FrontKolumnenIch wollte mich noch mehr verkleinern

Ich wollte mich noch mehr verkleinern

Sascha (60) hat drei erwachsene Kinder und lebt getrennt von seiner Frau. Er leitet ein Altersheim und wohnt zur Miete in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit Lift in Zuchwil bei Solothurn.

In der Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung, in der ich vorher wohnte, hatte es ein Gästezimmer. Aber es wurde ehrlich gesagt immer mehr zu einem Lagerraum. Deshalb habe ich mich entschieden, mich nochmals zu verkleinern. Ich beschäftige mich in den letzten Jahren stark mit der Frage, wohin sich die Menschheit entwickelt und was der Wahn vom ständigen Wachstum alles anrichtet. Für mich ist völlig klar, dass wir weniger Ressourcen verbrauchen sollten. Ich überlege mir deshalb bei allen Gegenständen, ob ich sie wirklich brauche. Rund 300 kg habe ich beim Umzug entsorgt, einige Sachen sind noch in einem Zwischenlager – ich habe dafür zwei kleine Räume gemietet -, die ich im Winter einmal aussortieren werde. Jetzt bin ich in einer neuen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Industrieareal in Zuchwil, welches noch entwickelt wird.

In der Industriebrache werden in Zukunft noch mehr Wohnungen entstehen.

Das Quartier ist in der Nähe der Aare, das gefällt mir gut, denn ich bin in der Nähe eines Flusses aufgewachsen. Unser Leben war stark vom Fluss geprägt – dem Grenzfluss zwischen Kroatien und Bosnien. Ich kam 1992 mit meiner Frau und unserer Tochter aus Bosnien hierher. Wir meinten, der Krieg werde nicht lange dauern und wir könnten bald wieder zurück. Damals war ich ein junger Mann mit einem Anwaltspatent und hatte gerade mein erstes Geschäft aufgebaut. In der Schweiz fanden wir zu dritt eine Unterkunft in einem jüdischen Altersheim in Lengnau. Dort lernten wir Deutsch und begannen, im Heim mitzuhelfen. Im Sommer 1995 gab es einen Leitungswechsel und ich wurde vom Vorstand angefragt, ob ich die Leitung interimsweise übernehmen würde. Ich fand das natürlich eine sehr gute Chance und erhielt dann glücklicherweise die Arbeitsbewilligung zusammen mit dem Flüchtlingsstatus. Nach einigen Jahren in Lengnau und der Leitung eines Altersheims in Zürich habe ich vor 16 Jahren meine jetzige Stelle übernommen. Was mir bei der Leitung dieses Heims gefällt, ist die grosse Flexibilität, die wir den Menschen anbieten können. Man kann bei uns in einer Wohnung leben oder im Heim. Die Pflege können wir mit Spitex auch in den Wohnungen erbringen. Wir haben sogar eine Bewilligung, dass wir bis zu fünf Personen in ihren Wohnungen mit Heimleistungen betreuen dürfen. Erstaunlicherweise braucht es das aber selten. Meistens sind Spitexleistungen bis kurz vor dem Tod ausreichend.

Das Badezimmer ist so grosszügig, dass es auch mit Rollstuhl benutzt werden kann.

Wenn ich schaue, weshalb die Menschen zu uns ins Heim kommen, dann sind es oft bauliche Faktoren, die das Wohnen zu Hause schwierig machen. Die Treppe wird zum unüberwindlichen Hindernis oder das Bad kann nicht mehr benutzt werden, weil es zu klein ist.

Als meine Frau und ich unser Einfamilienhaus bauten, war es mir wichtig, dass es ein Minergiehaus wird. Und wir haben schon beim Planen das Älterwerden mitbedacht: Dazu gehörte ein schwellenfreier Zugang und ein grosszügiger Eingangsbereich. Im Erdgeschoss hätte man Wände einziehen und so eine kleine Wohnung abtrennen können, die Leitungen dazu waren vorbereitet. Auch die Badezimmer hatten genügend Platz, und bei der Treppe hätte man einen Treppenlift installieren können. Aber ich wurde nicht alt im Haus, da meine Frau und ich uns 2018 trennten.

Die Bilder aus meiner Heimat bedeuten mir viel.

Bei der Auswahl der neuen Wohnung achtete ich ebenfalls auf gute Energieversorgung und Hindernisfreiheit. Wir haben eine Erdsonde und eine grosse Photovoltaik-Anlage. Die Wohnung ist nicht nur hindernisfrei, sondern hat auch technische Finessen. So kann ich die Storen per App steuern und einem Freund, der mir in den Ferien die Blumen giesst, aus der Ferne per App die Wohnungstüre öffnen. Weil ich seit meiner Reduktion weniger Zeit für den Unterhalt der Wohnung brauche, kann ich mich mehr nach aussen orientieren – ich reise in meine Heimat, fotografiere, setze Projekte um und treffe mich mit Menschen.

Bisherige Beiträge der Serie «Wohngeschichten»:

Ade Familienwohnung
Schicksalsgemeinschaft mit Bruder
Leben im Zügelchaos
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Trotz Erblindung zu Hause


Zur Kolumne: Weil mich Wohngeschichten schon immer fasziniert haben, rede ich mit Menschen im letzten Lebensdrittel über das Thema Wohnen. Welche Bedeutung hat die Wohnung für eine Person? In welcher Lebensphase sucht man sich eine neue Wohnung? Was ist den Leuten wichtig? Ich freue mich jedesmal auf die Begegnung mit den spannenden Menschen und ihren Wohngeschichten.

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