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Einsatz im Künstlerhaus Boswil

Manager über 70 sind immer mehr gefragt. Ein Faktum, weil Erfahrung und Kompetenzen zunehmend gewünscht sind. Rüstige Rentner bleiben in der Regel aktiv und sind – falls sich entsprechende Möglichkeiten ergeben – über das Rentenalter hinaus im aktiven Einsatz. Vor allem Führungskräften fällt es nicht leicht, sich nach einem übervollen Arbeitsleben aufs Altenteil zu begeben. Da Freizeit ein Aspekt der Erwerbsarbeit ist und der Erholung dient, spricht man im Ruhestand von «freier Zeit», die nun anderen Ansprüchen genügen muss. Die meisten Rentnerinnen und Rentner tun zunächst, worauf sie sich lange gefreut haben: Sie geniessen die Ruhe, verreisen, treffen Freunde, gehen ihren Hobbys nach und erledigen Dinge, für die sie früher keine Zeit hatten. Doch vielen reicht das auf Dauer nicht. Zu einem erfüllten Leben gehört für immer mehr Rentner weiterhin eine sinnvolle Aufgabe. Zum Glück besteht das Angebot an Beschäftigungsmöglichkeiten im Ruhestand nach wie vor. Jung und Alt finden sich zunehmend zur zielführenden Zusammenarbeit!

Ein beeindruckendes Beispiel, wie ein Senior 75+ seinen Ruhestand aktiviert, finden wir gerade im Künstlerhaus Boswil, dem «Ort der Musik» des Kantons Aargau, welches sich seit vielen Jahren als Kompetenzzentrum für klassische und zeitgenössische Musik etabliert hat. Ein Kulturhaus mit nicht nur regionaler, sondern auch nationaler Ausstrahlung.

Das Künstlerhaus Boswil ist ein Leuchtturm in der Kulturlandschaft des Kantons Aargau und zieht jährlich gegen 15’000 musikbegeisterter Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Schweiz und darüber hinaus an. Das Künstlerhaus Boswil ist ein einmaliger Ort auf dem Land und diese Einmaligkeit macht es möglich, inmitten anderer Kulturbetriebe überhaupt bestehen zu können.

Um diesen Geist des Künstlerhauses Boswil aufrecht zu erhalten und weiter zu tragen hat sich nach der kurzfristig erfolgten Freistellung des seinerzeitigen Geschäftsführers Erich Näf als Mann im Pensionsalter (75+) bereit erklärt, diese Aufgabe ehrenamtlich ad interim zu übernehmen. Als langjähriger Stiftungsrat und Präsident der Finanzkommission kannte er den Betrieb und das Personal bestens. Da Erich Näf seit 2004 sich vom aktiven Geschäftsleben zurückgezogen hat, konnte er diese Aufgabe als Senior ab anfangs Mai 2021 im Vollamt sofort übernehmen. Mittlerweile sind einige Monate vergangen. Erich Näf war täglich in Boswil anzutreffen und erfüllte seine Aufgabe praktisch im Volljob mit jugendlichem Elan. Erst nach sieben Monaten, per 1. Dezember 2021, steht wieder ein vollamtlicher Geschäftsführer in der Pflicht.

Ein paar Gedanken zum Künstlerhaus Boswil

«Weltkunst auf dem Land» ist die zutreffende Bezeichnung, wie sich die Eigenart des Künstlerhaus Boswil am besten beschreiben lässt. «Weltkunst auf dem Land» ist auch der Titel des Buches von Hans Willi Rösch, der zusammen mit Albert Rajsek die Stiftung 1953 gründete. Das erste Ziel der Stiftung war, eine Stätte für mittellose Künstlerinnen und Künstler. Schriftsteller, Maler, Bildhauer und Musiker zu schaffen, die hier im Alter wohnen und weiterhin künstlerisch arbeiten konnten. Im Buch wird geschildert, wie mit grossem Einsatz und Hartnäckigkeit die Initianten die Gelder für den Betrieb aufbringen konnten. Das gelang mit der Unterstützung von Weltklasse-Künstlern, wie Clara Haskil, Geza Anda, Pablo Casals oder Yehudi Menuhin, die für Konzerte zugunsten des Künstlerheimes auf alle Honorare verzichteten.

Mit den wachsenden Sozialwerken ging der Bedarf für eine soziale Unterbringung von Kunstschaffenden zurück. Über die Stiftung entwickelte sich das Künstlerheim zunächst zu einem Zentrum für Musik, Theater, Literatur und Bildende Kunst. Seit bald zwanzig Jahren hat sich das Künstlerhaus Boswil in ein herausragendes Musikzentrum, mit Konzerten auf internationalem Niveau gewandelt. Ergänzt mit einem breiten Förderprogramm für junge Musizierende und einem vielfältigen Kursangebot: Boswiler Akademie für Profis und Amateure.

Eine besondere Stellung unter den Aargauer Kulturinstitutionen nimmt das Künstlerhaus Boswil insofern ein, dass es selber produziert als auch Gastkonzerte veranstaltet und darüber hinaus eigene Liegenschaften mit einem Konzertsaal in der alten Kirche, Übungs- und auch Veranstaltungsräume für Seminare, Büros für Administration, Sitzungsräume, Zimmer für Übernachtungen und eine Küche für die Verpflegung betreibt. Dieses Angebot wurde in den letzten Jahren wesentlich verbessert und ausgebaut.

Einen weiteren Höhepunkt, diesmal im künstlerischen Bereich, erlebte das Künstlerhaus Boswil mit der Verleihung des Europapreis für Musik am 1. Oktober 2021 in Lindau. Ausgezeichnet wurden das Klassikfestival «Boswiler Sommer» und das Künstlerhaus.

Der Boswiler Sommer ist ein Musikfest, das Menschen verschiedener Herkunft, unterschiedlichen Alters und Renommees zusammenbringt. Sie finden sich am Ort der Musik auf derselben künstlerischen und menschlichen Ebene. So gelingt es immer auch, grosse Namen nach Boswil zu holen. Der Boswiler Sommer ist aber auch eine Art Entdeckerfestival. Viele der heute grossen Namen hatten in Boswil ihre ersten Auftritte: Sol Gabetta, Maurice Steger, Patricia Kopatchinkaja oder Jonian Kadesha. Auch sie treten in Boswil immer wieder auf und geben so das Feuer an neue Talente weiter.

1 Kommentar

  1. Tolles Engagement des Seniors.
    Etwas eigenartig ist allerdings, dass der jetzige Geschäftsführer einen unterschriebenen Arbeitsvertrag anderswo hatte, für eine Stelle, die am 1.10. anzutreten war, und sich kurzfristig «aus gesundheitlichen Gründen» zurückzog – und keine zwei Wochen später erschien die Medienmitteilung zur Neubesetzung in den regionalen Medien…..

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