FrontKolumnenWann ist der richtige Zeitpunkt?

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Max (89) war diplomierter Versicherungskaufmann. Er ist verwitwet, hat vier Kinder, zwei Enkel und fünf Urenkel und wohnt in einer Parterrewohnung mit Garage und Lift in Biberist.

Die Einrichtung und die Ausstattung der Wohnung haben wir zusammen geplant, aber eingezogen bin ich allein. Meine Frau und ich wohnten rund vier Kilometer entfernt in einem schönen Einfamilienhaus mit einem grossen Garten. Meiner Frau ging es gesundheitlich nicht sehr gut und so haben wir uns immer wieder Gedanken gemacht, wie wir unsere Wohnsituation verändern könnten. Damals gingen wir auf die 80 zu. Wir suchten eine Eigentumswohnung und haben verschiedene Objekte angeschaut, aber keines hat gepasst. Wenn man sich fürs Alter einrichtet, muss vieles stimmen. Im Rahmen dieser Suche sind wir im Anzeiger auf ein Neubauprojekt im Nachbardorf gestossen, das Eigentumswohnungen mit Service anbot. Das Haus ist mit einer Paserelle direkt mit dem daneben liegenden Altersheim verbunden und von der Tiefgarage führt ein Lift vor die Wohnung.

Die Parterrewohnung mit den Bonacasa Dienstleistungen ermöglicht Max ein sorgloses Dasein.

Wir waren sehr interessiert an diesem Angebot, kamen aber nach Besichtigung der öffentlich aufgelegten Pläne trotzdem zum Schluss, dass es für uns noch zu früh ist. Als meine Frau kurz darauf einen Unfall hatte, haben wir uns dann definitiv für einen Umzug entschieden. Die Vierzimmerwohnung, die wir im Auge hatten, war bereits verkauft, aber wir konnten zum Glück noch die letzte Dreizimmerwohnung erstehen. Zu den 28 Wohnungen gehört der Service von Bonacasa. Wir bezahlen eine Grundpauschale und erhalten dafür einen Notruf, der bei mir über das Telefon läuft. Ausserdem könnte ich bei Bonacasa und im gegenüberliegenden Heim weitere Dienstleistungen beziehen wie Bügeln, Hilfe im Haushalt, Essenslieferungen oder Hauswartarbeiten. Ebenfalls zur Grundleistung gehört die Concierge, die jeden Montag für zwei Stunden im Haus ist. Wer etwas braucht, hängt einen Karton an die Türe, dann weiss sie, dass sie kurz reinkommen soll. Mir hilft sie zum Beispiel regelmässig beim Wechseln der Bettwäsche.

Ich habe jede zweite Woche eine Putzfrau, den Rest mache ich selber. Ich koche mir jeden Tag ein Mittagessen, unternehme Ausflüge mit dem Auto oder besuche meine Kinder. Auch mit den Leuten im Haus habe ich guten Kontakt. Ein Ehepaar organisiert regelmässig gemeinsame Essen im Gemeinschaftsraum oder im Freien. Sie machen das von sich aus und die Initiative wird von den Bewohnern sehr geschätzt. Im Keller haben wir Tische und Bänke, die wir für draussen benützen können. Ich schätze es, hin und wieder Leute zu treffen, auch wenn ich sehr gerne für mich alleine bin. Eine Nachbarin schaut jeden Morgen, ob meine Rolläden oben sind. Wenn mir etwas passieren sollte, würde sie das sehen und Bonacasa anrufen. Sie haben einen Schlüssel und können jederzeit in meine Wohnung.

Zum Fitnessprogramm gehören regelmässige Übungen auf dem Rebounder.

Es fühlt sich sehr gut an, in einer Umgebung zu leben, wo ich weiss, dass ich bei Bedarf Hilfe erhalte. Momentan brauche ich keine weitere Unterstützung, ich bin sehr selbständig. Seit meinem Ausstieg aus dem Berufsleben bin ich im Haushalt tätig, weil wir fanden, dass die Pensionierung für beide Partner eine Entlastung bringen sollte. Ich komme gut alleine zurecht, aber ich bin froh, dass ich nicht mehr einen grossen Garten und ein grosses Haus besorgen muss. Hier habe ich den Haushalt schnell erledigt und ich bin immer froh, wenn ich Zeit habe, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Für Emails benutze ich das Tablett, für grössere Internetrecherchen den Laptop und für Zahlungen habe ich einen separaten Laptop wegen der Sicherheit. Eine Smartwatch habe ich auch, aber den Notruf lasse ich nicht darüber laufen. Das ist mir zu heikel, man möchte ja keinen falschen Alarm auslösen.

Leider konnte meine Frau diese schöne Umgebung nicht mehr erleben. Im Dezember vor neun Jahren ist sie gestorben und ich bin im März alleine eingezogen. Und ich bin wirklich sehr froh, dass ich hier bin.

Bisherige Beiträge der Serie «Wohngeschichten»:

Ade Familienwohnung
Schicksalsgemeinschaft mit Bruder
Leben im Zügelchaos


Zur Kolumne: Weil mich Wohngeschichten schon immer fasziniert haben, rede ich mit Menschen im letzten Lebensdrittel über das Thema Wohnen. Welche Bedeutung hat die Wohnung für eine Person? In welcher Lebensphase sucht man sich eine neue Wohnung? Was ist den Leuten wichtig? Ich freue mich jedesmal auf die Begegnung mit den spannenden Menschen und ihren Wohngeschichten.

4 Kommentare

  1. Ihr Beitrag geht in dieselbe Richtung wie die Kolumne von Roman Weissen vom 19. Juli 2022 «Landresidenzen als lebenswertes Zuhause im Alter». Diese aktuellen Drittabschnitt Senior*innen Wohnungen sind attraktiv. Aber sie richten sich nicht an die Durchschnittsrentner*in, die über eine tiefe AHV-Rente und vielleicht sogar über keine BVG-Rente verfügen. Wer will oder kann schon Zweidrittel seines Renteneinkommens für eine Wohnung mit Zusatzleistungen ausgeben. Hören Sie sich doch einmal bei den Minderbemittelten, meistens Frauen, sie werden ja auch älter, um. Das würde mich interessieren. Meines Erachtens braucht es nicht noch mehr Werbung für diese Pensionskassen-, Versicherungs-, Bank- und natürlich gewinnorientierten Anlagen-Angebote in den öffentlichen Medien. Und der Zeitpunkt eines eventuellen Umzugs ist so individuell wie die Lebensläufe dieser Menschen. Sorry, aber leider nicht sehr kreativ, Frau Antonia Jann.

    • Danke Frau Mosimann für die wertvolle Ergänzung. Viele Frauen verfügen tatsächlich über wenig finanzielle Mittel. Das ist auch der Grund, weshalb die Wohngeschichten ein ganzes Spektrum von Personen (und Einkommensklassen) abdecken. Viele Leute haben wenig Geld – aber einige Leute haben gute Renten. Aus meiner Sicht macht es deshalb Sinn, dass Leute, die sich ein professionelles Umfeld leisten können, dieses auch in Anspruch nehmen und bezahlen. Ich fände es nicht richtig, wenn nur günstige Wohnungen angeboten würden. Dann hat es nämlich für diejenigen, die darauf angewiesen sind, wieder zu wenig Platz. In diesem Sinne finde ich Vielfalt wichtig.

  2. Ich habe gar nichts gegen Vielfalt, Frau Jann. Aber leider sehe ich nur ganz selten eine günstige Alterswohnung ausgeschrieben, oder haben Sie evtl. andere Quellen als ich? Bitte machen Sie doch diese hier publik.

  3. Ueber die Wohngeschichten von Frau Jann.

    Wenn im Leben immer alles so schön gepasst hat, dann kann man sich mit 60 zurücklehnen und Gschichtli verzelle von anderen, wie sie das Leben eben nicht schreibt. Denn sich etwas erkämpfen oder erdulden müssen, das war ja nie. Solche Wohnungen mag es geben, sind aber ein absoluter Glücksgriff oder “wo ist der Hick” für jemanden aus bescheidenen Verhältnissen?
    Aber die Gschichtli werden von Menschen gelesen, die wissen wie das ist, sich ein einfaches Leben zu erkämpfen oder zu erdulden und die vorallem wissen was passt und was nicht weil sie das selber erlebt haben.

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