FrontKolumnenWehret den Anfängen!

Wehret den Anfängen!

«Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!» So haben wir es von unseren Eltern gelernt. Mit diesem Sprichwort aus dem Märchen vom Hirtenbuben und den Wölfen haben wir gewusst, dass es besser ist, nicht zu lügen. Die Wahrheit zu sagen, so schwierig das manchmal war, bildete fortan die Gesprächs-Grundlage. Das war die Norm, meine ich mich zu erinnern!

Und wie ist es heute? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nicht so schön!

Erinnern Sie sich an die oft unerspriesslichen Aussagen und Twitter-Nachrichten vom vormaligen Präsidenten der USA? Alles, was man ihm vorhielt, bezeichnete er als fake oder fake News und stempelte es damit ab, als Lüge, die über ihn erzählt worden sei. So verwarf er jeweils in rabiatem Ton Aussagen, die er bewiesenermassen gemacht hatte, und erlaubte damit keine weitere Diskussion zum Thema.

Den Gipfel dieser Verdrehung von Tatsachen erreichte wohl die Aussage seiner Beraterin*, 2017, als in einer TV-Sendung der Moderator auf eine offensichtlich unwahre Behauptung aus dem Weissen Haus verwies, und sie diese als «alternative Fakten» bezeichnete.

Eine Lüge als eine andere Art von Tatsache zu bezeichnen – dieses Monster ging um die Welt. Sehr rasch. Man lachte zuerst darüber. Und schliesslich hat sich diese Verniedlichung in unseren Zeitgeist irgendwie eingenistet. Die Lüge wurde irgendwie legitimiert. Sie wurde, ich wage es fast nicht zu sagen: salonfähig! Das heisst, man nimmt sie oft einfach so hin: Es beginnt vielleicht bereits im Kleinen auf der persönlichen Ebene, in der Gesellschaft, in der Finanz- und Wirtschaftswelt und auch in der Politik. Und oft spielen die Medien, vor allem die sogenannt sozialen Medien eine zwiespältige Rolle. Einige haben nun aber Konsequenzen gezogen, indem sie zum Beispiel die Zahl der Kommentare drastisch einschränken. Zum Glück.

Kurz: Es muss uns bewusst sein, dass mit jeder wissentlich platzierten Unwahrheit gefährliche Weichen für die Menschheit gestellt werden.

Gibt es denn überhaupt die Wahrheit?

Diese Frage darf man sich stellen, angesichts der unschönen Entwicklung! Ich will auch nicht pingelig sein. Das meiste von dem, was wir sagen und hören, sind nämlich Meinungen, die wir zum Ausdruck bringen. Also Ansichten, Überlegungen, die wir vielleicht nach langem Werweissen und Reflektieren hegen. Sie bereichern im Allgemeinen die Diskussion. Und selbstverständlich macht das jeder auf seine Art – auch jeder Politiker, jede Politikerin.

Aber es gibt Grenzen. Denn immer, wenn wir in diesem Sinn reflektieren, steht ja dahinter eine Tatsache, ein Faktum oder eine Aussage, die nachweisbar gemacht oder nicht gemacht wurde, die also beurteilt werden kann. Und so eine Tatsache, so ein Faktum steht wie eine mathematische Formel, wo zwei und zwei gleich vier sind. Letzteres wird wohl niemand bezweifeln. Wenn aber die Fakten wissentlich verfälscht werden, befinden wir uns in einem höchst fragwürdigen Umfeld.

Tatsachen, Wahrheiten sind halt oft unbequem und erfordern den Mut, diese sich und anderen einzugestehen. In dieser Situation steckt jeder Chef, auch jeder Politiker – ob Mann oder Frau, eigentlich einfach jedermann. Auch jede Mutter, jeder Vater erlebt das, wenn er oder sie etwas mitteilen muss, das nicht eitel Freude erweckt. Gerade darin haben sie und überhaupt wir alle eine verantwortungsvolle Vorbildfunktion.

Unwahrheiten und gesellschaftliche Folgen

Wenn wir uns an Unwahrheiten gewöhnen, wenn das öffentliche Lügen zur Normalität wird, hat das für unser Zusammenleben, ob als Familie, als Gesellschaft, als Staat, auch als Welt höchst zerstörerische Konsequenzen: Das Vertrauen schwindet. Und damit löst sich das Bewusstsein, auch das Gefühl zusammen zu gehören auf. Dass das der Anfang vom Ende ist, brauche ich nicht speziell zu erklären. In krasser Weise fällt einem das Gleichnis vom Turm zu Babel** ein, wo niemand mehr den anderen verstehen kann und niemand mehr sich um den nächsten kümmert, wo keiner keinem mehr vertraut. Die Gesellschaft zerfällt.

Vertrauen in die öffentlichen Institutionen brauchen wir heute ganz speziell auch angesichts der grossen Herausforderungen, in denen wir stecken: die Klimafrage, die Migrationsprobleme, die Verschuldung der Welt. Dass diese Probleme nicht von heute auf morgen gelöst werden können, wissen wir. Idealistische Ideen, die die Veränderungen subito verlangen, braucht es zwar manchmal auch. Aber das Lösen von Problemen – und in diesem Fall von riesigen Problemen – ist eine Knochenarbeit, die zudem in einem internationalen Kontext steht und grosse Anstrengungen nicht nur von uns, sondern von uns im Verbund mit Hunderten von anderen Ländern und Regionen erfordert.

Dass wir in einer Demokratie leben, in der wir praktisch in jeder Sache mitreden und mitbestimmen können, macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil, die anspruchsvolle Zukunft verlangt von uns ein Mehr an Verständnis von Zusammenhängen und Abhängigkeiten. Wir sind somit in hohem Masse angewiesen auf klare Informationen und Erklärungen, die verlässlich sind. Denn das Vertrauen in die Behörden und Ämter ist und bleibt die Voraussetzung dafür, dass kluge, immer mehr notwendige Kompromisse Akzeptanz finden.

Darum: Wehret den Anfängen! Die Lüge darf keinen selbstverständlichen Platz in unserer komplexen Welt bekommen. Wir müssen vielmehr um Ehrlichkeit bemüht sein: denn sie währt am längsten!

*Kellyanne Conway

**Sinnbild aus der Bibel

3 Kommentare

  1. Dieser Satz, liebe Frau Weber, ist für mich der Kern des Zerfalls.

    «Wenn wir uns an Unwahrheiten gewöhnen, wenn das öffentliche Lügen zur Normalität wird, hat das für unser Zusammenleben, ob als Familie, als Gesellschaft, als Staat, auch als Welt höchst zerstörerische Konsequenzen: Das Vertrauen schwindet. Und damit löst sich das Bewusstsein, auch das Gefühl zusammen zu gehören auf. Dass das der Anfang vom Ende ist, brauche ich nicht speziell zu erklären.»

    Mit lieben Grüssen und danke für den Artikel
    Agathe Barmettler

  2. Wer willentlich lügt der ist einer von der Sorte die glauben alle andern tun das genauso. Das aber ist das eigentlich Unwahre daran. Die Folgen des gewohnheitsmässigen Lügens sind dass keiner mehr dem andern vertrauen kann. Deshalb ist das Lügen nicht ein Kavaliersdelikt das man tolerieren darf! Sondern es trägt wesentlich dazu bei dass das gemeinschaftliche Leben in Fürsorge zu einander kaputt geht. Nach meiner Meinung müsste auch das Lügen in Gerichtsverhandlungen speziell bestraft werden und nicht toleriert werden so wie das heute leider Gang und Gäbe ist. Ich bin ein Christus – gläubiger Mensch und ich sehe wie wahr doch die Aussage Jesu ist dass der TEUFEL der Vater der Lüge ist!

  3. Wir sind gerade wieder Zeugen einer Lügen-Propaganda: die SVP verteufelt einmal mehr ganze Teile der Bevölkerung mit Hass-Parolen zu einem behaupteten Graben zwischen Stadt und Land und einer finanziellen Ausbeutung des Landes durch die Städte. Wenn ich an die Milliarden denke, die jährlich in die Landwirtschaft fliessen, sind es krasse fake-Behauptungen in einer diffamierenden Sprache. … JA, wehret den Anfängen. Der geschürte Hass in unserer Politlandschaft ist an vielen Orten schon wirksam geworden.
    Noch kann sich eine grosse Partei von dieser fake-Politisiererei nicht lösen.

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