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Leben im Zügelchaos

Ida (82) war früher Geschäftsfrau und Inhaberin eines Gastrobetriebes in der Innerschweiz. Sie hat drei Kinder, 6 Enkelinnen und 6 Urenkel. Sie wohnt seit kurzem in einer 2-Zimmerwohnung in einem Mehrfamilienhaus mit Lift:

Mein Problem waren die vielen Treppen. Vom Eingang bis zu meiner Wohnung waren es 46 Stufen. Ich bin zwar noch fit, aber irgendwann kommt die Zeit, wo man das nicht mehr gut bewältigen kann. So war das bei meinem Mann und bei meinem Partner. Beide hatten am Ende des Lebens grosse Mühe mit dem Treppensteigen.

Ich hatte eine schöne grosse 5 Zimmerwohnung, die mir sehr gefallen hat. Mein Mann und ich haben sie für uns renoviert, nachdem wir das Geschäft an unseren Sohn übergeben hatten. Das ist jetzt schon mehr als 25 Jahre her. Die Wohnung war zwar sehr schön, aber die Lage wurde mit der Zeit schwierig. Zum Einkaufen brauchte ich ein Auto. Das machte mir zunehmend Sorgen, vor allem im Winter. Ich sah aber keine Möglichkeit, die Situation zu verändern, denn ich hatte ein Wohnrecht. Und weil ich nur die AHV habe, konnte ich mir nicht einfach anderswo eine Wohnung leisten. Als dann eines Tages meine Enkelin schüchtern gefragt hat, ob sie vielleicht meine Wohnung haben könnte, war ich richtig froh. Für sie und ihren Partner ist es gut, eine Wohnung im Haus zu haben. Für mich bedeutete das zwar eine grosse Veränderung, aber auch eine Chance. So haben wir das Projekt «Wohnungswechsel» an die Hand genommen. Ohne die Hilfe meiner Kinder und der Enkelinnen hätte ich das nicht bewältigen können. Sie haben im Internet nach bezahlbaren 2-Zimmerwohnungen gesucht und wir haben einen «Zügelchat» eingerichtet. Ich mache sonst nicht viel mit dem Handy, aber für Whats App Nachrichten ist es praktisch. Ich musste teilweise neue Möbel kaufen, weil die neue Wohnung viel kleiner ist und gut eingerichtet werden muss. Auch da haben sie mir geholfen.

Die grosse Frage: Was kommt mit und was kommt weg?

Für die Suche hatten wir ein paar Kriterien definiert, die mir wichtig waren: ein bezahlbarer Preis, eine gute Lage in der Nähe von Einkaufsmöglichkeiten, ein Lift, ein Balkon und wenn möglich eine Dusche, statt ein Bad. Die Wohnung, die ich jetzt gefunden habe, erfüllt fast alle Kriterien. Nur das Badezimmer ist nicht optimal, weil es eine Badewanne hat. Aber ich habe die Vermieter gebeten, mir einen Handgriff zu montieren. Das geht nun gut. Ich bin ja auch noch fit. Einmal pro Woche gehe ich ins Aquafit und zwei- bis dreimal ins Fitness. Auch das ist jetzt viel einfacher erreichbar als vorher. Seit dem Umzug brauche ich mein Auto nicht mehr, ich habe es verkauft.

Ich bin heute sehr froh, dass ich in der neuen Wohnung lebe und dass wir auch mit den Finanzen eine Lösung gefunden haben. Am schwierigsten war es, nicht zu wissen, ob ich eine passende Wohnung finden würde. Ich habe ein paar Wohnungen angeschaut und jeweils sofort gemerkt, wenn sie nicht passten. Wenn man ein gutes Gefühl hat, muss man sich schnell entscheiden und natürlich Glück haben, dass man die Zusage erhält.

Die wichtigen Bilder sollen wieder einen schönen Platz bekommen.

Die Zügelvorbereitung war anstrengend, aber auch interessant. Ich habe viele schöne Sachen verschenkt. Ein paar Möbel hat meine Enkelin über das Internet verkauft. Weil ich kurz nach der Schlüsselübergabe noch zwei Augenoperationen hatte, haben wir uns entschieden, den Umzug langsam umzusetzen. Das Zügelunternehmen kam erst sechs Wochen nach der Schlüsselübergabe. So war ich eine Weile nirgends richtig zu Hause. Dafür konnte ich mir genügend Zeit nehmen, um mich mit der neuen Wohnung anzufreunden. Ich konnte nach und nach den Keller einräumen, die Vorhänge anpassen lassen und ein wenig auf den Balkon sitzen. Der Zügeltag war stressig, aber zum Glück hatte ich Hilfe. Jetzt habe ich Zeit, mich hier schön einzurichten und freue mich, dass alles geklappt hat. Der Umzug hat meine Alltagsgewohnheiten verändert. Ich bin immer noch dabei, die Umgebung zu entdecken und herauszufinden, wie ich mein Sozialleben neu gestalten kann. Bei so einem Umzug muss man mit Unklarheiten leben und darauf vertrauen, dass sich die Dinge gut entwickeln.

Bisherige Beiträge der Serie «Wohngeschichten»:

Ade Familienwohnung
Schicksalsgemeinschaft mit Bruder


Zur Kolumne: Weil mich Wohngeschichten schon immer fasziniert haben, rede ich mit Menschen im letzten Lebensdrittel über das Thema Wohnen. Welche Bedeutung hat die Wohnung für eine Person? In welcher Lebensphase sucht man sich eine neue Wohnung? Was ist den Leuten wichtig? Ich freue mich jedesmal auf die Begegnung mit den spannenden Menschen und ihren Wohngeschichten.

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