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Zu Besuch in Nufenen

Vor 800 Jahren hat die Besiedelung des Rheinwald, heute zerschnitten von der N13, durch die Walser begonnen.

Wandern auf alten Walserwegen ist beliebt. Wer diese Walser waren, woher sie kamen und wie sie lebten, ist weniger bekannt. Jean-François Tschopp aus Nufenen stemmt sich vehement gegen das Vergessen ihrer Kultur. Familien verliessen ihre Siedlungen im Oberwallis und wanderten Richtung Süden und Osten, besiedelten höher gelegene Alpen, welche die romanische Bevölkerung nur zur Viehsömmerung nutzte. Eins dieser Gebiete ist das Rheinwald, ein Hochtal zwischen der Rofla-Schlucht und dem San-Bernardino-Pass.

Ein grosser Stall, ehemals eine Suste, beherbert heute die Sammlung von Kulturgegenständen der Walser im Rheinwald.

Mitten im Tal steht das Walserama, wo Tschopp auf 760 Quadratmeter in drei Geschossen Tausende von Objekten zusammengetragen hat: «Das ist kein Museum, das ist eine Sammlung, und der grosse Raum erlaubt uns vom grössten bis zum winzigsten Gegenstand alles zu sammeln, was zur Walserkultur gehört.»

Jean-François Tschopp konnte nicht zuschauen, was an «Altertümern» in der Mulde landete. Er begann systematisch zu sammeln, bald von der Bevölkerung unterstützt, und gründete 2016 eine Stiftung, um den Schatz zu sichern.

Eine Führung mit dem Kurator, Restaurator, Szenografen und Allrounder, der jedoch vor allem Stiftungspräsident und Fundraiser ist, beginnt im grössten Raum. Hier stehen, umgeben von Postillions-Uniformen, einem Saurer-Kühlergrill, Fahrplänen, Fotos undsoweiter mehrere Kutschen und Schlitten in den Farben gelb und schwarz.

Ich steige in eine Postkutsche, gebaut 1915 in Chur für den Regelverkehr Splügen-San Bernardino und zurück und lese vor: «Spucken verboten.»Der Grund: Die Tuberkulose war damals sehr gefürchtet, werden wir informiert.

Blick in den Raum der Post mit Kutschen und Schlitten. © Walserama

Von 1922 an war der Kurs über den San Bernardino motorisiert. Das konnte der Regierung in Chur nicht passen: bis 1925 war das Auto in Graubünden verboten. Aber, sagt Tschopp: «Die Post war ein Bundesbetrieb! Sie musste sich nicht an kantonale Gesetze halten.»

Die Suste, ein Pferdewechsel- und Umladeort des Transportwesens, wurde 1680 gebaut. Erbaut von der 1648 geadelten Schenni-Familie, verlor sie ihre Funktion, als die Eisenbahn kam, und wurde bis zum Verkauf an die Walserama-Stiftung von Bauern genutzt.

Jedes Dorf im Rheinwald hatte diese Fahne. Bis in die 60er Jahre, dann wollte jede Gemeinde ihr eigenes Wappen. Jetzt, nach der Gemeindefusion könnte doch die alte Fahne wieder gelten.

Gegenüber der Suste steht das Gerichtshaus des Rheinwald. 1616 hatte man sich vom Grundherrn freikaufen können und die Hohe Gerichtsbarkeit bekommen. Das zog den Bau eines Rathauses samt Gefängnis nach sich. Das letzte Todesurteil erfolgte 1715. Das Ehepaar Tönz wurde zumTod verurteilt. Mattli Tönz, der Bruder, sollte auch umgebraucht werden. Aber er wurde zu 8 Jahren Galeerenhaft verurteilt und zur Deckung der Gerichtskosten an Venedig verkauft. Das steht in den Akten. Nicht verbrieft ist der Standort des Richtblocks. Aber Tschopp hat den Holzblock neben dem Kerker im Weinkeller identifiziert. Er trägt Spuren von Primatenblut, wie eine DNA-Untersuchung zeigt. Und die dendrologische Untersuchung ergibt: Der Baum war 1715 geschlagen worden.

Ausschnitt aus dem Lehens- oder Freibrief der Rheinwalder von 1277, also älter als der Bundesbrief von 1291. Damit garantierte der Lehensherr den Walsern die persönliche Freiheit, die Erbfreiheit, die Selbstverwaltung und die niedere Gerichtsbarkeit. © Walserama

Solch spezielle Augenblicke ergeben sich laufend, sofern der Hausherr Zeit für seine Gäste hat. In der Abteilung Transportwesen weist Tschopp auf ein kleines ovales Fass: «Eine Lägele» ruft einer der Gruppe. Zwei Legel, mit Wein gefüllt, wurden links und rechts des Saumtiers befestigt. Eine Daube hat sichtbar kleine, wieder verschlossene Löcher: «Beim Transport wurden Löchlein gebohrt, der Durst gestillt, Wasser nachgefüllt und Zapfen wieder rein,» ergänzt Tschopp.

Blick in die Ausstellung: Im Vordergrund Holzeimer mit Kälbernuggel.

Gleich nebenan steht die Kuh Lisa, lebensgross und angespannt. Zwar hat die Sammlung mehrere Joche geschenkt bekommen, aber wie man damit ein Tier vor einen Karren spannt, wusste niemand: «Fast ein Jahr brauchten wir, bis wir jemanden fanden, der das altes Joch fachmännisch einspannen konnte.»

Ebenso vergessen war, wie eine Talglampe funktioniert. Die Lösung fand Tschopp in Wien: Es braucht einen Kieselstein, an den der Docht gelehnt wird, so dass er nicht in den flüssig gewordenen Talg fällt und verlöscht. Wir indessen wissen kaum mehr, dass Talg das ausgelassene Fett von Wiederkäuern ist, während Schmalz vom Schwein oder der Gans stammt.

Schlittensammlung: Alles was es winters für Transportarbeiten braucht.

An einer Reihe von Schlitten für Holz-, Stein-, oder Weintransport, der «Schlittensymphonie» geht es vorbei ins Walserhaus, wo in der Küche Feuerherde aus verschiedenen Jahrhunderten stehen. Fliessend Wasser kam oft erst Anfang der 50er Jahre ins Haus, erinnert sich einer an seine Kindheit. Aber auf Kaffee verzichteten die Bergbauern nicht. Also verfügt die Sammlung über mehrere Kaffeemühlen verschiedensten Alters sowie über eine Kaffeeröstpfanne, in der die grünen Bohnen geröstet wurden.

Mäusesicher wurden die Vorräte wie Zucker, Maismehl, Reis und Mehl in einer Vorratstruhe aufbewahrt, für die Zeit auf der Alp gab es den viergeteilten Container aus Blech, kleiner und tragbar. Der alte Küchentisch ist wohl vor 70 Jahren schon mal renoviert, die Holzplatte mit Linoleum modernisiert worden. Dem Sammler Tschopp geht es weniger um Antiquitäten, als um Authentisches aus dem Tal. Die Spense, der kühle Vorratsraum geriet etwas gross, weil Wurstmaschinen, Schinkenpresse, Sauerkrauttopf – der fermentierte Kohl war einziger Vitaminspender im Winter – daneben das Garantol, Wasserglas für das Einmachen von Eiern, die Regale füllen.

Blick vom Herd aus zur Vorratstruhe und Wäscheleine. Rechts hinten die Butterfass-Sammlung.

Wie aber kommt einer mit französischem Vornamen dazu, sich als Walser zu bezeichnen? Jean-François kam als Kind Mitte der 50er Jahre an den Hinterrhein, Vater Tschopp war Bauleiter bei den Kraftwerken und danach beim Nationalstrassenbau. 1963 liess sich die Familie in Nufenen nieder. Später zog es den dipl. ing. ETH Jean-François zusammen mit seiner Splügner Frau nach Afrika in die Entwicklungshilfe. Und nun wieder Nufenen: «Ich bin der allerletzte eingewanderte Walser, 800 Jahre nach den ersten, die ins Rheinwald kamen,» denn die Tschopp stammen aus dem Wallis, aus Leukerbad.

Die Walser waren Viehzüchter, Wald- und Holzarbeiter.

Weiter geht es durch die Sammlungsräume – das Waschhaus mit Feuerstelle und Zuber für die halbjähriliche Buuchi, das Frauen-Zimmer mit Spinnrädern, Webstuhl, Stickgarn, Bügeleisen, das Herrenzimmer, darin alles, was mit Jagd zu tun hat – von der Trophäe über Stutzer und Fangeisen bis zum «Güllensauger». Ein riesiger Raum im Untergeschoss umfasst die vielfältigen Waaffi, Werkzeuge aller Art vor allem zur Holzbearbeitung. «Wir wissen noch nicht von jedem, was sein Zweck war,» sagt Tschopp.

Werkzeuge zum zerbrochenes Geschirr mit Draht «büezen». Keramik kam erst im 19. Jahrhundert ins Tal. Davor ass man auf Holz, Zinn oder Silber – je nach Status.

Was aber wäre ein Bergbauernhof ohne Milchverarbeitungsgeräte? Prunkstück ist der 350 Jahre alte Kupferkessel an einem Kessiturm, einer drehbaren Vorrichtung, um das Kessi beim Käsen rechtzeitig von der Feuerstelle zu nehmen. Aus der Schotte wurde nach dem Käsen Ziger hergestellt. Erst was dann übrig blieb, bekamen die Schweine. Und Ziger, konserviert im Rauch, war das, was die Rheinwalder Kinder aufs Brot geschmiert bekamen. Denn die Butter wurde exportiert, was viel rentabler war, als Käse auf fernen Märkten zu verkaufen.

Mit dem für Faschinen geeigneten Räf musste täglich ein anderer Bauer Brennholz in die Sennhütte bringen.

Der Käse kam jeweils auf dem Räf ins Tal zu den Höfen. Aber ein ganz spezielles Räf ging während der Alpzeit täglich von einem Bauern zum nächsten: Damit wurde das Holz, das der Senn unter dem Kessi fürs Feuer brauchte, geliefert. Der Holzlieferant durfte dafür die Schotte vom Vortag mitnehmen.

Dank eines alten Bauern weiss der Sammler und damit auch sein Publikum, welchen Zweck diese besondere Holztrage der Nufener Alpgenossenschaft hatte. Vermutlich ist jetzt der letzte Moment, dass noch Zeitzeugen Bescheid wissen, was der oder jener Gegenstand, der hier und nicht als Deko-Objekt in der Zweitwohnung eines Unterländers gelandet ist, für eine Funktion hatte.

Die Walser Bauern hatten während der Heuernte Knechte, meist Mäder aus dem benachbarten Italien. Ihre Unterkunft war sehr karg, dennoch mit Komfort.

Offensichtlich indessen ist die Funktion der Kommode im Mäderzimmer mit den einfachen Bettstellen und den Matratzen aus Laub. Aber erst, wenn unser Guide das Geheimnis lüftet und das «Water Closet», ein Sitz über einem mit Wasser halb gefüllten Kessel zum Vorschein kommt.

Das Walserama bekommt nun noch mehr Bedeutung für alle, die sich mit der Kultur und Geschichte der Wanderlandschaft auseinandersetzen wollen. Das Heimatmuseum in Splügen macht bis 2024 Pause und wird neu gestaltet. Aber auch in Nufenen kann Tschopp mit vielen Freiwilligen laufend ausbauen und vergrössern.

Titelbild: Das Chäschessi am Chästurra – dem drehbaren Baum mit Querbalken.
Fotos: E.C. wenn nicht anders vermerkt
Infos zum Besuch des Walserama in Nufenen

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