FrontKulturFremd in der Stadt, aber mitten im Leben

Fremd in der Stadt, aber mitten im Leben

Mit ihren beiden Chüngold-Büchern schuf die Berner Mundartdichterin Maria Lauber einzigartige Zeitdokumente. Die Kulturgutstiftung Frutigland hat die Werke neu aufgelegt und mit wertvollen Zusatzinformationen versehen.

Die Popularität der Schweizer Mundartliteratur verläuft in Wellen. Während sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erzählende Dialektprosa, autobiografische Dorf- und Bauerngeschichten grosser Beliebtheit erfreuten, war im Zweiten Weltkrieg Ziel und Zweck der Dialektwelle die «Geistige Landesverteidigung» der Schweiz. In den 70er und 80er Jahren schwappten populäre Mundartlieder (Berner Troubadours um Mani Matter, Toni Vescoli, Tinu Heiniger) über das Land. Daraus entwickelte sich der Mundartrock, -pop sowie der Mundartrap. Der Trend zur Mundartwerken in Wort und Musik ist auch im 21. Jahrhundert ungebrochen.

Dies erklärt nur zum Teil, weshalb die Kulturgutstiftung Frutigland kürzlich zwei Hauptwerke der 1973 verstorbenen Mundartdichterin Maria Lauber neu auflegte und mit vielen wertvollen Ergänzungen versah. Es sind die beiden Bücher «Chüngold»(Erstpublikation: 1950) und «Chüngold in dr Stadt» (Erstpublikation: 1954). Chüngold steht für den Vornamen «Künguld» (vermutlich von Kunigunde), der im Frutigland seit dem 16. Jahrhundert verwendet wird. Laubers Erstausgaben sind längst vergriffen, weshalb eine Neuauflage einem grossen Bedürfnis entsprach.

Band 1: Kindheit und Jugend

Im ersten Band schildert die in Frutigen in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Maria Lauber (1891–1973) das Leben eines Bergbauernmädchens auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die wache, sensible und grübelnde Chüngold versucht in einer stark von traditionellen Identitäten und Werten geprägten Bergwelt selbstgewiss ihren eigenen Weg zu gehen. Ihre nächste Umgebung, der Weiler Prasten, das Frutigland, die Täler der Kander und der Engstligen, die Familie, das harte Leben abseits der Industrialisierung und des bürgerlichen Luxuslebens, bilden den Kern ihrer Erzählung, die stark autobiografisch gefärbt ist. Chüngold identifiziert sich mit der Bergwelt. Das Tal ist für sie «mitten in der Welt». Heimat ist da, wo Maria Lauber aufgewachsen ist, sich wohl fühlte.

Band 2: Ausbildung zur Lehrerin

In der Fortsetzung «Chüngold in dr Stadt» beschreibt die Autorin ihr Leben zwischen 1907 und 1910, als sie in Bern das städtische Lehrerinnenseminar besuchte. Die rasanten Veränderungen in der Bundesstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts schildert sie aus der Sicht einer heranwachsenden Frau, einer scheuen Bauerntochter, staunend und ängstlich zugleich. Die Stadt ist für sie wie ein Irrgarten, fremd und bedrohlich.

Porträt der jungen Maria Lauber (Archiv Kulturgutstiftung).

Fern von Vater und Mutter, nabelt sich Chüngold vom Elternhaus ab, erlebt, wie sie aus der Geborgenheit des heimischen Tals herausgerissen und in der Stadt immer wieder von Selbstzweifeln und Heimweh erfasst wird. Als Mädchen aus den Bergen mit entsprechend bescheidener Kleidung spürt sie die Benachteiligungen gegenüber städtischen Klassenkameradinnen. Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz gibt sich Chüngold lernwillig, strebsam, sensibel und beeindruckt ihre Lehrerinnen sowie Lehrer immer wieder aufs Neue mit ihrer Natürlichkeit. So ist sie zwar fremd in der Stadt, steht aber trotzdem mitten im Leben.

 

Historische Detailtreue

Ein wertvolles Zeitdokument ist das Werk, weil Maria Lauber Berns Gassen, Häuser, Verkehrsmittel, die Menschen und deren Beziehungen, das Leben in der Bundesstadt detailreich und ohne Schnörkel beschreibt. Trams fuhren damals noch keine ins Fischermätteli, wo Chüngold bei Verwandten wohnte. Die Stadt war erst teilweise elektrifiziert, vielerorts lag Dreck in den Gassen. Der Unterricht am Seminar forderte von den Schülerinnen ebenso viel Kraft wie der tägliche Schulweg ins Marzili.

Die Seminarabschlussklasse 1910. Maria Lauber in der hintersten Reihe rechts aussen (Archiv Kulturgutstiftung).

«Chüngold in dr Stadt» schliesst mit einem Happy-End: Gross sind Freude und Stolz, als die Protagonistin 1910 die Abschlussprüfungen am Lehrerinnenseminar besteht und kurze Zeit danach an der Gesamtschule im Adelbodner Stigelschwand ihre erste Klasse übernimmt. Es klingt nach «Coming home»: Ab sofort stehen nicht mehr schmutzige Strassenzüge und kalte Häuser im Mittelpunkt der Erzählung, sondern die Natur, der Bergbach, die Blumenherrlichkeit. Nach ihrer Zeit in Adelboden unterrichtete Maria Lauber in Oberried (Gemeinde Lenk) und an der Unterschule Kien bei Reichenbach.

Maria Laubers Geburtshaus an Prasten (Archiv Kulturgutstiftung Frutigland).

Unschätzbarer Mehrwert

Genau wie der erste ist auch der zweite Chüngold-Band ein wertvolles Stück Mundartliteratur. Er dokumentiert ein Frutigdütsch, das heute nur noch von wenigen in dieser ausgeprägten Form gesprochen und von niemandem mehr geschrieben wird. Unschätzbar sind deshalb die Verdienste des Germanisten und Mundartkenners Erich Blatter, der die Neuauflage mit einer umfassenden Textredaktion und -kommentierungen zu Schreibweise und Aussprache bereichert hat. Im Glossar werden ungewohnte Bezeichnungen übersetzt und erklärt. Die vielen historischen Abbildungen wurden sorgfältig ausgewählt und sachkundig untertitelt.

Das Berner Fischermätteliquartier, wo Chüngold während ihrer Seminarzeit wohnte (Archiv Fred Braune).

Streng genommen sei der zweite Band kein Buch über Chüngolds Seminarzeit, «sondern eine Studie über die Unmöglichkeit, sich von der Welt ihres Herkommens zu lösen», schreibt Blatter. Gründe dafür sieht der Lauber-Biograf in der anerzogenen Pflicht zur Bescheidenheit, im strengen Bibelglauben der Glaubensgemeinschaften im Frutigland, im Wissen, dass die Ausbildung zur Lehrerin gelingen musste und keine Liebschaft möglich war, weil dies ein Verrat an den Eltern bedeutet hätte, sowie – last but not least – «in der Unfähigkeit der Lehrpersonen, die tiefe Verstörtheit von Chünghold zu erkennen und ihr zu helfen.»

Weitere wertvolle Zusatzbeiträge liefern in der Neuauflage der Mundartexperte Christian Schmid, die Schriftstellerin Barbara Traber, der Theologe Rudolf Dellsperger sowie der Pädagoge und Bildungsforscher Lucien Criblez. Ausser Chüngold schrieb Maria Lauber Gedichte, Erzählungen, Romane und Sagen in Mundart und auf Hochdeutsch. Für ihre Werke wurde sie mit dem Buchpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (1951) sowie Ehren- und Literaturpreisen der Stadt und des Kantons Bern (1966) ausgezeichnet. Ihr Grab befindet sich in Frutigen.

Titelbild: Die Spittelgasse mit Käfigturm im Jahr 1910, als Maria Lauber das Seminar besuchte (Bild: Burgerbibliothek Sammlung Hans-Ulrich Suter 65).


Chüngold, Erzählungen, Maria Lauber, Verlag Zytglogge 2018, ISBN: 978-3-7296-0974-7

 

 

 

 

 

Chüngold in dr Stadt, Erzählung, Maria Lauber, Verlag Zytglogge 2021, ISBN: 978-3-7296-5045-9

Weitere Informationen finden sich unter Kulturgutstiftung Frutigland: www.kulturgutstiftung.ch

 

 

 

 

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