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Wer braucht schon einen Garten!

Wer einen Garten hat, würde ihn wohl ungern hergeben. Und wer keinen hat, kann nicht verstehen, was da so spannend sein kann an dieser Arbeit im Freien. Erklären kann ich das auch nicht. Aber ethymologisch kann bewiesen werden, dass es Gärten – und damit Gartenbegeisterte – schon immer gegeben hat. Angefangen bei Adam und Eva.

Es ist tiefster Winter. Und auch dem letzten Gartenfreak, der oder die immer etwas zu hacken, rechen oder schneiden findet, bleibt nur die Schneeschaufel als trauriger Ersatz. Zeit, sich mal zu fragen, was Menschen dazu bringt, selber zu pflanzen, zu säen, zu giessen, zu schützen und letztlich zu ernten. Zumal in der heutigen Zeit alles und noch viel mehr preiswert eingekauft werden kann.

In weiss, grau und schwarz präsentiert sich momentan der Garten. Aber grafisch kann er durchaus noch gefallen. (b.r.)

Ein Gemüsegarten war denn auch vor zehn, zwanzig Jahren nur noch etwas für die Ewiggestrigen, die Alten, die zu viel Zeit haben. Moderne Gärten brauchten einen Rasenroboter, eine Gartenschere, um den Rosenstock, den Buchs und den Bambus zu schneiden und vielleicht noch eine Nagelschere, um auch das letzte, vorwitzige Grashälmchen zu «designen».

Grün ist wieder gefragt

Und dann kamen die Jungen, bepflanzten ihre Balkone mit Gemüse und Kräutern und Apfelbäumchen, stürmten die Familiengärten, taten sich auf Industriebrachen oder am Rand von Parkplätzen zusammen für Gemeinschaftsgärten, gruben einen Teil ihres «optischen Grüns» vor dem Haus für ein paar Gartenbeete um und bildeten Schlangen vor den Gartencenter.

Gleichzeitig konnten Gartenzeitschriften mit Titeln wie «Wie lege ich einen Bienen-/Schmetterlings-/ Biogarten an?» ihre Auflagen steigern. Gartenarbeit wurde (wieder) modern. Das hat nichts mit Krisenzeiten zu tun. Keiner kann behaupten, dass die paar Salatköpfe und die Gurkenpflanze auf dem Balkon, die Bohnenreihen und der Krautstiel im Garten oder die Riesenzucchetti im Gemeinschaftspflanztrog das Familienbudget signifikant entlasten würde.

Aus vier, fünf kleinen Blättchen wachsen innert ein paar Wochen dicke Salatköpfe.

Ich behaupte, es ist die reine Freude, schöpferisch tätig zu sein. Zu sehen, wie aus einem mickrigen Setzling mit gerade mal fünf Blättchen ein dicker, grüner Salatkopf heranwächst, aus ein paar kleinen Kügelchen leuchtend rote Radieschen werden und aus einem vergessenen Samen beim Vogelhäuschen eine zwei Meter hohe Sonnenblume.

Gartenimpressionen

Und zu erleben, wie gut ein Rüebli, frisch aus der Erde gezogen schmeckt, wie langlebig die Cosmeenstauden, aus einer Handvoll Samen herangewachsen, sind, wenn man sie im Herbst stehen lässt. Denn dann verlustiert sich bis in den Winter hinein eine ganze Vogelschar an den braunen Blütenköpfchen. Sogar der Distelfink findet den Weg in den Garten oder auf den Balkon und die Elstern führen eine Slapstick-Komödie auf, wenn sie versuchen, auch an die Samen zu kommen. Sie sind einfach zu gross und zu schwer dafür, versuchen es aber immer wieder und begnügen sich schliesslich mit den paar am Boden liegenden Resten. Die wir eigentlich gerne behalten möchten, denn so keimen und wachsen im nächsten Jahr die Cosmeen ganz von selbst.

Cosmeen erfreuen bis in den Winter hinein: Zuerst mit ihren federleichten Blüten, danach als willkommene Futterquelle für die Vogelwelt.

Sogar in Ländern, wo der eigene Garten noch einen rechten Teil zur Grundversorgung und damit zur Entlastung des Familienbudgets beiträgt, ist die Freude am Gärtnern sichtbar. Im Umfeld von Nowgorod im Norden Russlands stehen die Datschen, die Wochenendhäuschen der Bewohner der Grossstadt. Die kleinen Gärten sind bis auf den letzten Quadratmeter bepflanzt mit Kartoffeln, Kohl und Zwiebeln. Aber an einer Hausmauer, meist in der Nähe der Türe, findet sich meist doch ein zerzauster Rosenstock, einige magere Astern. Essen muss sein, aber das Gemüt darf dabei nicht zu kurz kommen.

Gärtnern liegt bei uns nicht erst seit Corona im Trend. Was heisst da, «im Trend»? Gärten hat es, behaupte ich mal, schon immer gegeben. Seit Adam und Eva mit ihrem Obstgarten. Doch davon dann im Januarbeitrag.

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