FrontGesellschaft«Wir müssen aus der Corona-Krise lernen und besser werden»

«Wir müssen aus der Corona-Krise lernen und besser werden»

Mit seinen 78 Jahren gehört auch alt Bundesrat Adolf Ogi zu den Corona-Risikopersonen. Wie hat er die letzten Monate erlebt? Was können die Behörden, wir alle, aus der Pandemie lernen?

Seniorweb: Herr Ogi, wie geht es Ihnen am Ende dieses schwierigen Corona-Jahrs?

Adolf Ogi: Gesundheitlich gut. Sozial bin auch ich von den Regeln und Empfehlungen des Bundesrats und der Kantone betroffen. Ich konnte 2020 viel weniger Leute treffen. Zahlreiche Veranstaltungen wurden wegen Corona abgesagt. Aber meine Frau und ich machen das Beste draus.

Bewohnerinnen und Bewohner in Alters- und Pflegeheimen beklagen sich über Einsamkeit und mangelnde Kontakte. Beschäftigt Sie das?

Ich kenne die Situation von Betagten aus persönlichen Besuchen in Altersheimen. Die Seniorinnen und Senioren dieses Landes machen eine ganz schwierige Zeit durch. Viele haben keine Lebensfreude mehr, weil ihr Alltag sehr eingeschränkt wird. Wir müssen versuchen, den Alten die Freiheit und die Lebensfreude zurückzugeben. Begegnungen und Kontakte müssen wieder täglich möglich sein. Auch unter erschwerten Bedingungen. Auf ihrem schwierigen Weg leisten die Heimleiter und das Personal von Alters- und Pflegeheimen eine hervorragende Arbeit. Vom Bundesrat, von der Politik, erwarte ich, dass vermehrt auch an die Rentnerinnen und Rentner gedacht wird, dass deren Sorgen auf Medienkonferenzen angesprochen werden. Dem wird im Moment zu wenig nachgelebt.

Junge reklamieren, sie müssten sich wegen den Alten in ihrem Freizeit- und Kontaktverhalten einschränken. Droht eine Eskalation des Generationenkonflikts?

Dieser Eindruck besteht aufgrund der täglich publizierten Zahlen tatsächlich. Fakt ist aber, dass nicht nur die Alten Corona bekommen oder daran sterben. Auch die Jungen sind davon betroffen. Bei der täglichen Präsentation der Statistiken durch die Medien habe ich manchmal den Eindruck, dass ein neues Ritual entstanden ist: Die Berichte klingen durchwegs negativ. Es kommt nie eine Hoffnung auf. Fachleute, Epidemiologen machen uns täglich Angst. Wollen sie sich profilieren? Die Medien sollten auch darüber berichten, wie viele Menschen sich von Corona erholt haben, wie viele das Spital gesund verlassen konnten. Es braucht differenzierte Statistiken: wie viele starben unter 30, 50, 70, 90? Ein neues Bild gäbe uns mehr Hoffnung. Ich möchte auch wissen, woran die Menschen gestorben sind. Wirklich nur an Corona, oder hatten die mit Corona-Infizierten ein Herzversagen oder Krebs im Endstadium?

Seniorweb-Mitarbeiter Peter Schibli beim Gespräch mit alt Bundesrat Adolf Ogi. Fotos: Peter Schibli

Lange wurde der Tod von unserer Gesellschaft tabuisiert. Hat sich die Sterbekultur mit Corona verändert?

Ich sehe klare Anzeichen dafür. Das Interesse an Patientenverfügungen ist gestiegen. Corona macht uns bewusst, dass das Leben vergänglich ist. Wir brauchen mehr Demut und Verständnis auch für die ältere Generation. Wenn es mir im Leben nicht gut ging, dann habe ich im Gasterntal die Berge angeschaut und mir gesagt: Diese Felsen werden noch da sein, wenn du nicht mehr lebst. Ich bin vergänglich, die Berge bleiben. Dadurch habe ich gelernt, mich nicht so wichtig zu nehmen, das Alter, die eigene Endlichkeit, den Tod zu akzeptieren. Demut ist in unserer Gesellschaft noch viel zu selten ein Thema.

Wie lautet Ihre Empfehlung? Mit welcher Grundhaltung sollen wir ins 2021 starten?

Schon mein Vater warnte davor, dass wir eines Tages eine grosse Pandemie erleben werden. Er sollte recht bekommen. Nun müssen wir versuchen, der Bevölkerung die Freiheit wieder zu geben. Je länger die Massnahmen andauern, desto stärker schlägt uns das Ganze auf die Psyche. Die Lebensfreude wurde durch Corona massiv eingeschränkt. Ich erkläre es an einem Beispiel: Im Emmental bedeutet der Hockey-Club Langnau alles. An Spieltagen kamen die Fans bis zum Lockdown aus allen «Krächen» nach Langnau in «ihr» Stadion. Seit sie nicht mehr zu den Spielen kommen dürfen, herrscht Tristesse. Das muss sich wieder ändern.

Als die Epidemiologen im Sommer davor warnten, glaubten ihnen nur wenige. Nun ist die zweite Welle da. Was ist falsch gelaufen?

In der ersten Welle im Frühling war die Bevölkerung unheimlich solidarisch und diszipliniert. Der Bundesrat regierte mit Notrecht. Fast alle hatten Verständnis für die harten Massnahmen. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle stellt sich nun die Frage: Hätte man sich besser darauf vorbereiten können? Dieser Punkt sollte genauer untersucht werden.

In der zweiten Welle erweist sich der Föderalismus als eine echte Herausforderung.

In der Tat. Der Föderalismus ist anspruchsvoll. Die besondere Lage, in welcher gemäss Epidemiengesetz primär die Kantone für Entscheidungen zuständig sind, stellt den Föderalismus auf eine harte Bewährungsprobe. Einige Kantone machen zu wenig, andere kritisieren den Bundesrat. Trotzdem halte ich viel auf unserem Föderalismus.

Man kann unterschiedlicher Meinung sein. Föderalismus ist dann gut, wenn er auf Einvernehmen und Kompromissen beruht. Es darf zu Beginn einer Vernehmlassung durchaus Differenzen geben, aber am Schluss ist Einvernehmen notwendig, ohne dass man sich ständig gegenseitig kritisiert. Das schwächt unser System und verunsichert die Bürgerinnen und Bürger.

Föderalismus ist seit 1848, seit der Gründung des Bundesstaats, Teil unserer gesellschaftlichen DNA. Föderalismus ist das für die Schweiz beste Organisationsprinzip, besser als der französische Zentralismus. Nach Ende der Corona-Krise brauchen wir eine Föderalismusdebatte. Meine Meinung ist klar: Wenn wir den Föderalismus und das Ständemehr bei Abstimmungen nicht hätten, dann gäbe es die Schweiz in der heutigen Form nicht. Wir sind ein Land mit vier Kulturen, vier Sprachen, 26 Kantonen. Diese Vielfalt kann man nicht über einen Kamm scheren.

Wie sehen Sie die Gratwanderung zwischen staatlichem Zwang und privater Selbstverantwortung?

In der zweiten Welle fehlt das Zusammengehörigkeitsgefühl, das während der ersten Corona-Welle gut gespielt hat. Wenn wir nicht mehr Disziplin und Selbstverantwortung zeigen, dann werden wir mit noch grösseren Einschränkungen rechnen müssen. Dann sind wir aber selbst schuld.

Aber wir haben doch das beste Gesundheitssystem der Welt.

Lange dachten wir, die Schweiz sei als Land besser als alle anderen, es hebe sich ab in den Ranglisten der Nationen. Nun müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass andere Länder die Corona-Krise besser bewältigen als wir. Ich rede nicht von Taiwan oder Singapur. Die haben unschweizerische Polizeigesetze. Doch auch bei uns zählen nur die Resultate. Bei der NEAT hatte ich das Glück, dass ich trotz Opposition im Bundesrat das Zeitfenster nutzte. Man muss einfach sagen: Ich will.

Jetzt ist es schwierig, weil die Leute genug haben vom Corona-Thema, und die Selbstverantwortung sowie Bereitschaft zum freiwilligen Handeln abgenommen haben. Darum musste der Bundesrat Anfang Dezember durchgreifen. Dafür habe ich Verständnis, obwohl für mich die Freiheit an oberster Stelle steht.

Haben Sie während Ihrer Amtszeit als Bundesrat ähnliche Krisen erlebt?

Die Herausforderungen während meiner Amtszeit sind nicht vergleichbar mit der Corona-Krise. Corona ist für den Bundesrat und die Kantonsregierungen die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich erlebte ebenfalls schwierige Zeiten, zum Beispiel bei der Aushandlung des Transitvertrags mit der EU oder mit der NEAT. Aber es ging nie um Leben und Tod von Tausenden von Landsleuten.

Sind die Regierenden dieses Landes mit der Bewältigung der Krise überfordert?

Zumindest sind die Verantwortlichen aller drei Staatsebenen, Bund, Kantone, Gemeinden, durch die Corona-Krise aussergewöhnlich stark gefordert. Gerade Kantonsregierungen und Gemeinderäte sind noch nicht sehr krisenerprobt. Das spürt man. Für mich hat die Corona-Krise gezeigt, dass die Staatsleitungsreform, die seit Jahrzehnten diskutiert wird und immer wieder verworfen wurde, nun zügig an die Hand genommen werden muss. Nun sollte man ernsthaft diskutieren, wie die vorhandenen Strukturen wirkungsvoll an die Regierungsabläufe und Themen des 21. Jahrhunderts angepasst werden können.

Können Sie das präzisieren?

Folgende Fragen drängen sich auf: Hatten die Mitglieder der Landesregierung während der Krise genügend Kraft und Zeit, um zu denken und zu lenken? Genügen sieben Bundesräte noch, oder braucht es mehr? Ist es zeitgemäss, wenn das Präsidium im Bundesrat jedes Jahr wechselt? Als Bundespräsident setzte ich die Staatsleitungsreform 1993 und 2000 auf die Traktandenliste. Ich hatte keine Chance. Aber heute hat man gute Gründe, das Thema wieder aufzunehmen. Der heutige Bundesrat sollte die Weichen für eine Reform im Interesse seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger stellen.

Wird bei den Corona-Massnahmen die Wirtschaft gegenüber der Kultur bevorzugt?

Die Wirtschaft ist halt der Motor unserer Gesellschaft. Die KMUs sind in der Schweiz wichtig, sie generieren Geld, was unser gutes Leben ermöglicht. Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann sollte es auch der Kultur gut gehen. Dass im Moment die Kultur nicht erste Priorität hat, bedaure ich. Vielleicht müssten sich aber auch die Kulturschaffenden fragen, ob sie sich zu wenig in die Politik eingebracht haben. Im Gegensatz zu den Bauern haben die Kulturschaffenden keine Lobby im National- und im Ständerat. Als Lehre aus Corona müssten sie sich bemühen, dass Kulturinteressen im Parlament nicht nur von den Linken vertreten werden, sondern auch von den Bürgerlichen.

Wie sehen sie die Corona-Folgen für den Sport?

Ich befürchte negative Auswirkungen. Juniorenmannschaften, der Breitensport sind stark eingeschränkt. Derzeit sind keine Spiele erlaubt. Ich befürchte, dass uns in einigen Jahren der Nachwuchs an der Spitze fehlen wird, weil dieser 2020 nicht kontinuierlich herangezogen wurde. Da geht sehr viel sehr schnell kaputt. Das bedaure ich sehr. Husch-husch kann man dieses Defizit nicht flicken. Corona ist wie eine Lawine, die immer breiter wird und neue Akteure erfasst. Die Langzeitwirkung der Krise ist noch nicht abschätzbar.

Geht in der täglichen Corona-Debatte die Sorge um unsere Umwelt unter? Sollten wir den Klimawandel nicht wieder stärker thematisieren?

Als SVP-Politiker war ich auch ein Grüner. Ich bin ein Mann der Berge und erlebe den Klimawandel anschaulich vor meiner Haustür in Kandersteg. Ja: Wir müssen den Klimawandel endlich ernst nehmen und wieder stärker diskutieren. Dabei müssen wir extreme Stimmen in die Schranken weisen. Für mich gibt es zu viele Umweltschützer, die Wasser predigen und Wein trinken. Gegen den Flugverkehr zu politisieren, aber für einen Kurzurlaub nach Mallorca und zum Einkaufen nach New York zu fliegen, geht nicht. Too much ist too much.

Wir müssen von Corona viel lernen, verstehen, korrigieren und besser aus der Krise herauskommen. Wir müssen uns wieder mehr als dienende Menschen verstehen, das heisst: der Gesellschaft dienen und weniger fordern.


Adolf Ogi wurde 1942 in bernischen Bergdorf Kandersteg geboren. Nach der Primarschule absolvierte er die Handelsschule in Neuenburg und die Swiss Mercantile School in London. In jungen Jahren wurde er Leiter des Verkehrsvereins Meiringen-Haslital, anschliessend Direktor des Schweizerischen Skiverbands und Generaldirektor der Intersport Schweiz Holding. Von 1987 bis 2000 war er Mitglied der Landesregierung, die er 1993 und 2000 präsidierte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundesrat amtierte Ogi von 2001 bis 2007 als UNO-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden. Heute ist der 78jährige Präsident der Stiftung «Freude herrscht», die er im Andenken an seinen verstorbenen Sohn Matthias 2009 gründete und die zum Zweck hat, Kinder und Jugendliche für Sport und Bewegung zu begeistern.  (PS)

 

3 Kommentare

  1. Auf dieses Interview habe ich in meinem ganzen Umfeld aufmerksam gemacht. Für die Analogen habe ich es ausgedruckt und verteilt. Es ist überall gut angekommen.

    Bundesrat Adolf Ogi ist und bleibt ein Landesvater, der uns Zuversicht vermittelt!
    Danke Dölf, danke Peter Schibli, für das tolle Interview! Und die guten Bilder!

  2. Grand merci à Peter Schibli pour cet excellent entretien avec M. Adolf Ogi. Tout ce qu’il dit est plein de bon sens et d’intelligence, à l’heure où l’on mesure les limites d’un fédéralisme de 1848 pourtant irremplaçable.
    André Durussel, Autor A*dS
    CH-1464 Chêne-Pâquier VD

  3. Dem Artikel und den beiden Kommentaren ist eigentlich nichts mehr beizufügen. Voll von gesundem Menschenverstand und von tiefen Einsichten in das Funktionieren unserer Demokratie. Echt Ogi! Unser Erfolgsmodell wäre ohne starke föderale Strukturen in der Tat nicht denkbar. Natürlich wurden in den Kantonen Fehler gemacht, aber beim Bund auch! Aber darum geht es nicht. Wir müssen aus der Situation, die wir haben und mit den Institutionen, die wir haben, das beste machen. Dazu gehört, auch die von Journalisten kolportierten Corona- und Generationen-Gräben nicht überzubewerten, aber endlich etwas zu tun, damit nicht die ganze von uns Alten verursachte AHV- und Pensionskassenmisère von der nächsten Generation ausgebadet werden muss.

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