FrontKulturEine Liebeserklärung an Südamerika und seine Menschen

Eine Liebeserklärung an Südamerika und seine Menschen

Der Basler Journalist Freddy Widmer (Bild) hat ein stimmungsvolles Buch mit fiktiven Geschichten über Südamerika geschrieben, eine Liebeserklärung an einen Kontinent, den er mit seiner Frau mehrfach als Rucksacktourist bereist hatte.

Weshalb schreibt ein ehemaliger Journalist ein Buch? Man könnte annehmen, er habe in seinem Leben genug Texte verfasst. Freddy und seine Frau Lis haben als Rucksackreisende zwischen 1975 und 2004 mehr als zwei Jahre auf dem südamerikanischen Kontinent verbracht. Sie besuchten Peru, Bolivien, Ekuador, Argentinien, Chile, Paraguay und Kolumbien und hielten ihre Erinnerungen in zahllosen Briefen fest.

Briefe oder journalistische Texte indes sind nicht dasselbe wie Bücher. So entschloss sich der langjährige Redaktor vor einiger Zeit, ein Buch zu schreiben. Nein, kein Tagebuch mit realen Erlebnissen, sondern ein Werk mit neun fiktiven Geschichten, eine Liebeserklärung an die Menschen und Landschaften zwischen dem Amazonas und Patagonien, zwischen den Anden und dem Regenwald. Die beschriebenen Personen und Handlungen sind allesamt erfunden. Und doch, vermutet der Leser, dürften die Widmers die eine oder andere Begebenheit so oder ähnlich erlebt haben.

Wilde Lamas in der bolivianischen Salar de Uyuni, der grössten Salzwüste der Erde. Foto Anouchka Unel

«Seinen Zorn auf den Massenmörder trägt er mit sich, wenn er hierher kommt. Aber immer bringt er noch anderes mit: Zeit. Obwohl, die Zeit kann ihm gestohlen bleiben. Und je länger ihm die Zeit gestohlen bleiben kann, desto mehr Zeit hat er, und desto weniger kann sie ihm jemand nehmen,» heisst es am Anfang der Publikation. In «Der Zeitgeber und andere Tode“ (Buchtitel) geht es um Themen, Beziehungen und Werte, die auch hierzulande gelebt werden.

Vom Dorfkönig…

Da begegnet man dem eigenmächtigen Antonio, der vom sozial eingestellten Dorfbewohner Chino vom Saulus zum Paulus bekehrt wird. Zu Beginn eines gemeinsamen Ausflugs gehen Chino noch Mordgedanken durch den Kopf. Doch nachdem er dem egoistischen «Dorfkönig» im Dschungel das Leben gerettet hat, lässt er davon ab. Antonio seinerseits entschliesst sich, für die Dorfbevölkerung ein Gemeindehaus zu bauen und sich fundamental zu verändern.

Ein anderer Protagonist ist ein kluger Esel namens «Toyota», der bei der Rettung eines unehrlichen Touristen eine entscheidende Rolle spielt. Ein «Gringo» lässt sich durch den Fremdenführer Armando während mehrerer Tage über die Berge führen. Kurz vor dem Ende der Expedition schneidet er dem Esel die Fussfesseln durch und flieht, um den Reiseführer um das Honorar zu prellen. Als er auf der Flucht in einen Fluss fällt, ist er auf Armando und den Esel angewiesen.

… und einer schönen Frau

Als unerfüllte Liebesgeschichte entpuppt sich die Begegnung eines Motorradfahrers, der auf seinem Sozius eine hübsche Frau mitfahren lässt. Als er sie wiedersehen möchte, erfährt er, dass die Angehimmelte seit zwei Jahren tot ist.

Aus Widmers Leben gegriffen scheint die Geschichte einer Dorfgemeinschaft, die einen kleinen Unterstand sowie eine Wasserleitung baut. Da dem Ingenieur bei der Planung ein Fehler unterlief, wird dieser bei einem Besuch von den Handwerkern beschimpft und gedemütigt. Auf einer Bergtour kommt der Ingenieur anschliessend ums Leben, worauf dessen Frau den Irrtum wiedergutmacht und der Dorfgemeinschaft eine grössere Hütte finanziert.

Bolivianische Indios demonstrieren für eine neue Verfassung. Foto Edwin Velásques

In den meisten Geschichten geht es um Gut oder Böse, um Recht oder Unrecht, um reich oder arm. Das überrascht nicht. Die Widmers leben ihre soziale Ader. Sie waren vor zwei Jahrzehnten Sponsoren eines Schulprojekts im bolivianischen Tiefland. Mit der Unterstützung von Freunden, darunter der Basler Kolumnist  -minu, halfen sie bei der Finanzierung eines Schulgebäudes, in dem heute einheimische Lehrer unterrichten. Das gespendete Geld sammelten sie in der Nordwestschweiz mit Sponsorenläufen und exklusiven Nachtessen.

Unjournalistisch poetisch

Alles in allem ist Widmers Buch eine liebenswürdige Beschreibung von skurrilen Figuren, von Lebensweisheiten sowie Werten wie Mitmenschlichkeit, Gemeinsinn, Fairness, Gleichberechtigung und Mitbestimmung. Deutlich wird seine Kritik an Ungerechtigkeit, Egoismus, Ausnützung und Machtmissbrauch. Die Sprache ist erfreulich unjournalistisch: Nicht kurze News-Sätze prägen die Geschichten, sondern ein reichhaltiger Wortschatz, eine sorgfältige, fast poetische Wortwahl, gespickt mit lateinamerikanischen Ausdrücken, die in den Endnoten gut erklärt werden.

Man erfährt, was Agutis sind (Nagetiere), Capybaras (Wasserschweine), wie gefährlich die Buschmeisterschlange (Riesenviper) ist. Chifa kann man essen (eine Mischung aus peruanischen und chilenischen Zutaten). Dazu trinkt man Chicha (ein Bier, das schon die Inkas kannten). Uta, in der Fachsprache mukokutane Leishmaniose genannt, ist eine Erkrankung der Schleimhaut. Der Erreger wird durch die in Peru und Kolumbien verbreite Sandmücke übertragen.

Willkommene Entschleunigung

Wer sich in das 150seitige Buch vertieft, merkt bald, dass die neun Geschichten nicht nur den kulturellen Horizont erweitern, sondern auch zur Entschleunigung beitragen. Nicht Hektik prägt die Figuren und deren Handlungen, sondern Musse, Genuss und Lebensfreude. So betrachtet, bestätigt Autor Freddy Widmer mit seinem Buch eine Erkenntnis des eingangs erwähnten Zeitgebers, der in der gleichnamigen Geschichte fragt: «Wie kann man etwas geben, das man nur dann wirklich hat, wenn man es verplempert?»


Freddy Widmer: «Der Zeitgeber und andere Tode», 2020, Verlag Edition Text und Media, ISBN 978-3-9524281-3-9, ist erhältlich bei der Basler Buchhandlung Bider &Tanner, Aeschenvorstadt 2, 4010 Basel. Telefon: 061 206 99 99, oder direkt beim Autor über freddywi@bluewin.ch

 

 

 

 

 

 

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