sehr problematisch, da eine Unterstützungsbedürftigkeit meist aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren zustande kommt. Aus diesem Grund glaube ich auch, dass man sich der Betreuung als eigenständige Unterstützungsform annehmen sollte. Dies widersetzt sich übrigens nicht der in der Care-Debatte zu Recht postulierten Kritik gegenüber der Trennung von Pflege und Betreuung. Ich glaube auch, dass gute Pflege ohne Betreuung nicht funktioniert. Allerdings funktioniert die Betreuung auch ohne Pflege. Eine differenzierte Betrachtung von Betreuung und Pflege soll die beiden Dimensionen gegenseitig stärken und nicht einander wertend gegenüberstellen. Um ein ganzheitliches Unterstützungsgefüge für ältere Menschen zu gewährleisten, ist es notwendig, darüber nachzudenken, wie Institutionen und das Sozialsystem der Schweiz die Betreuung als integralen Bestandteil einbeziehen können. Das ist allerdings nur möglich, wenn man Betreuung als Unterstützungsform entsprechend gesondert anschaut.

Gute Betreuung kostet und unserem Sozialstaat und Gesundheitswesen sind bekanntlich Grenzen gesetzt. Wie kann unsere Gesellschaft vom Anrecht auf gute Betreuung überzeugt werden?

Wir alle möchten in Würde alt werden. Dazu braucht es eine gute Betreuung. Die einen können dabei auf ihre Angehörigen und ihr soziales Umfeld zählen. Andere haben genügend Mittel, um sich jene Betreuungsleistungen einzukaufen, die sie benötigen. Aber darüber hinaus gibt es immer mehr ältere Menschen, die weder gut sozial integriert noch mit ausreichenden finanziellen Reserven ausgestattet sind. Für diese vulnerablen älteren Menschen braucht es ein Anrecht auf gute Betreuung, damit auch sie in Würde alt werden können.

Link: Broschüre Wegweiser_gute_Betreuung_im_Alter


Riccardo Pardini, Soziologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Er studierte Soziologie und Philosophie an der Universität Basel. Zu seinen wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkten gehören Alter(n) und soziale Sicherheit, Wandel der Arbeit, Digitalisierung, Soziologie des Sozialstaats und der Sozialpolitik.

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